Politik

Think Tanks in Russland: Hochkompetent - aber ohne Huldigung von Putin geht gar nichts

Denkfabriken verfügen in Russland über eine Jahrhunderte lange Geschichte. Das Land hat auch immer gerne mit Deutschen zusammengearbeitet. Kritik an der Staatsführung ist kaum möglich.
21.07.2020 17:36
Aktualisiert: 21.07.2020 17:36
Lesezeit: 4 min
Think Tanks in Russland: Hochkompetent - aber ohne Huldigung von Putin geht gar nichts
Russlands Präsident Wladimir Putin, hier bei einer Rede in der Bibliothek der Elite-Hochschule "Columbia University" in New York City. (Foto: dpa)

Jährlich organisiert der russische Think Tank IMEMO seine traditionsreichen Primakov-Lesungen. „Wir haben im laufenden Jahr folgendes Thema: ‚Die USA in Zeiten der Krise: Welche strategischen Folgen sind zu erwarten?‘", so IMEMO-Direktor Fedor Voitolovsky, als er das diesjährige Programm Ende Juni verkündete.

„Die Konferenz ist auch eine Huldigung für den Großen Bürger Russlands, für unseren Staatspräsidenten Waldimir Putin“, fügte Alexander Dynkin hinzu, der als Präsident der Denkfabrik fungiert.

Hintergrund: Die Primakow-Lesungen sind ein wichtiges Forum in Russland, auf dem sich turnusmäßig Vertreter aus Politik und Wirtschaft mit ranghohen einheimischen und ausländischen Wissenschaftlern treffen, um gewichtige Probleme zu diskutieren. Es trägt den Namen des Ökonomen und Politikers Jewgenij Primakov, der auch einmal Mitarbeiter im IMEMO war. Der mittlerweile verstorbene ehemalige Ministerpräsident ist der wohl prominenteste Mitarbeiter in der Geschichte des Think Tanks.

Und im laufenden Jahr ging es auf dieser Veranstaltung um die USA – und unter anderem um die Wahlen, die im Herbst über die Bühne gehen und zweifelsohne ein sehr wichtiges Ereignis in der internationalen Politik darstellen.

Dass der Präsident des Moskauer IMEMO, Dynkin, während seiner Vorstellung quasi eine Art verbalen Hofknicks vor Putin macht, ist für Russland typisch. Grundsätzlich verfügt das Land über hervorragende Wissenschaftler, die sich in der Presse und auf internationalen Veranstaltungen regelmäßig äußern. Doch ist es für sie nahezu unmöglich, grundsätzlich die Politik des Präsidenten in Frage zu stellen.

Das IMEMO, dessen Abkürzung für „Institut für Weltökonomie und Internationale Beziehungen“ steht, gehört zu den altehrwürdigen "Russischen Akademien der Wissenschaften" (RAN). Dabei handelt es sich um ein riesiges Netzwerk, das über 1.000 wissenschaftlichen Einrichtungen, etwa 125.000 Mitarbeiter und fast 50.000 Gelehrte umfasst – also eine ganze Armada an Intellektuellen.

Diese Verzahnung zwischen Politik, Wirtschaft und Wissenschaft hat in Russland eine lange Tradition. So lassen sich die Anfänge der RAN bis ins Zarenreich des 18. Jahrhunderts zurückverfolgen. Zar Peter der Große I. gründete 1724 die Einrichtung, um damit die russische Gesellschaft zu modernisieren. Forschungstätigkeiten in den Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften sollten dazu beitragen, die soziale und geistige Entwicklung der Russen voranzutreiben und an den Westen anzugleichen.

Deswegen haben die RAN schon immer ausländische Wissenschaftler aufgenommen – darunter auch viele Deutsche. Beispielsweise wurde der Mathematiker aus Hamm, Friedrich Hirzebruch, im Jahr 1988 Mitglied der Gelehrten-Riege. Der deutsche Forscher hat sich mit seinen wegbereitenden Arbeiten in der modernen algebraischen Geometrie weltweit einen Namen gemacht.

Damit gehörte der Wissenschaftler zu einer ganzen Reihe von Deutschen, die sich mit den RAN in Verbindung bringen lassen. Im 18. Jahrhundert waren es beispielsweise der Historiker Hartwig Bacmeister oder der Philosoph Georg Bernhard Bilfinger.

Die RAN hat sich zwar schon immer um Ausländer bemüht, um das internationale Renommee der Einrichtung zu verbessern, doch stehen die russischen Gelehrten im Mittelpunkt – nach wie vor. Grundsätzlich sind die russischen Think Tanks und ist die russische Wissenschaft ans sich weltweit für ihre Arbeit anerkannt.

So liegt das IMEMO auf dem aktuellen Index der US-amerikanischen Stiftung Center for Strategic and International Studies (CSIS) für 2019 auf dem 33. Platz. Das Projekt, das Analysten der Universität Pennsylvania für die CSIS ausgeführt haben, hat gewaltige Ausmaße: Sie befragten weltweit fast 4.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in 1.800 Einrichtungen, um sich ihr Urteil zu bilden.

Die US-Amerikaner veröffentlichen jedes Jahr ein Ranking der wichtigsten Denkfabriken, die es auf der ganzen Welt gibt. Unter den 176 wissenschaftlichen Zentren, die dort gelistet werden, befinden sich IMEMO und andere russische Häuser auf den vorderen Rängen. 16 russische Zentren – also die Mehrzahl – finden in der Kategorie „Beste Forschungsorganisationen in Ost- und Mitteleuropa“ ihren Platz.

Hier nimmt IMEMO den achten Rang ein. Darüber hinaus liegt das Moskauer Zentrum für Wirtschafts- und Finanzanalysen (CEFIR) an der Neuen Wirtschaftsschule (NES) in der Tabelle an 15. Stelle. „Sie nehmen würdige Plätze ein“, wie die Onlineausgabe des Moskauer Boulevard-Magazins „Moskowski Komsomolez“ (MK) findet.

Allerdings gibt es ein Problem: Die russischen Einrichtungen werden relativ wenig vom russischen Staat gefördert, wenn man das Land mit anderen Staaten vergleicht. Wie aus Statistiken der EU hervorgeht, hat die russische Führung im Jahr 2018 etwas weniger als ein Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) für Forschung und Entwicklung (F&E) ausgegeben.

Zum Vergleich: Deutschland erreichte 3,1 Prozent, und die Gemeinschaft kam auf einen durchschnittlichen Wert von 2,1 Prozent.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Damit Sie sich auf Ihr Unternehmen konzentrieren können

Ein Unternehmen zu führen, bedeutet, täglich Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig soll möglichst...

DWN
Politik
Politik Wie gewinnt man den nächsten Krieg? Ex-US-Verteidigungsminister Austin erläutert in Warschau die NATO-Strategie
14.10.2026

Der pensionierte General Lloyd Austin, der unter Präsident Joe Biden US-Verteidigungsminister war, hat beim Warsaw Security Forum die...

DWN
Finanzen
Finanzen Goldpreis aktuell unter Druck: Nach US-Inflationsschub blicken Anleger auf die Fed
14.10.2026

Der Goldpreis tendiert am Mittwochnachmittag in der Verlustzone, weil höhere US-Verbraucherpreise die Hoffnung auf eine Zinssenkung...

DWN
Politik
Politik Trumps Vereinbarung mit Putin dreht sich um weit mehr als Diesel
14.10.2026

Donald Trumps Diesel-Abkommen mit Wladimir Putin wirkt auf den ersten Blick widersprüchlich: US-Gesetze begrenzen russische...

DWN
Technologie
Technologie Starlink in der Ukraine: Streit um neue Geschwindigkeitsgrenze
14.10.2026

In der Ukraine wächst der Ärger über eine offenbar neue Einschränkung beim Satelliteninternet Starlink. Nach Angaben aus dem Umfeld von...

DWN
Politik
Politik Zuckersteuer beschlossen: Kabinett bringt Extra-Steuer auf den Weg
14.10.2026

Zwischendurch hatte das Kanzleramt sie gestoppt, das Finanzministerium musste nacharbeiten - jetzt ist die Zuckersteuer in der...

DWN
Politik
Politik Grüngasquote für private Haushalte ab 2028 sorgt für Kritik
14.10.2026

Die schwarz-rote Koalition hatte sich bei der Einigung auf das neue Gebäudemodernisierungsgesetz - als Nachfolger des...

DWN
Finanzen
Finanzen Bitcoin-Prognose: Warum die nächsten Tage alles verändern könnten
14.10.2026

Bitcoin steht vor einer entscheidenden Bewährungsprobe. Nach massiven Kapitalabflüssen aus Bitcoin-ETFs und einem Kursrutsch auf nahezu...

DWN
Finanzen
Finanzen Sollte ich US-Banken kaufen? Warum ich Citigroup und Wells Fargo genauer prüfe
14.10.2026

Nach der starken Rally ist bei US-Bankaktien Ernüchterung eingekehrt. Gleichzeitig steigen die Gewinne vieler Institute weiter. Für mich...