Finanzen

Was den Goldpreis über 1800 Dollar getrieben hat

Im ersten Halbjahr steckten Anleger so viel Geld in Gold-ETFs wie nie zuvor. Diese starke Nachfrage hat den Goldpreis auf den höchsten Stand seit neun Jahren getrieben, und Analysten zufolge ist die Rallye noch nicht vorbei.
13.07.2020 08:09
Aktualisiert: 13.07.2020 08:09
Lesezeit: 3 min
Was den Goldpreis über 1800 Dollar getrieben hat
Verschiedene Goldmünzen und Goldbarren. (Foto: dpa)

In New York war ein wichtiger Gold-Terminkontrakt bereits in der vergangenen Woche für mehr als 1.800 Dollar je Unze gehandelt worden. Und diese Woche am Mittwoch stieg nun auch der Londoner Spotpreis zum ersten Mal seit neun Jahren über die Marke von 1.800 Dollar je Unze. Am Freitag verharrt der Goldpreis weiterhin über der psychologisch wichtigen Marke und neue Höchststände sind bereits in Sicht.

Der Goldpreis ist in diesem Jahr bisher um etwa 19 Prozent gestiegen und hat damit seine Position als eine der am besten performenden Anlageklassen des Jahres 2020 gefestigt. Der Anstieg erklärt sich vor allem durch die massiven Zuflüsse in mit Gold besicherte Börsenfonds. In der ersten Jahreshälfte haben Investoren einen Rekordbetrag von netto 40 Milliarden Dollar in Gold-ETFs angelegt.

Anleger suchten wegen der erhöhten konjunkturellen Unsicherheiten infolge der Corona-Krise nach einem sicheren Wertaufbewahrungsmittel. Und laut James Steel, Chef-Analyst für Edelmetalle bei HSBC, einer der größten Edelmetallbanken der Welt, erholten sich die Preise "schon lange vor dem Aufkommen von Covid-19". Das Virus habe den Preisanstieg lediglich verstärkt, zitiert ihn die Financial Times.

Die Nettozuflüsse in börsengehandelte, mit Gold unterlegte Fonds erreichten im Juni 104 Tonnen (5,6 Milliarden Dollar) und brachten die weltweiten Bestände auf ein neues Allzeithoch von 3.621 Tonnen, die einen Gesamtwert von mehr als 200 Milliarden Dollar haben, wie Daten des World Gold Council zeigen, die in dieser Woche veröffentlicht wurden.

Insgesamt beliefen sich die Nettozuflüsse in der ersten Jahreshälfte auf 734 Tonnen (40 Milliarden Dollar). Damit übertrafen die Zuflüsse in den sechs Monaten dem World Gold Council zufolge sogar die höchsten bisher verzeichneten Jahreszuflüsse, und zwar sowohl in Bezug auf die Tonnage (646 Tonnen im Jahr 2009) als auch auf den Dollarwert (23 Milliarden Dollar im Jahr 2016).

Die rekordhohen Zuflüsse in die ETFs haben dazu beigetragen, den Einbruch der Schmucknachfrage, die nach Schätzungen des HSBC in diesem Jahr um ein Fünftel zurückgehen könnte, und eine Zunahme des Recyclings auszugleichen. Die Investitionsnachfrage müsse weiter anhalten, "damit Gold gedeihen kann", zitiert die Financial Times John Reade, Chief Market Strategist beim WGC.

Die Goldproduzent profitieren derzeit nicht nur vom steigenden Preis, sondern auch davon, dass sich trotzdem ihre Kosten nicht erhöhen, etwa für Energie. Der Index der Goldproduzenten an der New Yorker Börse, der Arca Gold Miners Index, ist in diesem Jahr bereits um 28 Prozent gestiegen. "Wir erwarten eine starke Zwischenberichtsperiode", so der Analyst Justin Chan vom Londoner Börsenmakler Numis.

Das massive Gelddrucken macht Gold attraktiver

Wie praktisch alle anderen Anlageklassen so wurde auch Gold im März hart getroffen, als die Anleger Liquidität benötigten und eiligst Anlagen verkauften. Seitdem haben Staaten und Zentralbanken weltweit riesige fiskalische und monetäre Maßnahmen eingeleitet. Die Renditen anderer sicherer Vermögenswerte wurden dadurch nach unten gedrückt. US-Staatsanleihen handeln nunmehr mit einer real negativen Rendite.

Anleger sollten Aktien und Gold gegenüber Anleihen und Bargeld bevorzugen, sagte Anfang des Monats Ray Dalio, der Gründer des weltgrößten Hedgefonds Bridgewater Associates. Denn Anleihen und Bargeld hätten nur noch negative Renditen, und die Zentralbanken würden bald noch mehr Geld drucken, zitiert ihn Bloomberg.

In jüngster Zeit profitierte Gold davon, dass Anleger nach einem Anstieg der Covid-Neuinfektionen in den USA ihre Investitionen in risikoreichere Anlagen abgesichert haben. "Die Furcht vor einem weiteren Anstieg der Infektionen und die damit verbundene Lockdown-Angst haben die Nachfrage und damit die Preise getrieben", sagte Carsten Menke von der Schweizer Bank Julius Bär.

Analysten erwarten neue Rekordhochs beim Goldpreis

"Die Argumente dafür, dass der Goldpreis über 1.800 Dollar bleibt, sind ziemlich stark: der schwächere US-Dollar, die sprunghaft angestiegenen Covid-19-Fälle und Zweifel einiger Fed-Beamte an der Erholung der US-Wirtschaft", sagt Warren Patterson, Leiter der Rohstoffstrategie bei ING in Singapur.

"Es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, bis wir die Allzeithochs testen werden", so Patterson weiter. Zwar werden seiner Ansicht nach Gewinnmitnahmen wahrscheinlich einen gewissen Widerstand bieten, da der Goldpreis nahe dem vorherigen Rekord liegt. Doch das scheine im aktuellen Umfeld nicht genug zu sein, um neue Allzeithochs verhindern zu können.

"Die gesundheitlichen, finanziellen und wirtschaftlichen Unsicherheiten, die durch die Covid-19-Pandemie und ihre Nachwirkungen hervorgerufen wurden, werden die Erholung des Goldpreises wohl bis weit ins Jahr 2021 hinein stützen, aber auf einem niedrigeren Niveau", glaubt James Steel von HSBC. Der Preis könnte bis Ende des Jahres 1.845 Dollar erreichen und dann 2021 wieder auf 1.705 Dollar zurückfallen.

Andere Marktbeobachter erwarten hingegen, dass der Goldpreis bald neue historische Höchststände erreichen könnte. So sagt der Ökonom Howie Lee von Oversea-Chinese Banking, einem Kreditinstitut in Singapur: "Der bisherige Rekordkurs von 1.900 Dollar ist jetzt in Sicht und wir vermuten, dass Gold vor Ende 2020 sogar versuchen könnte, 2.000 Dollar zu erreichen, wenn die Zahl der US-Covid-Fälle nicht zurückgeht."

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