Finanzen

Wann kommt die neue Weltwährung - und wer wird sie kontrollieren?

Lesezeit: 5 min
21.08.2020 15:00  Aktualisiert: 21.08.2020 15:09
Die derzeit regierende Weltleitwährung Dollar weist erste Anzeichen von Erschöpfung auf. Wer wird den König beerben? Mehrere Aspiranten haben sich bereits in Stellung gebracht, schreibt Ernst Wolff.
Wann kommt die neue Weltwährung - und wer wird sie kontrollieren?
Das IWF-Logo. (Foto: dpa)

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Dass Zentralbanken in aller Welt sich seit längerem mit einer möglichen Einführung von Kryptowährungen beschäftigen, ist allgemein bekannt. Neuerdings kommen aber auch immer wieder Gerüchte auf, dass zumindest die großen Zentralbanken an einer digitalen Weltwährung arbeiten, die ebenfalls auf der Blockchain-Technologie beruhen soll.

Bis heute haben es nur wenige klassische Währungen geschafft, weltweite Bedeutung zu erlangen. Die wichtigsten von ihnen sind das britische Pfund, der Euro und der US-Dollar. Grundlage für den internationalen Aufstieg des britischen Pfundes waren die Kolonialpolitik und die Ausweitung des Herrschaftsbereiches Großbritanniens. Grundlage für den Höhenflug des Euro war der historisch einmalige Beschluss, mehrere zum Teil wirtschaftsstarke Länder zu einer einheitlichen Währungszone zusammenzufassen.

Die bisher einzige Weltwährung: der US-Dollar

Die bisher unumstritten mächtigste global verwendete Währung aber ist bis heute der US-Dollar, der seinen Sonderstatus vor allem drei Faktoren verdankt: Dem Aufstieg der Wall Street im 19. Jahrhundert, der Kreditvergabe in zwei Weltkriegen, die die USA zum größten Gläubiger der Welt machte, und der Ernennung des US-Dollars zur ersten globalen Leitwährung auf der Konferenz von Bretton Woods im Jahr 1944.

Obwohl der Dollar 1971 vom Gold abgekoppelt und die in Bretton Woods beschlossenen festen Wechselkurse 1973 aufgegeben wurden, ist es den USA gelungen, die Spitzenstellung der eigenen Währung durch die Bindung des internationalen Ölpreises an den Dollar (den sogenannten Petro-Dollar) auch über das Bretton-Woods-System hinaus zu erhalten.

Bis heute ist die US-Währung das mit Abstand meistgehandelte und damit wichtigste Zahlungsmittel der Welt. Dennoch ist seine Position nicht mehr annähernd so stark wie noch zur Jahrtausendwende, und zwar aus mehreren Gründen.

Zum einen ist mit China ein mächtiger Konkurrent entstanden, der die USA als Handelsnation inzwischen weit hinter sich gelassen hat. Während die Amerikaner nur noch stärkster Handelspartner von etwa 65 Ländern der Erde sind, bringen es die Chinesen inzwischen auf etwa 130 Länder. Zudem haben sie mit der Neuen Seidenstraße das größte Wirtschaftsprojekt in der Geschichte der Menschheit im Angriff genommen, halten US-Staatsanleihen in Höhe von über einer Billion US-Dollar und sind inzwischen zur größten Werkbank der USA geworden.

Zwar spielt die chinesische Währung, der Yuan, international noch immer eine untergeordnete Rolle, doch ist er immerhin 2016 vom Internationalen Währungsfonds (IWF) in dessen Währungskorb aufgenommen worden und gewinnt langsam, aber stetig an Bedeutung.

Größtes Problem des Dollars: Sein unaufhaltsamer Kaufkraftverlust

Entscheidender als China und der Yuan dürfte für die Zukunft des Dollars aber dessen gewaltiger Kaufkraftverlust der vergangenen Jahre sein, der insbesondere durch die Reaktion der FED auf die Krise von 2007/08 und auf die Corona-Krise 2020 beschleunigt worden ist. In beiden Fällen musste die US-Zentralbank riesige Dollarmengen schaffen, um das System vor dem Absturz zu bewahren.

Dadurch haben die US-Währungshüter allerdings einen Weg eingeschlagen, auf dem es kein Zurück mehr gibt. Der von ihnen in Gang gesetzte Mechanismus wird sie zwingen, bei allen weiteren Krisen immer höhere Summen zu mobilisieren, um das System am Leben zu erhalten. Und nicht nur das: Auf Grund des rasant zunehmenden Arbeitsplatzabbaus infolge der Roboterisierung und des Einsatzes von künstlicher Intelligenz im Arbeitsleben zeichnet sich bereits ein weiteres historisches Problem ab: die Finanzierung einer unübersehbaren Armee von Arbeitslosen, für die einfach keine Beschäftigungsmöglichkeit mehr besteht.

Wie dieses Problem gelöst werden soll, ist bereits bekannt: Mit Hilfe von Helikoptergeld, das den Menschen beschönigend als „bedingungsloses Grundeinkommen“ angepriesen wird, das in Wahrheit aber nur dazu dient, die immer geringere Nachfrage nach Konsumgütern durch eine Erhöhung der Kaufkraft anzukurbeln.

Würde man dieses Helikoptergeld den Empfängern in Form einer digitalen Währung direkt aufs Smartphone schicken, könnte sichergestellt werden, dass es innerhalb eines bestimmten Zeitraumes ausschließlich zu Konsumzwecken ausgegeben wird.

Zentralbanken - eher Partner als Konkurrenten

Da außer der FED auch alle anderen Zentralbanken mit dem Problem der Explosion der Arbeitslosenzahlen konfrontiert sind, würde sich hier eine Fortsetzung der Zusammenarbeit anbieten, die sich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten entwickelt hat: Wegen der immer stärkeren internationalen Verflechtung des Finanzkapitals stimmen die Zentralbanken ihre Maßnahmen ja bereits seit längerem eng aufeinander ab und arbeiten einander zu. Ohne diese Kooperation wären die globalen Finanzmärkte heute weltweit auch gar nicht mehr im Gleichgewicht zu halten.

Trotzdem ist es schwer vorstellbar, dass sich Regierungen über alle Landesgrenzen hinweg auf eine einheitliche Weltwährung einigen könnten. Vor allem die Erfahrung mit dem Euro hat ja gezeigt, dass eine solche staatenübergreifende Lösung einige Länder begünstigt und andere benachteiligt. Das lässt vermuten, dass die Einführung einer gemeinsamen Währung an politischen Differenzen scheitern dürfte.

Einen möglichen Ausweg aus dieser Lage könnte höchstens eine über den Zentralbanken stehende Institution wie zum Beispiel die Weltbank oder der Internationale Währungsfonds (IWF) bieten. Im Falle des IWF böte sich das sogar an, da er bereits über eine eigene Währung verfügt, nämlich die Sonderziehungsrechte (SDR für englisch: Special Drawing Rights).

Der IWF und die Sonderziehungsrechte als Weltwährung?

Die SDR wurden 1969 vom IWF als künstliche Währung eingeführt, nachdem die Goldvorräte der USA Ende der 1960er Jahre immer weiter abgenommen hatten und das bis dahin fast unbegrenzte Vertrauen in den US-Dollar erste Risse zeigte.

Zunächst waren sie wie der US-Dollar an Gold gebunden. Diese Bindung wurde 1973 jedoch aufgehoben und durch einen Währungskorb ersetzt, der heute aus US-Dollar, Euro, Yen, britischem Pfund und seit 2016 auch aus chinesischem Yuan besteht, der mittlerweile mehr Gewicht als der japanische Yen und das britische Pfund hat.

Die SDR dürfen als internationales Zahlungsmittel ausschließlich zwischen Staaten gehandelt werden. Sie wurden bislang nur in den Krisenjahren 1970-72, 1979-81 und im August und September 2009 eingesetzt, also immer in solchen Phasen, in denen das Vertrauen in den Dollar eine kritische Grenze unterschritt.

Für eine Umwandlung der SDR in ein frei handelbares Zahlungsmittel spricht vor allem die Alleinstellung der Organisation, die hinter den SDR steht: Der IWF ist die mit Abstand mächtigste Finanzinstitution der Erde und hat es geschafft, fast die gesamte Welt in seine Abhängigkeit zu bringen. Allein im vergangenen halben Jahr haben mehr als einhundert Länder auf Grund der Corona-Krise bei ihm um Hilfskredite nachgesucht.

Die Voraussetzungen für eine Ablösung des US-Dollars durch die SDR wären also gegeben. Da wir in absehbarer Zeit die nächste globale Finanzkrise erleben werden, in der erneut die Schöpfung von Billionen von US-Dollars erforderlich sein wird, könnte ein Übergang schon bald bevorstehen. Möglich wäre aber auch ein anderes Szenario...

Kommt eine erste halb-private Weltwährung?

Wir in den letzten fünfzehn Jahren und in besonderem Maße seit Einsetzen der Corona-Krise eine nie dagewesene Machtkonzentration zugunsten der „großen Fünf“ (Apple, Amazon, Google, Facebook und Microsoft) erlebt. In dieser Woche hat Apple als erstes Unternehmen der Welt beim Börsenwert die Zwei-Billionen-Dollar-Marke übersprungen.

Angesichts der Forcierung der Digitalisierung durch die aktuelle Pandemie kann man davon ausgehen, dass die Macht dieser Unternehmen in der vor uns liegenden Periode auch weiterhin exponentiell zunehmen wird. Eines von ihnen, Facebook, hat mit Libra bereits eine „private Komplementärwährung“ angekündigt, die möglicherweise noch in diesem Jahr auf den Markt kommen und durch die zu diesem Zweck gegründete Libra Association betrieben werden soll.

Da Libra zur Anwendung im Gegensatz zu Kryptowährungen wie Bitcoin, Ethereum oder Ripple ein Bankkonto erfordert, dürfte dieser Ansatz im Falle einer Krise auch für das gesamte Bankenwesen und damit für die Zentralbanken interessant sein. Da bereits angekündigt wurde, dass Libra auf den zunächst geplanten gemischten Währungskorb verzichten und jeweils nur an eine einzelne Währung gebunden werden soll, wäre vermutlich auch eine Bindung an das Gold nicht ausgeschlossen.

Weil jederzeit mit einer weiteren Finanzkrise gerechnet werden muss und diese mit Sicherheit schlimmer als die vergangenen ausfallen und den Dollar noch stärker entwerten wird, sind derzeit verschiedene Varianten einer Weltwährung möglich – auch die, dass mehrere Versuche gleichzeitig und als Konkurrenzprojekte gestartet werden. Darauf deutet jedenfalls die Tatsache hin, dass Giganten wie Paypal, Visa und Mastercard im Oktober 2019 angekündigt haben, das Aufsichtsgremium des Libra-Projektes zu verlassen und eigene Wege zu gehen.

Sollte es schlussendlich tatsächlich zu einer halb-privaten Weltwährung kommen, wäre das auf jeden Fall der bisher größte Schritt in Richtung eines globalen autoritären Korporatismus und würde die Welt in eine Zukunft führen, die der Zukunftsvision eines Benito Mussolini sehr nahe käme.

                                                                            ***

Ernst Wolff, 69, befasst sich mit der Wechselbeziehung zwischen internationaler Politik und globaler Finanzwirtschaft.


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