Continental weitet Kahlschlag aus – 10.000 weitere Stellen sind akut vom Abbau bedroht

 

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01.09.2020 14:41  Aktualisiert: 01.09.2020 14:41
Der Kahlschlag beim Automobilzulieferer Continental wird noch umfangreicher ausfallen als ohnehin schon angekündigt. Die Zahl der akut gefährdeten Stellen in Deutschland verdoppelt sich.
Continental weitet Kahlschlag aus – 10.000 weitere Stellen sind akut vom Abbau bedroht
Hannover: Der Schriftzug «The Future in Motion - Sichere, intelligente, saubere Mobilität» ist an einem Bauzaun an der Baustelle für die neue Continental-Firmenzentrale zu lesen. (Foto: dpa)
Foto: Moritz Frankenberg

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Die Krise der Autoindustrie könnte beim Zulieferer Continental bis zu 30.000 Arbeitsplätze kosten, 13 Prozent der weltweiten Belegschaft. Das sind 10.000 Stellen mehr als der Dax-Konzern aus Hannover vor einem Jahr angekündigt hatte. Conti kündigte am Dienstag an, sein Sanierungsprogramm wegen schrumpfender Fahrzeugproduktion und den Folgen der Corona-Pandemie auszuweiten. Dadurch sollen ab 2023 jährlich mehr als eine Milliarde Euro eingespart werden, doppelt soviel wie bislang angepeilt. Über die Pläne soll nun weiter mit den Gewerkschaften verhandelt werden. Am Ende entscheidet der Aufsichtsrat.

Aktuell gehe man davon aus, dass es global Auswirkungen auf 30.000 der über 232.000 Arbeitsplätze gebe, erklärte der Konzern. "Das heißt, sie werden dabei verändert, verlagert oder aufgegeben." 13.000 der fraglichen Arbeitsplätze seien in Deutschland angesiedelt. In der ersten Stufe war zunächst von bis zu 20.000 betroffenen Jobs insgesamt und 7.000 hierzulande die Rede.

"Die gesamte Autoindustrie hat derzeit gewaltige Herausforderungen zu bewältigen", erklärte Konzernchef Elmar Degenhart. "Keine ihrer Krisen der vergangenen 70 Jahre war größer und schärfer." Davon seien die Zulieferer besonders hart getroffen.

Der Betriebsrat kritisierte den geplanten Abbau scharf: "Das ist ein schwerer Schlag! Der Vorstand greift zum bekannten Strickmuster: Umsatz runter, Kosten runter, Werke dicht machen, Arbeitsplätze streichen", sagten Betriebsratschef Hasan Allak und sein Stellvertreter Lorenz Pfau. Es fehle eine verlässliche Perspektive für die Beschäftigten. "Werden die Einschnitte umgesetzt, zerstört der Vorstand Lebenspläne, vernichtet Wissen und Kompetenz in großem Maßstab und beschädigt die Attraktivität von Continental als Arbeitgeber."

Die bei Conti stark vertretende Gewerkschaft IG BCE kündigte Widerstand an. "Unter dem Deckmantel der Corona-Krise soll nun offenbar alles zusammengekehrt werden, was den Renditeansprüchen nicht mehr gerecht wird", meinte Hauptvorstandsmitglied Francesco Grioli. Schon vor Corona hatten einige Gewerkschafter gemutmaßt, die Führung wolle Herausforderungen wie den Strukturwandel in der Autobranche auch zum Vorwand für die Abwicklung ohnehin unliebsamer Sparten nehmen.

Der Verweis auf die Renditeansprüche ist interessant. Denn schon im März machte Continental Schlagzeilen, weil trotz des angekündigten Abbaus tausender Arbeitsplätze und eines im Jahr 2019 eingefahrenen Verlustes vier Euro Dividende an die Eigner ausgezahlt wurden. Die Deutschen Wirtschaftsnachrichten berichteten damals: "Genug Geld zur Ausschüttung an die Aktionäre scheint aber noch vorhanden zu sein. Die Investoren, darunter als größter die Familieneigner des fränkischen Zulieferers Schaeffler, sollen trotz des schlechtesten Ergebnisses seit zehn Jahren vier Euro Dividende je Aktie erhalten. Für das Jahr davor, als noch ein Gewinn von 2,9 Milliarden Euro erwirtschaftet wurde, waren 4,75 Euro je Anteilsschein geflossen."

Conti hatte vor der Corona-Krise im vergangenen September angekündigt, wegen des Wechsels in die Elektromobilität dieses Geschäft zu stärken und die Produktion von Komponenten für Verbrenner abzubauen. Deshalb sollten damals bis 2029 etwa 20.000 der weltweit damals rund 240.000 Arbeitsplätze verändert werden, 7.000 davon in Deutschland, hatte der Konzern damals angekündigt. Ein Teil des Prozesses sei schon vollzogen, das betreffe 3.000 Stellen, teilte Conti nun mit. Die betroffenen Arbeitsplätze könnten verlagert oder abgebaut werden. Außerdem sollen mehrere Werke dichtgemacht werden, von unrentablen Geschäftsteilen will sich Conti trennen. Um den Personalabbau zu dämpfen, will der Konzern mit den Gewerkschaften auch über Arbeitszeitverkürzungen bei gleichzeitiger Weiterqualifizierung sprechen.

Dreistelliger Millionen-Verlust im zweiten Quartal

Continental ist wegen der Corona-Krise auch unter dem Strich tief in die Verlustzone gerutscht. Der Nettoverlust betrug zwischen April und Ende Juni 741,1 Millionen Euro, wie der Dax-Konzern Anfang August mitteilte. Vor einem Jahr hatte Conti noch 484,8 Millionen Gewinn gemacht. Vor Zinsen, Steuern und Sondereffekten machte Conti einen Verlust von 634 Millionen Euro, nachdem operativ vor einem Jahr noch 864,9 Millionen Euro verdient worden waren.

Conti will auch wegen des bereits bekannten Umsatzeinbruchs von 41,2 Prozent auf 6,62 Milliarden Euro und der nach wie vor unsicheren Aussichten weitermachen mit Einsparungen. «Unser harter Tritt auf die Kostenbremse wirkt spürbar und schnell», sagte Vorstandschef Elmar Degenhart. Im zweiten Quartal habe Conti die Fixkosten im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um mehr als 400 Millionen Euro gesenkt. Conti hatte unter anderem allein in Deutschland zwischenzeitlich 30.000 Mitarbeiter zur Kurzarbeit angemeldet, als die Werke nur auf Sparflamme produzierten.

Im Gesamtjahr sollen die ausgabewirksamen Fixkosten um insgesamt mehr als 5 Prozent zurückgehen, die Investitionen um mehr als 25 Prozent. Angesichts von jährlichen Fixkosten von rund 10 Milliarden Euro liege das Ziel für dieses Jahr damit bei mehr als 500 Millionen Euro, sagte Finanzvorstand Wolfgang Schäfer der Finanznachrichtenagentur dpa-AFX.

Unabhängig davon liefen die Gespräche mit den Arbeitnehmern über weitere strukturelle Kostensenkungen für eine «Corona-Brücke» weiter, sagte Schäfer. Das Management hatte im Großumbau die jährlichen Bruttokosten ohnehin um 500 Millionen Euro bis 2023 senken wollen. Wegen der noch maueren Aussichten infolge der Corona-Pandemie will Degenhart bei den langfristigen Einsparungen aber noch mehrere Hundert Millionen Euro draufsatteln.

«Eine Absenkung der Arbeitszeit ist ein sinnvoller Ansatz, um Produktivität zu sichern, Beschäftigungsperspektiven zu erhalten und diese durch Qualifizierung auszubauen», sagte Personalchefin Ariane Reinhart. Degenhart hatte als letztes Mittel auch betriebsbedingte Kündigungen nicht mehr ausgeschlossen.

Auf einen konkreten Jahresausblick verzichtet Conti weiter, auch im dritten Quartal dürfte die weltweite Autoproduktion um 10 bis 20 Prozent unter Vorjahr liegen. Im zweiten Quartal waren es laut Conti 45 Prozent. Am schwächsten entwickelt sich dabei aus Sicht der Hannoveraner derzeit der europäische Markt. Die Zulassungszahlen in den USA und Nordamerika zögen aktuell schneller wieder an, auch ohne spezielle Anreizprogramme der US-Regierung, sagte Schäfer. Die Unterstützung für einkommensschwache Haushalte wirke aber.

Autobauer hatten ihre Fabriken im zweiten Quartal rund um die Welt wochenlang gestoppt, weil auch die Autohäuser im Lockdown schließen mussten und die Händler keine Autos verkaufen konnten. Abrufe bei den Zulieferern wurden ebenfalls auf Eis gelegt. Conti hängt nicht nur mit Autozulieferteilen direkt von der Autoproduktion ab, sondern auch im Reifengeschäft mit der Erstausstattung von neuen Autos.

Bei den Hannoveranern machte sich der Produktionsstopp in allen Sparten deutlich bemerkbar. Am stärksten waren die Umsatzeinbrüche im Geschäft unter anderem mit Elektronik, Sensorik und Bremssystemen, aber auch in der Antriebssparte. Das Geschäft mit Reifen und Kunststofftechnik kam etwas glimpflicher davon, verzeichnete aber ebenfalls einen starken Dämpfer mit minus einem Drittel. Im Reifengeschäft fuhr Conti allerdings noch einen kleinen Gewinn ein. Die Sparte trägt auch in normalen Zeiten die höchsten Gewinnbeiträge für den Konzern bei.


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