Finanzen

Brüssel präsentiert die Rechnung: Deutsche müssen über 50 Milliarden Euro für Corona-Fonds der EU zahlen

Die deutschen Steuerzahler müssen netto über 50 Milliarden Euro für den Corona-Fonds der EU aufbringen. Beobachter sprechen von einem „krassen Missverhältnis“.
06.10.2020 09:53
Lesezeit: 2 min
Brüssel präsentiert die Rechnung: Deutsche müssen über 50 Milliarden Euro für Corona-Fonds der EU zahlen
17.07.2020, Belgien, Brüssel: Charles Michel (M). Präsident des Europäischen Rates, Jeppe Tranholm-Mikkelsen (3.v.r), Generalsekretär des Rates der Europäischen Union, Angela Merkel (4.v.r), Bundeskanzlerin, Emmanuel Macron (3.v.l), Präsident von Frankreich, und Ursula von der Leyen (l), Präsidentin der Europäischen Kommission, sprechen im Rahmen eines Treffen am Rande des Sondergipfels des Europäischen Rates. (Foto: dpa) Foto: Etienne Ansotte

Deutschland wird einer Zeitung zufolge wohl der größte Nettozahler des sogenannten „EU-Wiederaufbaufonds“. Nach derzeitigem Stand werde die Bundesrepublik voraussichtlich 52,3 Milliarden Euro mehr zur Finanzierung der „Wiederaufbau- und Resilienzfazilität“ beisteuern als aus ihr erhalten, berichtete die Zeitung Welt vorab unter Berufung auf eine Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage des FDP-Abgeordneten Gerald Ullrich.

Dieser kritisiert das Vorgehen. „Europäische Solidarität ist wichtig, aber das ist ein krasses Missverhältnis“, sagte er der Zeitung und verwies auf die schweren Folgen der Pandemie für die deutsche Wirtschaft. „Die Bundeskanzlerin hätte in Brüssel härter verhandeln müssen.“

Andere Staatschefs scheinen aggressiver verhandelt zu haben. Mitte Juli hatte beispielsweise der tschechische Ministerpräsident Andrej Babis Einwände gegen den Verteilschlüssel für die geplanten milliardenschweren Corona-Krisenhilfen der EU angemeldet. „Man muss Wirtschaftswachstum und Konkurrenzfähigkeit in der gesamten EU gleichermaßen stärken“, sagte der Gründer der Partei ANO der Agentur CTK. Kleine, stark exportorientierte Länder wie Tschechien litten unter der Krise besonders.

Babis lehnte es ab, dass die nationale Arbeitslosenquote eine starke Rolle beim Verteilschlüssel spielen solle. Wer die Arbeitslosigkeit selbst in schwierigen Zeiten niedrig halte, dürfe nicht bestraft werden. Nach Zahlen von Eurostat hatte Tschechien im März die niedrigste saisonbereinigte Arbeitslosenquote innerhalb der EU. Grundsätzlich sei die für Tschechien im Raum stehende, geplante Summe „zu groß“.

Deutschland bei Steuern und Abgaben weltweit Spitze

Deutschland liegt bei der Belastung der Arbeitseinkommen mit Steuern und Sozialabgaben im internationalen Vergleich ohnehin in der Spitzengruppe. Bei kinderlosen Alleinstehenden mit durchschnittlichem Einkommen werden im Schnitt 49,4 Prozent einbehalten - dabei ist der Arbeitgeberanteil an den Sozialabgaben inbegriffen. Das teilte die Industriestaaten-Organisation OECD vor einigen Monaten in Paris mit Hinweis auf Daten aus dem vergangenen Jahr mit. 2018 hatte sich ein ähnliches Bild ergeben.

Nur Belgien liegt für diesen Personenkreis mit einer Belastung von 52,2 Prozent noch vor Deutschland, wie die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) berichtete. Der Schnitt der OECD-Länder liegt deutlich niedriger - bei 36 Prozent. Österreich kam auf 47,9 Prozent, die Schweiz auf 22,3 Prozent. Am geringsten ist die Last an Steuern und Sozialabgaben in Chile (7 Prozent) und Neuseeland (18,8 Prozent). Die OECD hat mehr als 30 Mitgliedsländer.

Scholz dringt auf schnelle Auszahlung

Die angeblich wieder deutlich steigenden Infektionszahlen in der Coronavirus-Krise machen Bundesfinanzminister Olaf Scholz zufolge eine schnelle Auszahlung der europäischen Hilfsgelder nötig. Bei den virtuellen Beratungen der EU-Finanzminister solle heute der nächste Schritt genommen werden, sagte Scholz am Dienstag unmittelbar vor dem Treffen. Geplant sei eine politische Einigung auf die Details der Auszahlung. Der 750 Milliarden Euro schwere Corona-Aufbaufonds müsse Anfang 2021 einsatzbereit sein. Mit den Hilfsgeldern könne es dann „umweltfreundlicher und digitaler“ werden.

Seit der Grundsatzeinigung im Juli auf den Hilfstopf wird über die Einzelheiten der Auszahlung gerungen. Bekannt ist bereits, wie stark besonders von der Pandemie betroffene Länder wie Spanien und Italien profitieren sollen und welche Teile davon als Kredite und welche als nicht-rückzahlbare Zuschüsse fließen sollen. Strittig waren zuletzt aber noch die konkreten Tranchen und die an die Gelder gekoppelten Reformen - etwa bestimmte Quoten, die dann zugunsten von „Klimaschutz und Digitalisierungsprojekten“ eingesetzt werden müssen. Streit gibt es auch, weil mehrere EU-Staaten, darunter Deutschland, die Auszahlung abhängig machen wollen von der Einhaltung rechtsstaatlicher Prinzipien. Vor allem Polen und Ungarn sind strikt gegen ein solches Vorgehen und drohen mit ihrem Veto.

Lesen Sie dazu auch:

EU spricht vom „Wiederaufbau“ nach Corona: Tatsächlich geht es um die Rettung der Superreichen

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft VDI-Ingenieurmonitor: Arbeitslosigkeit unter Ingenieuren erreicht Rekordniveau
03.08.2026

Ingenieure und Informatiker galten lange als besonders gefragt. Doch aktuelle Zahlen zeigen, dass selbst technische Berufe die...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Europas Getreideernte droht ein Einbruch, wie er seit Jahrzehnten nicht zu sehen war
03.08.2026

Hitzewellen in Europa, die niedrigsten Prognosen für die Getreideernte in den USA seit 1970 und durch Kriege gestörter Handel treiben die...

DWN
Finanzen
Finanzen Amazon-Aktie auf Rekordhoch: KI-Nachfrage treibt Amazon über Börsenwert von 3 Billionen US-Dollar
03.08.2026

Die Rekordjagd der Tech-Konzerne geht weiter: Die Amazon-Aktie klettert kräftig, der US-Tech-Gigant knackt erstmals die Marke von drei...

DWN
Panorama
Panorama AfD-Verbotsverfahren: Über 1.000 Juristen fordern in offenem Brief AfD-Verbot
03.08.2026

Mehr als 1.000 Juristinnen und Juristen erhöhen den Druck auf die Politik und verlangen ein AfD-Verbotsverfahren. Ein offener Brief sorgt...

DWN
Politik
Politik Rente mit 63 vor dem Aus? Das wären die Folgen
03.08.2026

Kaum ein Thema bewegt Millionen Beschäftigte so sehr wie der frühere Renteneintritt. Die geplanten Reformen könnten das Rentensystem...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Schwedens kleinste Mine profitiert vom Goldpreis
03.08.2026

Botnia Gold betreibt eine der kleinsten Gold-Minen Europas. Doch hohe Preise für Gold und Silber haben dem Unternehmen einen starken Start...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsen: Bitcoin kann laut Kryptoprofis den Dollar nicht ersetzen
03.08.2026

Die Tech-Rally läuft weiter, doch unter der Oberfläche wächst die Nervosität. Microsoft und Amazon retten den KI-Glauben, Steve Eisman...

DWN
Immobilien
Immobilien Wohnungsmarkt: Immer mehr Vermieter geben Geschäft auf – Investitionen unter Druck
03.08.2026

Wohnungsmangel, steigende Kosten und wachsende Unsicherheit setzen den Wohnungsmarkt unter Druck. Immer mehr Privatvermieter und...