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Deutsche Headhunter: "Viertes Quartal sicher nicht rekordverdächtig gut"

Lesezeit: 4 min
01.11.2020 13:00
Die Geschäfte der Headhunter sind ein wichtiger Indikator dafür, wie sich der Arbeitsmarkt entwickelt. Der Vorsitzende des BDU-Fachverbandes Personalberatung erläutert den DWN, wie die Branche bisher durch die Krise gekommen ist und wie sich weiter entwickeln könnte.
Deutsche Headhunter:
Arne Adrian, Vorsitzender BDU-Fachverband Personalberatung. (Foto: Verband)

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Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Im September war der Wert auf dem Stimmungsbarometer Ihrer Branche bei minus 8,5 – und damit der höchste im laufenden Jahr. Richtig gut ist das Niveau aber auch nicht, wenn im September 43 Prozent der Akteure angegeben haben, dass ihre Umsätze mehr als 40 Prozent unter Plan liegen. Wie bewerten Sie die Entwicklung?

Arne Adrian: Man muss sehen, von welchem Niveau wir kommen. 2018 und 2019 hat die Personalberatungsbranche jeweils im Vergleich zum Vorjahr immer attraktive Steigerungsraten realisieren können. Fünf bis zehn Prozent Wachstum bei den Umsätzen waren an der Tagesordnung. Während die Headhunter-Branche 2018 noch knapp 2,4 Milliarden Euro an Erlösen generiert hat, waren es zwölf Monate später schon rund 2,6 Milliarden Euro. Wir waren schon erfolgsverwöhnt.

Jetzt haben wir allerdings Ende des ersten Quartals und dann auch in den darauffolgenden Quartalen einen deutlichen Umschwung erlebt, der durch den Lockdown im Frühjahr eingeleitet worden ist. Dies hat zu einem Umsatzeinbruch bei nicht wenigen Kolleginnen und Kollegen geführt. Allerdings mussten nicht alle je nach dem Fokus des eigenen Beratungsgeschäftes solche Rückgänge hinnehmen. Einige Kundenbranchen waren wesentlich stärker als andere betroffen.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Welche Branchen haben sich denn noch verhältnismäßig gut entwickelt?

Arne Adrian: Dazu gehörte die Pharmaindustrie. Man könnte natürlich sagen, dass dies kaum überraschend ist, weil wegen der Pandemie sehr viel Geld in die Impf-Forschung investiert worden ist. Doch zählt die Branche traditionsgemäß zu den Sektoren, die grundsätzlich weniger anfällig gegen Krisen sind. Denn man muss immer auf seine Gesundheit achten und sich mit Medikamenten versorgen. Hier wird auch relativ viel Geld verdient. Darüber hinaus geht es der Chemie- und Elektronikindustrie ebenfalls wieder besser. Auch die Logistikbranche hat sich während des Lockdowns ganz gut geschlagen.

Zu denjenigen Branchen, die derzeit schwach abschneiden, gehört die Automotive-Industrie – und zwar die klassischen Zulieferer von Systemen und Aggregaten, die wahrscheinlich in den Stückzahlen wie bisher nicht mehr am Markt gebraucht werden. Interessanteweise leidet derzeit auch die Nahrungsmittelindustrie, die während des Lockdowns noch eher zu den Profiteuren gezählt hat – und zwar durch die vielen Hamsterkäufe, die viele Konsumenten getätigt haben. Denn die Einkäufe, die gehamstert worden sind, werden nun konsumiert, so dass die Konsumenten jetzt weniger einkaufen. Dies spüren nun die Unternehmen dieser Branche.

Der Markt ist insgesamt sehr heterogen strukturiert. Wir haben große international tätige Firmen wie Spencer Stuart, die mit entsprechenden Strukturen in allen Kontinenten aktiv sind. Darüber hinaus gibt es einen gesunden Mittelbau, der zwischen schätzungsweise 50 bis 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hat. Zusätzlich agiert eine ganze Reihe von kleineren Beratungsunternehmen. Das können teilweise Ein-Mann- oder ein Frau-Betriebe sein. Oder kleinere Firmen mit drei bis fünf Beratern.

Dabei bilden eigentlich nur die größeren weltweit tätigen Anbieter ihr eigenes Segment, weil sie Kunden bedienen, die stark international geprägt sind. Dieser Personalberatungsmarkt macht seine Umsätze mitunter nicht mehr nur mit Headhunting, sondern auch mit anderen Dienstleistungen – beispielsweise der Organisation von Assessment-Center.

Im Gegensatz dazu gibt es den großen Markt der Personalvermittlungsunternehmen, der meist sehr angloamerikanisch geprägt ist. Der Unterschied ist der, dass diese Vermittler ihren Kunden lediglich Lebensläufe anbieten, ohne eine echte Beratungsdienstleistung zu verkaufen. Sie arbeiten in der Regel auf Erfolgsbasis.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Hat sich an dieser Struktur des Marktes durch die Pandemie etwas grundlegend geändert oder gab es beispielsweise verstärkte Insolvenzen bei den kleineren Anbietern?

Arne Adrian: Wir haben bisher innerhalb des BDU keine einzige Insolvenz unter den Personalberatern im Verband feststellen müssen. Alle scheinen mehr oder weniger ganz gut durch die Corona-Zeit gekommen zu sein. Einige haben zwar Kurzarbeit eingeleitet und manche Unternehmen haben auch finanzielle Unterstützung der Landes- oder der Bundesregierung in Anspruch genommen – aber das haben andere Industrien auch. Bei den großen Firmen gab es mitunter Restrukturierungsmaßnahmen, bei denen weltweit 20 bis 25 Prozent der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter abgebaut wurden. Das hat in der extremen Form in Deutschland, Österreich und in der Schweiz bisher nicht stattgefunden. Da gab es einige Länder, die stärker unter Pandemie-Auswirkungen leiden mussten – beispielsweise Frankreich.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Ein Headhunter sagte mir einmal, dass sein Geschäft „sehr aggressiv“ sei. Zum einen sei der Verdrängungswettbewerb unter den Dienstleistern sehr hoch. Zum anderen müsse er die Kandidaten aus bestehenden Unternehmensstrukturen herausholen. Zimperlich könne man nicht sein.

Stimmt das?

Arne Adrian: Unser Verständnis im BDU und den meisten angeschlossenen Personalberatungen ist ein völlig anderes. Wir sehen unsere Beratungsleistungen als Nutzen-stiftend, für Unternehmen und Kandidaten. Durch unsere Beratung und Leistungen werden in Unternehmen Herausforderungen gelöst und für die Kandidatenseite gestalten wir Karrieren. Insofern kann ich Ihnen versichern, dass wir zwar in einem kompetitiven Markt arbeiten, in dem man auch schon mal um einen Auftrag im Wettbewerb steht, wir aber größten Wert auf eine nachhaltige, seröse und vertrauliche Vorgehensweise legen.

Im Bereich der großen Personalvermittlungen, die sich mehr als Service-Dienstleister denn als Berater im Markt profilieren, kommt es schon mal zu etwas aggressiveren Vorgehen. Das liegt aber in der Regel daran, dass diese Unternehmen weder Exklusivität mit ihren Kunden vereinbart haben noch eine der Leistung und dem Aufwand entsprechende Honorierung. Wenn ich als Personalvermittler nur auf Erfolgsbasis bezahlt werde, dann muss ich schon mehr Druck und Aggressivität zeigen, um eine Chance auf ein Placement zu haben, als ein nachhaltig arbeitender Personalberater. Aus Kandidatenperspektive darf ich Ihnen versichern, dass diese größten Wert auf eine vertrauensvolle und respektvolle Zusammenarbeit mit dem Headhunter ihrer Wahl legen.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Welchen Ausblick geben Sie für das vierte Quartal für Ihre Branche?

Arne Adrian: Jetzt haben wir uns alle zwar über den Sommer wieder etwas berappelt. Doch stehen wir wieder vor der nächsten Verschärfung der Restriktionen. Dadurch werden die Verantwortlichen bei unseren Kunden teilweise wieder etwas verunsichert. Es bleibt also abzuwarten, wie der Markt und die Nachfrage auf die neuesten Entwicklungen reagieren wird. Wir beobachten natürlich nicht nur die Seite unserer Auftraggeber, sondern schauen auch darauf, wie sich der Bewerbermarkt entwickelt. Und eine Krisen-Situation, wie wir sie aktuell erleben, fördert natürlich nicht unbedingt die Wechselbereitschaft der Kandidaten.

Wir Personalberater suchen ja in der Regel nach den Kandidaten/-innen, die schon sehr erfolgreich ihre Karriere gestaltet haben und eine neue berufliche Herausforderung als nächsten Entwicklungsschritt sehen. Da schaut man in Krisenzeiten schon etwas genauer hin und wägt etwaige Risiken ab. Ich rechne persönlich damit, dass das vierte Quartal sicher kein rekordverdächtig gutes Quartal sein wird. Bei den meisten Kollegen dürften wieder Warnsignale auftauchen.

Projekte werden wohl erneut verschoben, storniert oder gar nicht erst erteilt werden. Aber wir haben immer wieder bewiesen, wie schnell sich unsere Branche erholen kann und wieder zu alter Stärke aufläuft. Da genügen manchmal wenige Wochen und die Auftragsbücher sind wieder gut gefüllt und die Kandidaten/-innen wieder wechselbereit. Wir bleiben also optimistisch, auch weil die aktuell erkennbaren Veränderungen in vielen Industrie-Segmenten dazu führen, dass die Unternehmen neue Mitarbeiter und Führungskräfte dringend benötigen, um die Transformation erfolgreich zu gestalten.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Herr Adrian, herzlichen Dank für das Gespräch.

 


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