Politik

Frankreich fürchtet neue Anschläge nach Enthauptung in Nizza

Lesezeit: 2 min
30.10.2020 15:36
Der mutmaßlicher Täter, der am Donnerstag in Nizza eine Frau enthauptet haben soll, kam als Flüchtling über das Mittelmeer. Frankreichs Innenminister erwartet weitere ähnliche Terrorangriffe.

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

Einen Tag nach der Enthauptung einer Frau und der Tötung zweier weiterer Menschen in einer Kirche in Nizza fürchtet Frankreichs Regierung neue Anschläge dieser Art. Frankreich befinde sich in einem "Krieg gegen die islamistische Ideologie", sagte Innenminister Gerald Darmanin am Freitag dem Radiosender RTL. Deshalb werde es weitere Vorfälle wie "diese schrecklichen Angriffe" geben.

Frankreichs oberster Anti-Terror-Ermittler Francois Ricard erklärte, der mutmaßliche Täter vom Donnerstag, ein 1999 geborener Tunesier, sei am 20. September auf der italienischen Insel Lampedusa nach Europa gelangt. Das Bundesinnenministerium in Berlin erklärte, es gebe derzeit keine konkreten Hinweise, dass ein Anschlag wie in Nizza in Deutschland bevorstehe.

Der französische Chefermittler Ricard teilte weiter mit, der mutmaßliche Täter sei am Donnerstagmorgen mit dem Zug in Nizza angekommen und habe sich dann zu der Kirche begeben. Dort habe er eine 60-jährige Frau enthauptet und den 55-jährigen Küster erstochen. Er habe auch auf eine 44-jährige Frau eingestochen, die zunächst noch in ein nahe gelegenes Café flüchten und Alarm schlagen konnte, bevor sie starb. Als die Polizei am Tatort eintraf, habe der Angreifer noch immer "Allahu Akbar" gerufen. Der Mann war von der Polizei angeschossen und ins Krankenhaus gebracht worden. Er befinde sich in einem kritischen Zustand.

Tunesien erklärte zunächst, der Mann sei dort nicht als mutmaßlicher Extremist bekannt gewesen. Ein Vertreter der Justiz räumte dann aber ein, der Tatverdächtige sei 2016 wegen Gewalt und dem Gebrauch eines Messers festgenommen worden. Zudem leiteten die Behörden in Tunis Ermittlungen gegen eine "Mahdi Organisation" ein, die sich in den sozialen Medien zu der Tat bekannte, wie die amtliche Nachrichtenagentur TAP berichtete.

"WIR BEFINDEN UNS IN EINEM KRIEG"

Frankreichs Innenminister Darmanin kündigte an, 120 zusätzliche Polizeikräfte nach Nizza zu schicken. "Wir befinden uns in einem Krieg gegen einen Feind, der sowohl innen als auch außen ist", sagte er. Im Zusammenhang mit der Tat wurde Justizkreisen zufolge am Donnerstagabend ein 47-jähriger Mann festgenommen. Er werde verdächtigt, Kontakt zum mutmaßlichen Täter gehabt zu haben. Frankreich hat die höchste Sicherheitsstufe ausgerufen und Tausende Soldaten zum Schutz von Kirchen, anderen Glaubenshäusern und Schulen abkommandiert. Frankreich ist das Land mit der größten muslimischen Gemeinde in Europa.

Der Angriff in der südfranzösischen Hafenstadt ereignete sich am Geburtstag des Propheten Mohammed und knapp zwei Wochen nach der Enthauptung eines Lehrers. Der 47-jährige Samuel Paty war in einem Pariser Vorort von einem mutmaßlichen Islamisten tschetschenischer Herkunft auf offener Straße getötet worden. Im Unterricht zum Thema Meinungsfreiheit hatte der Lehrer umstrittene Mohammed-Karikaturen gezeigt.

PROTESTE IN BANGLADESCH UND PAKISTAN

Ein Sprecher des Bundesinnenministeriums sagte in Berlin, es gebe derzeit in Deutschland "keine konkrete Bedrohungslage". Die Gefahr des islamistischen Terrorismus bestehe aber nach wie vor, allerdings sei sie derzeit abstrakter Natur. Die Sicherheitsbehörden beobachteten die Lage "sehr wachsam". Aktuell seien in Deutschland 620 islamistische Gefährder bekannt, von denen sich derzeit 350 im Land aufhielten. Die übrigen seien wieder ausgereist.

In mehreren überwiegend muslimischen Ländern kam es erneut zu Demonstrationen gegen Frankreich. In Bangladeschs Hauptstadt Dhaka gingen am Freitag Zehntausende auf die Straße. Sie forderten einen Boykott französischer Produkte und trugen Banner, auf denen Präsident Emmanuel Macron als "der größte Terrorist der Welt" bezeichnet wurde. Auch in Pakistan kam es zu Protesten. In der Hauptstadt Islamabad ging die Polizei mit Tränengas gegen Tausende Demonstranten vor, die zur französischen Botschaft marschierten. Zu Protesten kam es auch in Jerusalem, in Ramallah und Gaza sowie in Somalia. Australien und Indien kritisierten die Proteste und stellten sich an die Seite Frankreichs.


Mehr zum Thema:  

DWN
Politik
Politik Der Chefredakteur kommentiert: Verbot des Compact-Magazins - Schutz der Demokratie oder Angriff auf die Freiheit?
19.07.2024

Liebe Leserinnen und Leser, jede Woche gibt es ein Thema, das uns in der DWN-Redaktion besonders beschäftigt und das wir oft auch...

DWN
Immobilien
Immobilien BGH-Urteil: Siegreiche Eigentümer müssen nun auch Prozesskosten tragen!
19.07.2024

Streitigkeiten sind in Wohnungseigentümergemeinschaften keine Seltenheit und landen oft vor Gericht. Müssen die siegreichen Parteien dann...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft IT-Ausfälle weltweit: Flughäfen, Banken und Kliniken teilweise im Chaos - Ursache inzwischen gefunden
19.07.2024

Flugzeuge am Boden, Fernsehsender zeigen nur Standbilder, Operationen abgesagt: Es kommt selten vor, dass ein Computerproblem globale...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Düstere Prognose für Deutschland: IWF senkt Wachstumserwartung!
19.07.2024

Die Konjunktur in Deutschland bleibt anscheinend auch 2024 Schlusslicht. Der IWF sieht nur ein Wachstum von 0,2 Prozent und langfristig...

DWN
Politik
Politik Biden-Rückzug naht? – Trump glänzt nach Attentat
19.07.2024

Biden allein in der Isolation, Trump umgeben von seiner Familie im Regen von Konfetti: Die Bilder der beiden Kontrahenten im US-Wahlkampf...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft E-Autos: Scholz setzt auf serbisches Lithium
19.07.2024

Bundeskanzler Olaf Scholz schließt am Freitag in Belgrad mit Serbien ein Abkommen über den umweltfreundlichen Abbau von Lithium im...

DWN
Politik
Politik Aids-Konferenz: Sorge um Finanzierung und politische Lage
19.07.2024

In München treffen sich tausende Experten zur weltgrößten Konferenz zu HIV und Aids. Sorgen macht ihnen die politische Weltlage. Sind...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Solarstrom statt Ackerbau: Deutschlands Landwirtschaft im Umbruch
19.07.2024

Deutsche Landwirte haben Grund zur Erleichterung: Die Bundesregierung hat auf die massiven Bauernproteste reagiert und die EU-Vorschriften...