Finanzen

Angeblich gute Quartalszahlen nur Augenwischerei: "Doppelschlag" lässt Börsen die Realität erkennen

Die Stimmung an der Börse trübt sich immer mehr ein: Warum das so ist, und was die nächsten Monate bringen werden, analysiert Aktien-Experte Andreas Kubin.
03.11.2020 14:43
Lesezeit: 3 min
Angeblich gute Quartalszahlen nur Augenwischerei: "Doppelschlag" lässt Börsen die Realität erkennen
Mittwoch, 28. Oktober: Dem Aktienhändler an der Frankfurter Börse bereitet die fallende Dax-Kurve Kopfzerbrechen. (Foto: dpa) Foto: Arne Dedert

NRW-Ministerpräsident Armin Laschet live auf NTV, 30. Oktober: Der Bund werde „gewaltige Summen in die Hand nehmen“. Ja natürlich, und auch die Europäische Zentralbank (EZB) wird wieder gigantische Beträge aufblähen („inflare“ hieß es bei den alten Römern), um den stotternden Wirtschaftsmotor nicht abzuwürgen. Die Staatsschulden werden weiter explodieren, auch wegen der ausfallenden Steuereinnahmen. Sogar in Österreich wird sich bis Ende 2021 die explizite Staatsverschuldung stark der 100-Prozent-Marke des Bruttoinlandprodukts (BIP) annähern.

Fest steht. Die Lage auf dem Parkett präsentiert sich diese Tage alles andere als rosig – trotz der zu etwas Hoffnung Anlass gebenden Konjunktur-Daten der letzten Tage springen die Börsen nicht mehr an. Nur ganz leichte, vernachlässigbare Gegenbewegungen waren am vergangenen Freitag zu verzeichnen. Was definitiv nichts Gutes erahnen lässt. Auf gut Deutsch: Die Börsen werden von der Realität eingeholt.

Feste soll man feiern, wie sie fallen, heißt es. Aber: Manche Feste sollte man nicht zu früh feiern!

Aber vielleicht besteht ja doch noch Grund zur Hoffnung: „Deutsche Wirtschaft erzielt im Sommerquartal ein Rekordwachstum – 8,2 Prozent zum Vorquartal!“: So titelte das Handelsblatt am Freitag. Und vermeldete einen gewaltigen wirtschaftlichen Erfolg: Im Sommer hatte die Bundesregierung fürs Jahr 2020 noch einen BIP-Rückgang von 5,8 Prozent vorausgesagt. Und jetzt, man höre und staune, wurde dieser Rückgang auf 5,5 Prozent nach unten korrigiert. Da brandet Jubel auf!

Jubel, der noch größer wird, wenn man folgende Zahlen hört: Das BIP stieg zwischen Juli und September um 8,2 Prozent zum Vorquartal (April bis Juni), wie das Statistische Bundesamt am Freitag mitteilte. 8,2 Prozent – ein stolzes Ergebnis. Das sich dann allerdings relativiert, wenn man sich vor Augen hält, dass das BIP im dritten Quartal dieses Jahres damit immer noch um jeweils über vier Prozent niedriger liegt als im dritten Quartal und im vierten Quartal 2019.

Merken Sie was, liebe Leser? Die Verantwortlichen feiern einen Wirtschaftsaufschwung von 8,2 Prozent, aber sie erwähnen nicht den Zusammenhang, vor allem nicht, auf welch äußerst niedrigen Grundlage dieser gewaltige Aufschwung geschah. Übrigens: Im Zuge solcher Euphorie sind auch die neuerlichen Lockdown-Maßnahmen besser „an den Mann zu bringen“.

Der „Doppelschlag“ ist nicht mehr reine Fiktion, er ist da!

Die „Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“ (OECD) geht in ihrem Wirtschaftsausblick für das Jahr 2020 mit einem Rückgang des deutschen BIP von 8,8 Prozent für dieses Jahr aus. Obwohl die Prognose von Juni 2020 stammt – ein aktuellerer liegt nicht vor – ist davon auszugehen, dass die OECD Zahlen näher an der Realität liegen als jene, die derzeit der Großteil der Fernseh-Medien publiziert. Anzumerken ist auch, dass die Ökonomen der OECD von einem „Doppelschlag“-Szenario ausgehen – und das ist ja nun mit dem zweiten Lockdown Realität geworden. Die Ökonomen lagen also auch mit dieser Vorhersage richtig.

Die letzten Sekt- und Whiskygläser werden auf den Freudenpartys, die wegen des – angeblich so großartigen – dritten Quartals 2020 landauf, landab stattfinden, noch nicht geleert sein, die Partylaune noch nicht ganz verflogen, da werden auf einmal – schwupp di wupp – die Zahlen des vierten Quartals vorliegen. Die werden dann nicht mehr so toll aussehen! Und wenn man es mit den Lockdown-Maßnahmen so weiter treibt, werden die Ergebnisse des ersten Quartals 2021 noch schrecklicher ausfallen. Weiter voraus möchte ich jetzt gar noch nicht denken …

In der Folge werden – bei etwas Übertreibung meinerseits – die chinesische und die amerikanische Wirtschaft an uns vorbeirauschen wie der Intercity-Schnellzug am Kaninchen. Spätestens dann wird die Ernüchterung auch bei wirtschaftlichen Schönwetter-Seglern sowie ökonomischen Realitäts-Leugnern angekommen sein.

Zweiter Lockdown in Europa

Seit dem 2. November befindet sich Deutschland wieder im Lockdown. Gleichzeitig drohen die Verantwortlichen an, die Maßnahmen zu verlängern, sollten die Infektions- und Reproduktionszahlen nicht sinken.

In Spanien ist der Corona-Notstand bis zum 9. Mai 2021 verlängert worden, abgesehen von den Kanaren gelten nächtliche Ausgangssperren im ganzen Land.

Die Frankfurter Rundschau meldet: „In der Nacht zum Freitag, 30.10.2020, trat in Frankreich erneut ein landesweiter Lockdown in Kraft. Die Maßnahme gilt seit Mitternacht; bis zum 1. Dezember müssen Restaurants, Bars und alle nicht unentbehrlichen Geschäfte schließen. Die Franzosen dürfen ihre Häuser nur noch aus zwingenden Gründen verlassen, etwa um zur Arbeit oder zum Arzt zu gehen. Private Treffen sollen auf die Kernfamilie beschränkt bleiben.“

Der Online-Dienst Merkur schreibt: „Corona in Italien: Conte reagiert mit massiven Verschärfungen! Die Italiener müssen sich ab 2. November im Alltag wegen Corona wieder verstärkt einschränken. Kinos, Theater, Bäder, Ski-Resorts, Konzerthallen und Fitnessstudios sollen dann schließen, für Restaurants und Bars gilt eine Sperrstunde ab 18 Uhr. Das teilte kürzlich das Büro von Regierungschef Giuseppe Contes Büro mit.“

Mittlerweile warnt selbst die Weltgesundheitsorganisation vor den Negativfolgen des Lockdowns. Man glaubt es kaum: Dieser Tage solche Signale von der WHO?

Der Mensch ist von Natur aus ein geselliges Wesen. Die Maßnahmen wirken sich auf sein Gemüt negativ aus. Seine Psyche wird beeinträchtigt, und alles, was die Psyche beeinträchtigt, schlägt sich negativ auf das menschliche Immunsystem nieder und macht den Menschen nur noch anfälliger. Dies stößt leider bei allen Lockdown-Befürwortern auf taube Ohren.

Keine guten Aussichten für uns Menschen.

Und – um noch mal auf unser ursprüngliches Thema zurückzukommen – schwierige Zeiten für Anleger. Die nächsten Monate dürften ausgesprochen hart werden!

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Andreas Kubin

Andreas Kubin lebt in Oberösterreich, hat ein MBA mit Schwerpunkt "Finanzen" und verfügt über drei Jahrzehnte Börsen-Erfahrung. 
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