Deutschland

Deutsche Importe aus China steigen auf gefährliche neue Rekordwerte

Nie zuvor hat Deutschland so viele Waren aus China importiert wie im laufenden Jahr. Gleichzeitig gehen die Importe aus anderen Regionen zurück. Nach Ansicht von Verbänden erreicht die deutsche Abhängigkeit von China ein gefährliches Ausmaß und erfordert staatliche Gegenmaßnahmen.
12.11.2020 15:23
Aktualisiert: 12.11.2020 15:23
Lesezeit: 2 min
Deutsche Importe aus China steigen auf gefährliche neue Rekordwerte
Rufe nach einem Eingreifen der Bundesregierung gegen die wachsenden China-Importe werden lauter. (Foto: dpa) Foto: Wang Chun

Die Abhängigkeit der deutschen Wirtschaft von Importen aus China schnellt im Corona-Jahr 2020 auf Rekordhöhe. Von Januar bis September wuchs ihr Anteil an den gesamten Einfuhren auf gut 11,3 Prozent, wie aus Daten des Statistischen Bundesamtes hervorgeht. Der bisherige Rekordwert wurde 2019 erreicht, als im Gesamtjahr knapp zehn Prozent der Warenlieferungen aus der Volksrepublik kamen. In den ersten neun Monaten 2020 wuchsen die Einfuhren aus China gegen den Trend um mehr als fünf Prozent auf 85,2 Milliarden Euro. Dagegen brachen die gesamten deutschen Importe wegen der schwächeren Nachfrage aufgrund der Corona-Rezession um 9,3 Prozent auf 751,1 Milliarden Euro ein.

"Der Importzuwachs aus China liegt zum einen an einer erhöhten Nachfrage nach medizinischer Ausrüstung, die im Zuge der Pandemie-Bekämpfung benötigt wurde und wird", sagte der Chefvolkswirt des Mercator Institute for China Studies (Merics), Max Zenglein. "Ein weiterer wesentlicher Grund ist der gestiegene Bedarf an Elektronik, weil so viele Arbeitnehmer ins Homeoffice gewechselt sind."

Der Außenhandelsverband BGA befürwortet eine stärkere Diversifizierung. "Es bleibt abzuwarten, wie sich die Importzahlen entwickeln, wenn die Pandemie vorbei ist und die Lieferketten weltweit wieder funktionieren", sagte BGA-Präsident Anton Börner, der Warnungen vor einer verstärkten Abhängigkeit von China aktuell für übertrieben hält. "Gleichwohl haben die Corona-Pandemie und der Handelskonflikt zwischen den USA und China gezeigt, dass eine stärkere Diversifizierung von Lieferketten unbedingt notwendig ist." Dies heiße aber nicht zwangsläufig Europäisierung oder gar Nationalisierung, sondern Vielfalt. Dazu sollte das europäische Netz von Freihandelsabkommen ausgebaut werden.

Ähnlich sieht das Merics-Experte Zenglein. "Disruptionen von globalen Lieferketten stellen jedes Unternehmen vor Herausforderungen, aber insgesamt gesehen ist die Abhängigkeit Deutschlands von Warenlieferungen aus China eher gering", sagte der Chefvolkswirt. Zwar gebe es Ausnahmen - etwa bei einigen Zwischenprodukten wie pharmazeutischen Vorprodukten oder elektronischen Bauteilen. Im Wesentlichen aber würden vor allem Konsumgüter und Elektronik importiert.

Dennoch rät der Experte der Bundesregierung, die Entwicklung des China-Geschäfts im Auge zu behalten. "In Anbetracht der wachsenden politischen Risiken, denen globalen Lieferketten ausgesetzt sind, ist es ratsam, ein wachsames Monitoring der möglichen Schwachstellen zu haben", sagte Zenglein. Dazu gehöre die Klassifizierung von Waren, die für Industrie, Sicherheit und Gesundheitswesen besonders wichtig seien. "Insbesondere für diese kritischen Güter sollte zwingend auf eine Lieferketten-Diversifikation hingearbeitet werden."

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Kennzeichnung im Produktionstempo: Wie Brady die Industrie neu taktet

Produktionslinien laufen schneller denn je, doch die Rückverfolgbarkeit hinkt oft hinterher. Brady setzt genau hier an und zeigt, wie sich...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen Globale Staatsverschuldung auf Rekordniveau: Was Anleger jetzt wissen sollten
12.04.2026

Die globale Verschuldung nimmt weiter zu und übertrifft zunehmend das Wachstum der Weltwirtschaft, während steigende Zinsen die...

DWN
Panorama
Panorama A leader is a dealer in hope: Warum wir Führung heute neu denken müssen
12.04.2026

Leadership gilt als moralischer Kompass unserer Zeit: empathisch, inklusiv, kontrolliert. Doch passt dieses Ideal zur Realität...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Arbeitsverträge als Risiko: So vermeiden Unternehmen teure Fehler
12.04.2026

Arbeitsverträge gelten in vielen Unternehmen als Formalität, doch fehlerhafte oder veraltete Vereinbarungen können schnell rechtliche...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Geely Cityray im Test: Was stimmt eigentlich nicht mit dem günstigen Chinesen?
12.04.2026

Der Geely Cityray gehört zu den vernünftigsten Familien-SUV auf dem Markt. Für einen Preis von 27.000 Euro, der eher dem Segment...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Europas Rüstungsprojekte unter Druck: Milliardeninvestitionen geraten ins Stocken
12.04.2026

Europa investiert Milliarden in neue Verteidigungssysteme, doch zentrale Projekte geraten durch Konflikte, Verzögerungen und steigende...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Spritpreis-Prämie als Direktzahlung geplant? Bundesregierung prüft Entlastung für Autofahrer
12.04.2026

Die deutsche Regierung prüft neue Wege, um die hohen Kraftstoffpreise der Bürger auszugleichen und setzt möglicherweise mit einer...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft EU-Richtlinien im E-Commerce: One-Click-Return setzt neue Standards
12.04.2026

Neue EU-Vorgaben setzen den Onlinehandel unter Druck, da Rückgaben künftig genauso einfach funktionieren müssen wie der Kaufprozess...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Inflation und Wachstum unter Druck: EZB warnt vor Risiken durch Energiepreise
12.04.2026

Die wirtschaftlichen Risiken im Euroraum nehmen durch steigende Energiepreise und geopolitische Spannungen spürbar zu, während die EZB...