Politik

Großbritannien: Ärztestreik wegen 20 Prozent weniger Pension

Lesezeit: 2 min
26.06.2012 23:54
In Großbritannien streikten vergangene Woche zehntausende Haus- und Klinikärzte. Sie protestierten gegen die ihrer Meinung nach ungerechte Neuregelung der ärztlichen Altersversorgung. Es war der erste Ärztestreik seit dem Jahr 1975.

Premier David Cameron will die die Pensionsansprüche der Ärzte um 15 bis 20 Prozent senken. Was die Ärzte besonders aufbringt, ist jedoch nicht nur der dramatische wirtschaftliche Einschnitt, der ihnen mit dieser Regelung bevorsteht. Sie empfinden es als grobe Ungerechtigkeit, dass die Beamten keine vergleichbaren Einschnitte hinnehmen müssen, sondern im Ruhestand besser gestellt bleiben.

Der Konflikt gibt einen Vorgeschmack, wo die Bruchlinien in der Gesellschaft verlaufen, wenn sich die Krise verschärft: Wie schon in Griechenland oder Spanien zu beobachten ist, sind die freien Berufe diejenigen, die als erste und am härtesten getroffen werden. In der Regel müssen sich Ärzte heute schon zu einem Großteil mit den Finanzen herumschlagen – sei es in der Praxis, im Kampf um die Finanzierung an den Kliniken oder im ständigen Streit mit Krankenkassen und der Pharmaindustrie. Ein erfolgreicher Arzt ist heute oft nicht der, der die sicherste Diagnose stellt, sondern einer, der seinen Betrieb organisatorisch und finanziell gut führt.

Dagegen ist zunächst nichts einzuwenden. Das Problem der Ärzte ist jedoch, dass sie es im Grunde niemals mit einem wirklich freien Markt zu tun haben: Staatliche Regulierungen im Gesundheitswesen und fortlaufend neue, gesetzliche Bestimmung machen das wirtschaftliche Umfeld der Ärzte unberechenbar und damit auch im betriebswirtschaftlichen Sinn unkalkulierbar. Hinzu kommt, dass in Krisenzeiten im Gesundheitswesen, das bisher besonders stark vom staatlichen Interventionen geprägt ist, die Krise voll durchschlägt: Wenn Versorgungsleitungen gekürzt werden, sind die Ärzte diejenigen, die mit den Auswirkungen konfrontiert werden. Schon heute braucht es ein hohes Ethos, Patienten zu versorgen, obwohl der Arzt weiß, dass das Kassen-Kontingent eigentlich ausgeschöpft ist und er im Grunde für Gottes Lohn tätig ist. In Griechenland hat die Krise dazu geführt, dass viele Ärzte und Krankenhäuser schon seit Monaten unentgeltlich arbeiten. Ihre heroische Begründung: Ihr Eid verpflichte sie, den Patienten zu helfen, wenn sie krank sind – und nicht nur, wenn diese auch zahlen können.

Das Problem in Großbritannien weist schon auf die nächste Eskalationsstufe hin: Als Freiberufler müssen die Ärzte Vorsorge für das Alter treffen. Viele Vermögen sind durch die Krise gefährdet, wie viele vernichtet werden, kann noch keiner sagen. Die Inflation trägt dazu bei, dass die Ärzte in ihrer wirtschaftlichen Existenz nicht selten ernsthaft bedroht sind – und das komplett ohne eigenes Verschulden.

Wenn nun die Regierung Cameron aus purer Machtpolitik die Beamten, deren Bedeutung für die Gesellschaft in keinem Verhältnis zu jener der Ärzte steht, gegenüber den Medizinern bevorzugt, dann riskiert Cameron einen fundamentalen Bruch in der Gesellschaft – mit fatalen Folgen: Denn anderes als die Verwaltung der Macht (durch die Beamten) ist die Heilung von Krankheiten ein Handwerk, das Fachkenntnis erfordert. Die alternden Gesellschaften in Europa werden nicht weniger, sondern mehr von dieser Fachkenntnis in Anspruch nehmen wollen. Man braucht indes keine besonderen Gaben, um die Folgen dieser Diagnose zu benennen.

Inhalt wird nicht angezeigt, da Sie keine externen Cookies akzeptiert haben. Ändern..

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Zweitgrößter Weizen-Produzent der Welt stoppt den Export

Der zweitgrößte Weizenproduzent der Welt stellt die Ausfuhren ein - mit weitreichenden Folgewirkungen.

DWN
Deutschland
Deutschland Brüssel startet totale Kontrolle: Ab 6. Juli wird Geschwindigkeits-Überwachung in Autos Pflicht

Das Zeitalter der totalen Überwachung im Auto hat begonnen: Ab 6. Juli 2022 wird die Tempo-Überwachung ISA in allen neuen Autos zur...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Kunstmarkt: Berlin und München konkurrieren um Spitzenposition

Ein starker Mittelstand: Die deutschen Auktionshäuser kommen gut über die Corona-Pandemie hinweg, während sich das Interesse der Käufer...

DWN
Finanzen
Finanzen Bärenmarkt voraus: Was Anleger derzeit von professionellen Tradern lernen können

Investoren und Trader betrachten Märkte aus geradezu gegensätzlichen Perspektiven, die beide Erfolg haben können. Doch in einem...

DWN
Politik
Politik Moskau nennt Nato-Beitritt Schwedens und Finnlands „schwerwiegenden Fehler“

Die russische Regierung warnt vor einem Beitritt Schwedens und Finnlands zur Nato. Die Aussagen eines Ministers haben es in sich.

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Russischer Gas-Transit durch die Ukraine geht weiter zurück

Das Volumen russischen Gases, das durch die Ukraine in die EU gepumpt wird, sinkt weiter.

DWN
Politik
Politik NRW: Wahlbeteiligung sackt deutlich ab

Die niedrige Wahlbeteiligung bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen wirft Fragen auf.

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Neueste Daten zeigen Abkühlung der Konjunktur in China

Infolge strenger Corona-Lockdowns hat sich die wirtschaftliche Dynamik in China deutlich abgekühlt.