Politik

Bundeswehr-Einsatz gegen türkisches Frachtschiff löst diplomatische Spannungen aus

Die Durchsuchung eines türkischen Frachtschiffes durch deutsche Soldaten am Sonntag im Mittelmeer hat ein diplomatisches Nachspiel.
23.11.2020 14:39
Aktualisiert: 23.11.2020 14:39
Lesezeit: 2 min
Bundeswehr-Einsatz gegen türkisches Frachtschiff löst diplomatische Spannungen aus
10.09.2020, ---: Ein Bundeswehr-Soldaten seilt sich aus einem Bordhubschrauber der Fregatte Hamburg ab, um an Bord des aus den Vereinigten Arabischen Emiraten kommenden Tankschiffes Royal Diamond 7 zu gehen. (Foto: dpa) Foto: -

Nach Angaben der Bundeswehr erzwang die türkische Regierung am Sonntag den Abbruch eines Einsatzes deutscher Marinesoldaten zur Kontrolle des UN-Waffenembargos gegen Libyen.

Nach Angaben des Einsatzführungskommandos waren die deutschen Soldaten am Sonntagabend rund 200 Kilometer nördlich der libyschen Stadt Bengasi an Bord eines verdächtigen Frachtschiffes gegangen, um die Ladung zu kontrollieren. Wenig später legte dann allerdings die Türkei als Flaggenstaat ein Veto gegen die Durchsuchung des Containerfrachters ein. Die deutschen Soldaten mussten daraufhin den Einsatz abbrechen.

Um die Risiken einer nächtlichen Rückkehr zur Fregatte «Hamburg» zu vermeiden, blieben sie jedoch noch bis zum Sonnenaufgang an Bord der «Rosaline A». Die Besatzung des türkischen Containerschiffes habe sich während des ganzen Einsatzes kooperativ gezeigt, hieß es.

Ob das Nato-Land Türkei seine Veto-Möglichkeit gegen die Durchsuchung nutzte, weil die «Rosaline A» wirklich Waffen oder andere verbotene Güter an Bord hatte, blieb zunächst unklar. Denkbar wäre auch, dass sie lediglich noch einmal ihren Widerstand gegen die als parteiisch angesehene EU-Operation «Irini» zum Ausdruck bringen wollte, in deren Rahmen der Einsatz der Bundeswehrsoldaten erfolgte.

Dafür könnte auch sprechen, dass der Auftrag zum Boarding durch den griechischen Befehlshaber der Operation «Irini» gegeben wurde. Wegen türkischer Erdgaserkundungen im östlichen Mittelmeer ist das Verhältnis zwischen Ankara und Athen derzeit äußerst angespannt. Griechenland hat zusammen mit Zypern auch dafür gesorgt, dass beim EU-Gipfel im Dezember weitere Sanktionen gegen die Türkei diskutiert werden sollen.

Kritik aus Ankara

Die Türkei hat die Durchsuchung verurteilt. «Wir protestieren gegen diese Aktion, die ohne Befugnis und mit Gewaltanwendung durchgeführt wurde», teilte das Außenministerium in Ankara am Montag mit. Diese «heuchlerische und gesetzeswidrige Behandlung» von türkischen Frachtschiffen, die nach Libyen unterwegs seien, «ist keinesfalls zu akzeptieren.»

Obwohl sich der Kapitän kooperativ gezeigt habe und über die Ladung des Schiffes Auskunft gegeben habe, hätten bewaffnete Kräfte eine stundenlange Prüfung durchgeführt, hieß es weiter. «Am gesamten Personal, einschließlich dem Kapitän, wurde zwangsweise eine Leibesvisitation durchgeführt». Man werde Entschädigung beanspruchen. Das Schiff sei zum libyschen Hafen Misrata unterwegs gewesen und habe Farbmaterial und Hilfsgüter geladen.

Aus dem Einsatzführungskommando in Potsdam hieß es dagegen, die Türkei sei über die Pläne für die Durchsuchung des Schiffes informiert worden und habe vier Stunden lang nicht reagiert. Dies sei gemäß der Einsatzregeln als stillschweigendes Einverständnis für das Boarding gewertet worden.

Der Einsatz zur Waffenembargo-Kontrolle war von der EU gestartet worden, weil in Libyen seit dem gewaltsamen Sturz des Präsidenten Muammar al-Gaddafi im Jahr 2011 durch Großbritannien, die USA und Frankreich ein Stellvertreterkrieg herrscht. Die Regierungstruppen werden von der Türkei unterstützt, ihr Gegner, General Chalifa Haftar, von Ägypten, Jordanien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Russland. Zuletzt einigten sich die Konfliktparteien Ende Oktober auf einen Waffenstillstand. Ob er hält, gilt aber als unsicher.

Im September hatte die Besetzung der deutschen Fregatte «Hamburg» bei der Kontrolle eines aus den Vereinigten Arabischen Emiraten kommenden Tankschiffes unter das Waffenembargo fallendes Kerosin entdeckt. Zudem wurden zuletzt EU-Sanktionen gegen Unternehmen verhängt, die Schiffe, Flugzeuge oder andere Logistik für den Transport von Kriegsmaterial bereitgestellt haben. Konkret geht es um drei Firmen aus der Türkei, Jordanien und Kasachstan. Mit der Sanktionierung von Unternehmen aus mehreren Länder wollte die EU auch deutlich machen, dass sie nicht wie von der Türkei behauptet nur Waffenlieferungen an die libysche Regierung verhindern will, nicht aber an den gegnerischen Milizenführer Haftar.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Unternehmen
Unternehmen Bestes Bundesland für Unternehmen: Sachsen überholt Bayern
25.02.2026

In Bundesländer-Vergleichen wirtschaftlicher Attraktivität lag in der Vergangenheit häufig Bayern vorn, der Westen vor dem Osten. Doch...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Nvidia-Aktie vor Zahlen: Milliardendeal mit OpenAI geplatzt – Nervosität am KI-Markt wächst
25.02.2026

Kurz bevor Nvidia am Mittwochabend seine Quartalszahlen vorlegt, hat der US-Chipgigant seine milliardenschwere Vereinbarung mit OpenAI...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Corona-Schutzmasken: Haftstrafe für Steuerbetrug nach Millionen-Maskendeal
25.02.2026

Nach einem Maskengeschäft für 22 Millionen Euro muss ein Unternehmer jetzt ins Gefängnis. Was hat er sich zuschulden kommen lassen?

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Wirtschaftswachstum überrascht - doch Haushaltslöcher werden größer
25.02.2026

Deutschlands Wirtschaft wächst Ende 2025 stärker als erwartet. Im laufenden Jahr sollen staatliche Milliarden den Aufschwung ankurbeln....

DWN
Unternehmen
Unternehmen Eon-Aktie: Energiekonzern plant Milliarden-Offensive - Investitionen in Netzausbau
25.02.2026

Der Energiekonzern Eon legt solide Jahreszahlen vor und plant eine massive Investitionsoffensive von 48 Milliarden Euro bis 2030, um das...

DWN
Politik
Politik Banaszak zu Heizungsgesetz: Nur bei Gaswerken knallen Sektkorken
25.02.2026

Das Heizungsgesetz soll reformiert werden. Dabei gehe es nicht um Mieter, Hausbesitzer oder das Handwerk, kritisiert der Grünen-Chef. Er...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Ottobock-Aktie: Prothesenhersteller sucht Käufer für Stammwerk in Thüringen
25.02.2026

Der börsennotierte Prothesenhersteller Ottobock will sich von einem weiteren Geschäftsbereich trennen und von einem Standort mit...

DWN
Politik
Politik Draghi stößt Grundsatzdebatte an: Europäische Föderation für mehr Handlungsfähigkeit?
25.02.2026

Mario Draghi löst mit seiner Forderung nach einer europäischen Föderation eine Grundsatzdebatte über die Zukunft der EU aus. Kann eine...