Politik

Russland will Kooperation mit der Türkei auf die Schwarzmeer-Region ausweiten

Russland will seine Kooperation mit der Türkei auf die Schwarzmeer-Region ausweiten. Die beiden Länder führen bereits in Syrien, Berg-Karabach und Libyen Beziehungen, die auf der Ebene der Realpolitik stattfinden.
28.11.2020 12:55
Lesezeit: 2 min

„Sie [Frankreich und Deutschland] arbeiten jetzt innerhalb der NATO zusammen, um ihre Verteidigungs- und Sicherheitsinteressen nach eigenem Ermessen wahrzunehmen. Warum können wir [Russland und die Türkei] hier in der Schwarzmeerregion nicht dasselbe tun?“, sagte Präsident Wladimir Putin während seiner Rede am 17. November im russischen Fernsehen.

Putin fmachte diesen Kommentar, nachdem er der Türkei erlaubt hatte, sich dem neuen russischen Militärzentrum in Aserbaidschan anzuschließen, das für die Erfüllung der Bedingungen des Friedensabkommens mit Armenien verantwortlich ist. Putin fügte hinzu, dass Russland „gute Erfahrungen“ mit der Durchführung gemeinsamer Operationen in Syrien habe. Die Türkei hatte russische S-400-Flugabwehr-Raketensysteme gekauft und kürzlich getestet, obwohl Sanktionen aus den USA drohten.

Trotz alledem ist Brüssel davon überzeugt, dass die Türkei „nicht bereit ist, die NATO und ihre engen Beziehungen zum Westen zu opfern, um gemeinsam mit Russland eine neue Richtung einzuschlagen“. Der ehemalige NATO-Vertreter Jamie Shea sagte dem EU Observer, dass die Türkei sich zumindest in eine andere Richtung orientieren werde, ohne sich komplett vom Westen abzukapseln.

Laut Shea ist Putin „zu schlau“, um zu glauben, dass er „Erdoğan zu einem neuen Bündnis überreden kann“. Und die Türkei ist für den Westen im Nahen Osten zu wichtig, als dass das NATO-Bündnis die Türkei ausschließen könnte, fügte Shea hinzu.

Shea sagt, Erdoğan habe aus Protest beschlossen, russische S-400-Systeme zu kaufen, weil die USA sich weigerten, ihm hochmoderne Patriot-Flugabwehr-Raketensysteme zu verkaufen. Laut Shea könnte die neue amerikanische Regierung von Joe Biden jedoch einem Abkommen über Patriot-Komplexe zustimmen. Dann würden die S-400-Systeme weiterverkauft werden - genau wie Frankreich vor einigen Jahren einen [Hubschrauberträger] Mistral nach Ägypten verkauft hatte, nachdem der Deal mir Russland gescheitert war.

„Die NATO ist es gewohnt, mit Verbündeten zu verhandeln, mit denen es schwierig sein kann, zu kommunizieren“, so Shea. Ihm zufolge musste Putin für den Deal mit Erdoğan einen ziemlich hohen Preis zahlen. „Die Rolle der Türkei in dem Teil des ehemaligen osmanischen Einflussbereichs, den Putin in den letzten 20 Jahren als russischen Einflussbereich angesehen hat, wächst weiter“, erklärte er.

Dmitry Trenin, Direktor des "Carnegie Moscow Center", vertritt ungefähr die gleiche Ansicht über Änderungen in der Position der Türkei. „Es gibt kein Bündnis zwischen Russland und der Türkei“, sagte Trenin in einem Interview mit dem EU Observer. Er bemerkte, dass Putins Wunsch, Beziehungen zu Erdogan aufzubauen, auf regionale Realpolitik beschränkt sei.

„Putin ist daran interessiert, friedliche Beziehungen zur Türkei, die eine wachsende regionale Macht ist, aufrechtzuerhalten. Er kooperiert mit ihr, wo ihre Interessen eng genug sind, und versucht, Differenzen beizulegen, damit sie nicht zu Konflikten eskalieren“, so Trenin.

Zu dem Abkommen zwischen Russland und der Türkei im Südkaukasus sagt er: „Die Zusammenarbeit in Berg-Karabach schafft ein günstigeres Klima für die Interaktion in allen Bereichen." Mangelnde Zusammenarbeit dort hätte die Beziehungen in jeder Hinsicht verdorben.

Die Interessen Russlands und der Türkei können in anderen Ländern wie Libyen und Syrien auseinander gehen oder sogar kollidieren. Russen können mit jedem interagieren, basierend auf den Prinzipien der Realpolitik. Der EU Observer führt aus, dass die Türkei zu wichtig sei für die NATO und den Westen. Der Westen brauche türkische Militärbasen und türkische Geheimdienste für dschihadistische Operationen im Nahen Osten, und Erdoğan brauche westliche Investitionen, um seine Schulden zu begleichen.

„Die Türkei ist ein Land, das in die Weltwirtschaft, in die europäische Wirtschaft integriert ist und vor allem ausländische Investitionen benötigt. Russland ist eine mittelgroße Wirtschaft, wobei es über eine starke Armee verfügt. Russland ist weit entfernt von den führenden Volkswirtschaften der Welt, und die wirtschaftlichen Bedürfnisse der Türkei sind sehr groß“, meint Aslı Aydıntaşbaş vom "European Council on Foreign Affairs".

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Finanzen
Finanzen Bitcoin: Unbekannter vernichtet Vermögen im Millionenwert
29.05.2026

Ein Unbekannter schickt 107 Bitcoin an eine Adresse, von der es keinen Rückweg gibt. Knapp sieben Millionen Euro sind damit praktisch aus...

DWN
Unternehmensporträt
Unternehmensporträt Eternal.ag: Kölner Start-up automatisiert die Tomatenernte
29.05.2026

Acht Millionen Euro, ein gescheitertes Vorgängerunternehmen und ein klares Ziel: Renji John will beweisen, dass autonome Roboter den...

DWN
Unternehmen
Unternehmen "Made in Germany" vorm Aus: Nächste deutsche Traditionsfirma verschwindet für immer
29.05.2026

Schwache Konsumstimmung, nicht mehr finanzierbare Kosten für Energie, Personal und Abgaben treiben den stationären Handel samt...

DWN
Politik
Politik NATO-Truppenabzug: Europas Sicherheit wird zur Kostenfrage
29.05.2026

Amerika will weniger Kampfjets, Drohnen und Kriegsschiffe für Europa bereithalten. Was wie eine technische NATO-Planung klingt, ist ein...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft VW-Aktie: Nach Whistleblower-Hinweisen – Justiz weist Benachteiligungsklage gegen Volkswagen ab
29.05.2026

Herber Rückschlag für zwei ehemalige VW-Mitarbeiter im Millionenpoker mit ihrem Ex-Arbeitgeber: Das Landesarbeitsgericht Niedersachsen...

DWN
Politik
Politik Machtwort aus der Regierungszentrale: Kanzleramt bügelt Merz-Debatte ab
29.05.2026

Das Kanzleramt versucht, die aufkommenden Spekulationen über die Zukunft von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) im Keim zu ersticken....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Gegen den Kurs der Regierung: Mehrheit der Beschäftigten will weniger arbeiten
29.05.2026

Breitseite gegen die schwarz-roten Wirtschaftsreformen: Eine neue DGB-Umfrage zeigt, dass sich 53 Prozent der Arbeitnehmer in Deutschland...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Trotz Energie-Schock: Teuerungswelle in Deutschland flaut im Mai ab
29.05.2026

Die deutsche Wirtschaft stemmt sich gegen die Krisenfolgen: Trotz der durch den Iran-Krieg sprunghaft gestiegenen Kosten für...