Wirtschaft

Argentinien bekämpft Währungskollaps: Bauern müssen Devisen in Peso tauschen

Das einstmals reiche südamerikanische Land steckt in einer wirtschaftlichen Dauerkrise. Nach einem de-facto Staatsbankrott diesen Sommer ist die Währung weiterhin im freien Fall. Eine neue Maßnahme soll Abhilfe schaffen – zeigt aber nur, wie hoffnungslos die Lage mittlerweile ist.
10.12.2020 14:43
Lesezeit: 2 min
Argentinien bekämpft Währungskollaps: Bauern müssen Devisen in Peso tauschen
In Argentinien werden heimische Pesos verschmäht, Dollar sind dagegen sehr begehrt. (Foto: dpa) Foto: Claudio Santisteban

Die argentinische Landeswährung wertet seit Monaten in bedrohlichem Ausmaß ab. Das Austauschverhältnis zum US-Dollar steht derzeit bei 82 Peso pro Dollar.

Kapitalkontrollen und eine temporäre Senkung der Exportsteuern konnten den Abwärtstrend zwar verlangsamen, aber nicht wirklich stoppen. Auf dem Schwarzmarkt sind US-Dollar sehr begehrt – zu einem deutlich über dem offiziellen Kurs liegenden Austauschverhältnis von momentan 154 Peso pro Dollar versteht sich.

Jetzt greift die Regierung zu einer weiteren verzweifelten Maßnahme, um den Peso zu stützen oder wenigstens zu stabilisieren: Exporteure landwirtschaftlicher Erzeugnisse müssen ab sofort die erwirtschafteten Auslandswährungen (meist handelt es sich hierbei um Dollar) zwangsweise in heimische Währung eintauschen. Der Umtausch muss innerhalb von 15 Tagen vonstatten gehen. Betrieben, die sich weigern, wird schlichtweg die Exportlizenz entzogen.

Argentinien ist hinter Brasilien der zweitgrößte Netto-Exporteur von Agrar-Erzeugnissen. Angebaut werden unter anderem Sojabohnen, Weizen und Mais. In den letzten Jahren gewann außerdem die Produktion von Rindfleisch an Bedeutung. Das bedeutendste Exportprodukt sind Sojaerzeugnisse, welche in Form von proteinhaltigen Futtermitteln weltweit begehrt sind. Sojafarmen repräsentieren rund 60 Prozent der Ackerbau-Flächen des Landes, gemessen an den diesjährigen Umsätzen macht die Sojabranche sogar 70 Prozent des Agrarsektors aus.

Die Agrarwirtschaft Argentiniens ist stark exportorientiert. Deshalb erhofft sich die Regierung einen entsprechend signifikanten Effekt der Maßnahme auf die Währung. Hilfreich sind auch die momentan stark steigenden Sojapreise.

Allerdings geht man mit der Maßnahme durchaus ein Risiko ein. Die Farmer dürften im Gegenzug für ihre Erzeugnisse weitaus mehr an Dollar als am chronisch instabilen und hyperinflationsgefährdeten Peso interessiert sein. Reuters zitiert einen lokalen Bauern mit folgenden Worten: „Wir Farmer vertrauen auf unser Korn und nicht auf den Peso“.

Farmer haben keinen Planungssicherheit

Für die Bauern sind Kalkulation und Zukunftsplanung aufgrund der starken Schwankung der heimischen Währung und den hohen Inflationsraten (aktuell rund 40 Prozent auf Jahresbasis) ohnehin schon schwierig genug. Aufgrund der sich zunehmend ausweitenden Lücke zwischen dem offiziellen Wechselkurs und dem Schwarzmarkt-Verhältnis müssen Produzenten jederzeit mit einem starken Abwertungsschub des Peso rechen, was umgerechnet drastisch höhere Werte der exportierten Gütern zur Folge hätte. In Weichwährungsländern müssen Unternehmen Einnahmen und Ausgaben in Fremdwährung kalkulieren.

Während Unsicherheiten (neben der Währung kam im letzten Jahr die Präsidentschaftswahl hinzu) in der Vergangenheit vor allem zunehmende Termin-Verkäufe hervorriefen, könnte die aktuelle Situation zu einer erhöhten Lagerhaltung führen. „Argentiniens Exporteure müssen evaluieren, ob sie unter den gegenwärtigen Umständen ihre Waren verkaufen oder lieber horten wollen“, kommentiert der Ökonom Guido Lorenzo von der Beratungsfirma LCG.

Erste Anzeichen für eine zunehmende Hortung hierfür gibt es jetzt schon in Form von sinkenden Weizen- und Sojaexporten in den letzten drei Monaten – insbesondere in Richtung des wichtigsten Abnehmers China.

Im schlimmsten Fall könnte die landwirtschaftliche Aktivität infolge der neuen Regeln sogar sinken. Dabei ist die Landwirtschaft einer der wenigen Lichtblicke in dem von Finanzkrisen gebeutelten Land. Über allem hängt die prekäre und nicht mehr tragfähige Staatsverschuldung, die zum Großteil von ausländischen Gläubigern wie Hedgefonds und auch dem Internationalen Währungsfonds (IWF) gehalten wird. Im August hatte sich Argentinien mit seinen Gläubigern auf eine Umschuldung und im Zuge dessen einen Teilerlass von Schulden in Höhe von 38 Milliarden Dollar geeinigt. An der faktischen Zahlungsunfähigkeit des Landes ändert dieser Umstand aber nichts. Die Märkte bewerten argentinische Staatspapiere jedenfalls deutlich unter Nominalwert.

Ein Blick in die Zukunft macht derweil wenig Hoffnung: Die argentinische Wirtschaft wird 2020 Schätzungen zufolge um 12 Prozent schrumpfen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Technologie
Technologie Brady TwinLead: Wenn das Etikett plötzlich mitdenkt

Ein Etikett bleibt am Produkt, doch die Informationen dahinter können sich verändern. Mit TwinLead verbindet Brady physische...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Politik
Politik Kritische Rohstoffe: EU startet 46 neue Projekte, doch die alten scheitern
12.10.2026

Europa will sich aus Chinas Rohstoffklammer befreien. Dafür bringt Brüssel 46 neue strategische Projekte auf den Weg, die Investitionen...

DWN
Politik
Politik Putin ist erfolgreicher, als uns lieb sein kann: Analyst weist auf großen Fehler der NATO hin
12.10.2026

Sabotage, Drohnen und Angriffe auf Infrastruktur: Nach Einschätzung des Russland-Experten Mason Clark verfolgt der Kreml damit ein...

DWN
Politik
Politik Er verlor den Kampf um die Macht gegen Trump und Vance: Jetzt warnt er seine Partei
12.10.2026

Tim Walz hat die Niederlage von 2024 noch nicht abgehakt. Im Interview erklärt der frühere Vizepräsidentschaftskandidat, warum die...

DWN
Finanzen
Finanzen McDonalds-Aktie: Ausverkauf an der Börse – haben die Anleger die Burger satt?
12.10.2026

Die McDonalds-Aktie ist auf den niedrigsten Stand seit vier Jahren gefallen und hat innerhalb von neun Monaten fast ein Drittel ihres...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft EU-Handelskompromiss mit China: Was der Deal Deutschland bringt
12.10.2026

Nach wochenlangen Spannungen haben sich die Europäische Union und China auf erste konkrete Schritte zur Entschärfung ihres...

DWN
Politik
Politik Trumps überraschende Entscheidung, russischen Kraftstoff in die USA zu importieren, sorgt weltweit für Aufsehen
12.10.2026

Donald Trumps Vereinbarung mit Russland zeigt den wachsenden Druck, die Kraftstoffpreise zu senken, und markiert einen deutlichen...

DWN
Finanzen
Finanzen Goldreserven wachsen rasant: China kauft so viel Gold wie seit drei Jahren nicht
12.10.2026

Die chinesische Zentralbank ist auf dem besten Weg, bei den Goldreserven an den Zentralbanken Frankreichs und Italiens vorbeizuziehen. Nach...

DWN
Panorama
Panorama Klimaschutz bis 2045: Welche Kosten auf Deutschland zukommen
12.10.2026

Elektroautos, erneuerbare Energien und ein angepasstes Stromnetz: Deutschlands Weg zur Klimaneutralität verlangt hohe Investitionen. Eine...