Finanzen

AUSBLICK AUFS ANLEGER-JAHR 2021: "Die goldenen Zwanziger gab es schon mal - wiederholt sich die Geschichte?"

Lesezeit: 5 min
10.01.2021 09:14
Im zweiten Teil seines Ausblicks auf dieses Jahr, nennt Marc Friedrich die Risiken, denen sich Anleger gegenübersehen - und die Chancen.
AUSBLICK AUFS ANLEGER-JAHR 2021:
Die 1920er-Jahre (hier dargestellt von Sänger Max Raabe und einem Damen-Ballett am Berliner Schiller-Theater) waren eine goldene Dekade. Werden es die 2020er ebenfalls? (Foto: dpa)
Foto: Soeren_Stache

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Die Bilanz der Europäischen Zentralbank (EZB) schnellt im Eiltempo von Rekord zu Rekord und zeigt lediglich auf, wie dysfunktional das Währungsexperiment Euro doch ist. Auch hier ist keine Lösung in Sicht. Aktuell steht man bei 7,23 Billionen Euro, das sind fast 70 Prozent des BIP der Eurozone. Tendenz weiter steigend.

Wie abstrus das ganze System bereits pervertiert ist, zeigt folgender Chart: Die Geldmenge M1 in den USA ist parabolisch angestiegen und würde perfekt in jedes Lehrbuch für einen exponentiellen Verlauf passen. 21 Prozent aller jemals produzierten US-Dollar wurden seit März 2020 in Umlauf gebracht. Die Geldmenge stieg um atemberaubende 65,6 Prozent auf 6,667 Billionen Dollar.

Parallel baut man weltweit an einem digitalen Währungssystem, damit dem Bürger die Möglichkeit verwehrt wird, mittels Bargelds die Flucht aus dem Bankensystem anzutreten. Zusätzlich werden die verzweifelten Rufe nach fiskalischen Paketen immer größer. Wir werden Zeugen werden von Konjunkturpaketen gigantischen Ausmaßes. Aber umso mehr Geld in die Hand genommen wird, umso geringer werden die Auswirkungen, das heißt, die Effekte nehmen drastisch ab, und mit jeder Krise werden die notwendigen Summen größer, aber der Nutzen nimmt parallel ab.

Als Beispiel nehmen wir die USA und ihre Zentralbank, die FED: Bei der Technologie-Blase im Jahr 2000 belief sich die Bilanz der FED auf 80 Milliarden Dollar, und die Zinsen standen bei 6,24 Prozent. Sie sanken dann auf 1,13 Prozent bis 2003, um anschließend wieder zu steigen.

Bei der großen Finanzkrise waren es dann schon 800 Milliarden Dollar Bilanzsumme, und die Zinsen lagen bei 5,03 Prozent. Danach gingen die Zinsen schnurstracks Richtung Null.

2020 waren es dann 7,2 Billionen Dollar in den Büchern, und die Zinsen sind bei fast Null mit 0,36 Prozent. Tendenz fallend. Wir haben also für eine weitere Krise keinen Spielraum mehr nach unten. Wir lernen: Um eine Rezession erfolgreich zu bekämpfen, müssen die Zinsen im Schnitt um fünf Prozentpunkte gesenkt werden, um die Wirtschaft anzukurbeln. Parallel steigen die monetären Anstrengungen mit jeder Krise um circa das 10-fache. Das bedeutet, wenn dies so weitergehen würde, hätten wir bei der nächsten Krise eine FED-Bilanz von 70 Billionen Dollar plus/minus und einen Zins deutlich im negativen Bereich.

Die Reichen werden noch reicher!

Es gibt auch Profiteure der derzeitigen Verwerfungen – so wie bei jeder Krise.

Die Corona-Pandemie hat den Vermögenstransfer von unten und von der Mitte nach (ganz)oben turbomäßig beschleunig und vergrößert massiv die Kluft zwischen arm und reich. Die Milliardäre der Welt haben ihre Vermögen um mehr als ein Viertel (27 Prozent) erhöht – die Ungerechtigkeit nimmt immer bedenklichere Formen an.

Dieses Mal ist wirklich alles anders? Nein – die Gesetze der Ökonomie lassen sich nicht aushebeln!

Was für ein absurdes Jahr: Während sich die Welt im Lockdown befand, viele Betriebe und Geschäfte und sogar ganze Volkswirtschaften geschlossen waren, die Arbeitslosenzahlen stiegen und die Weltwirtschaft um rund fünf Prozent einbrach, sind die Börsen nur kurz in die Knie, um dann wieder rasant neue Rekordhochs zu erreichen. Die Marktkapitalisierung der Aktienmärkte stieg um 25 Prozent beziehungsweise 20 Billionen Dollar und hat erstmals die magische Grenze von 100 Billionen Dollar überschritten. Und was die Staatsanleihen angeht: Auch für die gilt seit 2020 die Grenze von 100 Billionen nicht mehr als utopische Grenze – sie haben diese unvorstellbare Summe ebenfalls überschritten.

Durch die unendliche Liquidität der Zentralbanken werden die Vermögenspreisblasen weiter angefeuert, und wir werden das sehen, was die Börsianer als „melt up“ bezeichnen (am ehesten mit „Börsen-Run“ zu übersetzen – Anm. d. Red.).

Obwohl wir den größten wirtschaftlichen Kollaps seit 1929 sehen, steigen die Aktienmärkte immer weiter und scheinen sich komplett von der Realität verabschiedet zu haben. Solange die Notenbanken ihre Geldschleusen offen lassen, wird dies auch weiterhin so bleiben. Klingt unglaublich, ist aber so. Allerdings handelt es sich beim Glauben an unendlich im Wert wachsende Börsenwerte an eine Illusion. Ich erwarte, dass die Technologie-Blase (Stichwort: FAANG-Aktien) im Verlauf des Jahres korrigiert und damit auch der Gesamtmarkt korrigiert werden wird. Die völlig überteuerten Tech-Aktien sind ja derzeit höher bewertet als während der Internetblase im Jahr 2000.

Bestes Beispiel für die Auswüchse der irrationalen Übertreibung ist die Bewertung von Tesla! Die Marktkapitalisierung des Elektroauto-Herstellers liegt bei fast 700 Milliarden Dollar und damit höher als die aller Autobauer der Welt zusammen. Wobei: Tesla macht einen Umsatz von 28 Milliarden Dollar, die anderen 1,3 Billionen Dollar. Zudem verkauft Tesla nur ein Sechsundvierzigstel vom dem, was alle Mitbewerber zusammen an Autos absetzen. Fantasie hin oder her: Aber das schreit nach einer Korrektur.

Sollte man dagegen wetten? Wenn man mutig und liquide ist: ja. Ansonsten ein „Stop-Loss“ setzen (damit bestimmt der Anleger einen Kurs unterhalb der aktuellen Notierung, bei dem ein Verkaufsauftrag für das Papier ausgelöst wird – Ziel ist, einen zu hohen Verlust zu vermeiden – Anm. d. Red.). Das heiß, Gewinne auch mal mitnehmen und umschichten. Generell gehe ich von einer Trendwende aus: Ein Wechsel von spekulativen „Growth“-Aktien hin zu „Value“-Aktien, die in den letzten Jahren eine Performance unterhalb ihrer Möglichkeit abgeliefert haben.

Auslöser für diese Korrektur könnten folgende Punkte sein:

Die USA sind momentan das Zünglein an der Waage. Hier gibt es einige Variablen, die das Fass zum Überlaufen bringen können. Die Spaltung in der größten Volkswirtschaft der Welt war noch nie so groß wie aktuell – es wird sich zeigen, ob der Machtwechsel wirklich reibungslos vonstattengehen wird.

Weiteres Crashpotential hat die Pandemie: Wenn die Impfungen zu langsam gehen, der Impfstoff nicht hilft oder massive Nebenwirkungen entwickelt, könnte jede Euphorie an den Aktienmärkten rasch beendet sein. Oder der Virus mutiert zu Covid21 und die Lockdowns werden verlängert.

Eine noch heftigere Rezession würde das zur Folge haben und damit auch einen Aktiencrash.

Eine andere Baustelle ist die Mutter aller Finanzmarktblasen:

Der 40-jährige Bullenmarkt bei den Staatsanleihen nähert sich seinem Ende und könnte auch schon 2021 implodieren. Dies würde ebenso einhergehen mit großen Verwerfungen an den Kapitalmärkten. Ich erwarte, dass wir nach einer Deflation eine deutliche Inflation sehen werden und das Zeitalter der Sachwerte eingeläutet wird. Weiterhin gehe ich von einem weiter schwächelnden US-Dollar aus.

Krisen sind Chancen

Leider muss es erst schlimmer werden, bevor es besser wird!

Trotz der miesen Aussichten gibt es jetzt auch Chancen. Jetzt beginnt die Dekade der Sachwerte, die durch die Natur oder durch die Mathematik limitiert sind. Die Geldschleusen müssen nämlich offenbleiben und die Zinsen können gar nicht mehr steigen.

Kein Land der Welt und vor allem nicht die USA können sich bei der aktuellen Schuldenlast steigende Zinsen leisten. Die amerikanische Notenbank wird hier früher oder später eingreifen, Geld drucken, Anleihen kaufen und damit die Zinsen senken, was die goldene und alle anderen Sachwertraketen zünden wird. Mein Kursziel für Gold im Jahr 2021 liegt zwischen 2.300 bis 2.750 Dollar, und bei Silber erwarte ich nächstes Jahr Kurse von über 30 Dollar. Bitcoin wird nach einer deutlichen Korrektur zwischen 40.000 und 60.000 Dollar stehen, und Minenaktien werden sich ebenso positiv entwickeln.

Performance der Ende 2019 von mir ausgesprochenen Anlage-Empfehlungen für das Jahr 2020:

  • Bitcoin stieg um 300 Prozent
  • Gold: 24,5 Prozent
  • Silber: 47 Prozent
  • Diamanten: 11,7 Prozent
  • Whisky: 12,9 Prozent
  • Minen-Aktien: 27 Prozent


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