Wirtschaft

Exodus: Hunderttausende EU-Bürger verlassen Großbritannien

Hunderttausende Arbeiter aus der EU haben Großbritannien den Rücken gekehrt. Der Verlust von akademischer Kompetenz und Arbeitskraft dürfte die britische Volkswirtschaft schwächen.
18.01.2021 15:39
Aktualisiert: 18.01.2021 15:39
Lesezeit: 2 min
Exodus: Hunderttausende EU-Bürger verlassen Großbritannien
Polizeibeamte sprechen während eines Lastwagen-Protests von Fischern mit einem Fahrer eines Exporteurs von Meeresfrüchten. Aus Protest gegen Probleme beim Export von Fisch nach Europa im Zuge des Brexit haben mehrere Fischer ihre Lastwagen in der Nähe der Londoner Downing Street geparkt. (Foto: dpa) Foto: Alastair Grant

Wegen wirtschaftlicher Probleme in der Corona-Krise haben einer Studie zufolge Hunderttausende Menschen Großbritannien den Rücken gekehrt. Es handele sich um einen „beispiellosen Exodus“ im Ausland geborener Arbeitskräfte, folgern die Wissenschaftler des Economic Statistics Centre of Excellence in London.

„Ein Großteil der Arbeitsplatzverluste während der Pandemie betrifft nicht-britische Arbeitnehmer und drückt sich eher in Rückwanderung als in Arbeitslosigkeit aus.“ Dabei stützen sich die Autoren der Studie auf Arbeitsmarktdaten.

Besonders London, wo jeder fünfte Einwohner Ausländer ist, sei betroffen - die Bevölkerung der Hauptstadt ist der Studie zufolge um 700 000 Menschen gesunken, landesweit könnten es mehr als 1,3 Millionen sein. „Wenn dies annähernd genau ist, handelt es sich um den größten Rückgang der britischen Einwohnerzahl seit dem Zweiten Weltkrieg“, schrieben die Forscher.

Es gebe keine Beweise dafür, dass im Ausland lebende Briten in annähernd gleicher Zahl ins Vereinigte Königreich zurückgekehrt seien. Zugleich räumen die Wissenschaftler ein, dass es sich um ein vorübergehendes Phänomen handeln könnte und dass viele ausländische Arbeitskräfte möglicherweise nach der Pandemie nach Großbritannien zurückkehren könnten.

Ausländer werden von der britischen Wirtschaft dringend benötigt. Ihre coronabedingte Abwanderung ist aber nicht die einzige Gefahr. Auch wegen des Brexits und schärferen Migrationsgesetzen bangen viele Branchen um Fachkräfte. Die Corona-Krise ist auch für ein weiteres Alarmsignal verantwortlich. Die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC erwartet für 2021 eine „Baby-Delle“ in Großbritannien. Weil viele Paare wegen der unsicheren Aussichten aufgrund der Pandemie ihre Familienplanung verschöben, drohe die niedrigste Geburtenquote seit 1900, teilte PwC Anfang Januar mit.

Industrieproduktion sinkt

Die Wirtschaft Großbritanniens ist im November vor dem Hintergrund des erneuten Lockdowns zur Eindämmung der Corona-Pandemie geschrumpft. Im Monatsvergleich sei die Wirtschaftsleistung um 2,6 Prozent gesunken, teilte das Statistikamt ONS am vergangenen Freitag in London mit.

Außerdem meldete das britische Statistikamt einen leichten Rückgang der Industrieproduktion im November. Diese sei im Monatsvergleich um 0,1 Prozent gesunken. Damit ist die britische Industrieproduktion erstmals seit dem Corona-Einbruch im Frühjahr wieder geschrumpft.

Wir stark der Corona-Einbruch im Frühjahr noch nachwirkt, zeigt der Jahresvergleich. Im Oktober lag das Volumen der Industrieproduktion um 4,7 Prozent niedriger als ein Jahr zuvor. Im zweiten Quartal war die britische Wirtschaftsleistung wegen der harten Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie um 18,8 Prozent im Quartalsvergleich eingebrochen. Im dritten Quartal hatte es eine starke Erholung mit einem Wachstum um 16,0 Prozent gegeben.

Einreisen werden erschwert

Für Reisen nach Großbritannien ist seit Montagmorgen ein negativer Test vor der Einreise notwendig. Dieser darf nicht mehr als 72 Stunden zurückliegen, wie die britische Regierung in der vergangenen Woche mitgeteilt hatte. Trotzdem müssen sich Einreisende nach ihrer Ankunft in eine zehntägige Quarantäne begeben - egal, aus welchem Land sie kommen. Diese Selbstisolation kann frühestens ab dem fünften Tag durch einen weiteren negativen Corona-Test beendet werden. Die Regelung soll bis mindestens Mitte Februar gelten.

Am größten Londoner Flughafen Heathrow bildeten sich am Montag lange Schlangen bei den Kontrollen. Einreisende mussten Berichten zufolge länger als eine Stunde warten und beklagten teilweise, es würden dadurch zu große Menschenansammlungen entstehen. Die Regierung hat die Einreiseregeln verschärft, um sich effektiver vor der Einschleppung neuer Corona-Varianten aus anderen Ländern zu schützen. Für Brasilien, wo neue Varianten entdeckt wurden, und mehrere andere südamerikanische Länder sowie Portugal gilt sogar ein Einreiseverbot.

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