Finanzen

EZB betritt gefährliches Neuland: Manipulation der Renditespannen

Die EZB eskaliert die Manipulation des Anleihemarktes. Mit verstärkten Wertpapierkäufen will sie die Renditen zwischen guten und schlechten Staatsschulden in der Eurozone nahe beieinander halten.
25.01.2021 10:08
Lesezeit: 3 min
EZB betritt gefährliches Neuland: Manipulation der Renditespannen
Christine Lagarde, Präsidentin der Europäischen Zentralbank. (Foto: dpa) Foto: Ludovic Marin

Die EZB hat bereits monetäres Neuland betreten, als sie in der Eurozone negative Zinssätze einführte. Und nun geht sie offenbar erneut einen Weg, den noch keine andere Zentralbank der Welt jemals gewagt hat. Sie hält die Renditespanne zwischen den Staatsanleihen der 19 Mitgliedstaaten stabil, also zum Beispiel die Differenz zwischen den Renditen deutscher und italienischer Staatsanleihen. Dies berichtet Bloomberg unter Berufung auf Insider. Laut einer dieser Quellen hat die EZB konkrete Vorstellungen darüber, welche Renditespannen angemessen sind. Und zwar für jede Art von Markt.

Ein Sprecher der EZB lehnte einen Kommentar ab. Doch die Tatsache, dass die neue Strategie der Notenbank nun an die Presse durchgesichert ist, dürfte nach Ansicht des Finanzjournalisten Wolf Richter Teil ihres Plans sein. Denn wenn die Marktteilnehmer glauben, dass die EZB die Renditespannen niedrig halten wird, dann kommen sie diesen Plänen zuvor und investieren verstärkt in die eigentlich riskanteren Staatsanleihen der Südstaaten. In der Folge verringern sich die Renditespannen. Das heißt, die EZB erreicht das genannte Ziel, ohne dass sie tatsächlich mit Geld in den Markt eingreifen muss.

Um das Auseinanderfallen der Eurozone zu verhindern, ist die EZB in der Vergangenheit immer auch dazu bereit gewesen, sich über die gesetzlichen Grenzen der monetären Finanzierung hinwegzusetzen. Doch zu ihrer Verteidigung muss man sagen, dass sie sich in einer deutlich komplizierteren Lage befindet als andere Notenbanken. Denn jeder Mitgliedstaat emittiert seine eigenen Staatsanleihen, und die EZB kann nicht einfach ein universelles Ziel für die zehnjährige Rendite verkünden. Stattdessen hat sie feste Vorgaben im Hinblick auf die Anteile der verschiedenen Papiere in ihrer Bilanz.

Viel einfacher als die EZB hat es zum Beispiel die japanische Notenbank Bank of Japan (BOJ). Im September 2016 führte sie ein spezielles Anleihekaufprogramm ein, mit dem sie eine zehnjährige Rendite japanischer Staatsanleihen von "etwa 0 Prozent" anstrebte. Sie kündigte unbegrenzte Anleihekäufe zum Erreichen dieser Rendite an. "Mein Gefühl ist, dass dies eine wichtige Sache für die EZB ist, sie schauen darauf und sind eigentlich neidisch auf die BOJ. Sie würden so etwas gerne haben", so Christoph Rieger, Head of Rates & Credit Research bei der Commerzbank, gegenüber Bloomberg.

Die EZB kauft nicht erst seit Corona im großen Stil Staatsanleihen, um die Renditen niedrig zu halten, vor allem die italienischen, spanischen und portugiesischen. Denn Dank der ausdrücklichen Rückendeckung durch die EZB können auch die riskanteren Staaten der Eurozone seit vielen Jahren Staatsanleihen zu äußerst niedrigen Zinsen ausgeben. Im Januar hat Spanien in dieser Hinsicht gerade erst einen neuen Rekord aufgestellt. Neu ist nun, dass sie außerdem die Renditespannen stabil halten will und dabei sogar konkrete Renditespannen verfolgt. Wie bereits beim Ziel niedriger Renditen dürfte auch diesmal allein die Ankündigung zum Erfolg führen.

Um die Zinsen für Staatsanleihen nach unten zu bringen, muss eine Notenbank lediglich eine starke Nachfrage nach diesen Papieren bewirken und so den Preis nach oben treiben. Auf diese Weise sind sogar negative Renditen für Anleihen möglich geworden, und Investoren können selbst mit solchen negative verzinsten Papieren Geld verdienen. Wenn nämlich - getrieben von der Notenbank, die beliebig viel Geld drucken kann - die Nachfrage nach den Anleihen weiter steigt, sind die negativen Renditen irrelevant. Wichtig ist allein, dass der Preis steigen wird, was zugleich bedeutet, dass die Renditen noch weiter ins Negative fallen.

Wenn jedoch die Anleihehändler erwarten, dass die Renditen steigen werden, dann würde dies zu einer Verkaufswelle führen würde, wodurch die Renditen steigen würden. Aus Angst vor dem Preisverfall würden Investoren versuchen, ihre Anleihebestände abzustoßen, und es würde eine Abwärtsspirale in Gang kommen. Die EZB wird sicherlich mit aller Macht versuchen, ein solches Szenario zu verhindern. Doch selbst eine Notenbank ist im Hinblick auf die Finanzmärkte nicht allmächtig. Wenn nämlich die Inflation in größerem Maße steigt und der Wert des Euro also stark abnimmt, so verlieren Anleihen möglicherweise mehr an Attraktivität, als die EZB eine wirksame Nachfrage schaffen kann.

Seit Ende Januar letzten Jahres ist die Rendite für zehnjährige deutsche Bundesanleihen um 10 Basispunkte auf -0,53 Prozent gesunken. Die Rendite für zehnjährige italienische Staatsanleihen hingegen sank im gleichen Zeitraum um 26 Basispunkte auf +0,66 Prozent. Somit verringerte sich der Abstand zwischen den deutschen und italienischen Renditen von 135 Basispunkten auf nur noch 119 Basispunkte. Italienische Anleihen mit Laufzeiten von fünf Jahren oder weniger wurden kürzlich vorübergehend zu negativen Renditen. Dies zeigt sicherlich die Macht, über die die Zentralbanken heute verfügen. Doch der Preis ist hoch, und zahlen werden ihn vor allem die deutschen Steuerzahler.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Technologie
Technologie KI und digitale Steuerberatung: Der Gamechanger für den deutschen Mittelstand

Die Digitalisierung verändert die deutsche Wirtschaft in rasantem Tempo. Während große Unternehmen bereits seit Jahren auf...

DWN
Politik
Politik Deutsche Migrationspolitik: Zahl der Einbürgerungen steigt auf Höchststand
04.06.2026

Noch nie seit Beginn der Statistik haben sich in Deutschland mehr Menschen einbürgern lassen als 2025. Es ist der fünfte Anstieg in...

DWN
Finanzen
Finanzen Neue Energiewelle rollt an: Warum Öl, Gas und grüne Energie zugleich gewinnen könnten
04.06.2026

KI, Rechenzentren und der Hunger nach Strom verändern die globalen Energiemärkte grundlegend. Ein britischer Großinvestor sieht eine...

DWN
Finanzen
Finanzen Korea-Aktien im Rausch: Warum Anleger jetzt Asien feiern
04.06.2026

Erst eroberte K-Pop die Welt, nun ziehen Korea-Aktien die Anleger in ihren Bann. Samsung und SK Hynix treiben einen Markt nach oben, der...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Marktbericht: Rallye an der Wall Street endet, da Auseinandersetzungen zwischen den USA und dem Iran den Ölpreis in die Höhe treiben
03.06.2026

Lesen Sie, welche überraschenden Wendungen die Finanzmärkte in Atem halten und warum Anleger jetzt besonders wachsam sein müssen.

DWN
Politik
Politik Österreich und Portugal im UN-Sicherheitsrat, Deutschland nicht - eine historische Niederlage
03.06.2026

Niederlage in New York: Deutschland ist erstmals mit seiner Bewerbung um einen Sitz im mächtigsten UN-Gremium gescheitert. Stattdessen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Hat Deutschland die Lösung für Europas Stromnetz-Krise gefunden?
03.06.2026

Deutschland erlebt einen Solarboom auf Dächern, Balkonen und Parkplätzen. Während Dänemark unter einem überlasteten Stromnetz leidet,...

DWN
Politik
Politik Großbritanniens EU-Rückkehr: Realistische Option oder politischer Wunschtraum?
03.06.2026

Erst galt der Brexit als endgültig, nun spricht ein Labour-Schwergewicht offen von Großbritanniens EU-Rückkehr. Hinter der neuen...

DWN
Politik
Politik Investitionen in die Energiewende: EU-Kommission will mehr Schulden erlauben
03.06.2026

Die EU-Kommission schlägt vor, dass Mitgliedsstaaten für den Wandel zu sauberer Energie mehr Schulden machen dürfen, ohne Strafverfahren...