Deutschland

Wegen Chip-Mangels: Autobauer und Zulieferer schieben sich gegenseitig den Schwarzen Peter zu

Im Streit um die Verantwortung für den Chipmangel verschärft sich der Ton zwischen Autobauern und Lieferanten. Bei Volkswagen stockt - wie bei anderen Autobauern auch - wegen des Chipmangels die Produktion.
15.02.2021 17:17
Lesezeit: 2 min

Im Streit um die Verantwortung für den Chipmangel verschärft sich der Ton zwischen Autobauern und Lieferanten. Volkswagen wirft seinen Hauptlieferanten vor, den Prognosen des Autobauers über eine rasche Erholung der Pkw-Nachfrage nach dem ersten Lockdown nicht geglaubt und sich anderer Vorhersagen bedient zu haben. Er finde es „nicht nachvollziehbar“, dass ein wichtiger Zulieferer seinem Abnehmer erst im November einen Engpass bei Halbleitern angezeigt habe, sagte ein Einkaufsmanager des Wolfsburger Konzerns der Nachrichtenagentur Reuters. „Der Ärger ist groß. Wenn der Lieferant in seiner Vormaterialkette kein Chip-Problem hätte, würden wir unsere Steuergeräte bekommen.“ So aber fehlten wichtige Bauteile. Bei Volkswagen stockt - wie bei anderen Autobauern auch - wegen des Chipmangels die Produktion. Für mehrere Werke musste der Konzern tageweise Kurzarbeit anmelden.

Der Chip-Engpass war kurz vor Weihnachten von Volkswagen in China bekannt gemacht worden und hat sich rasch auf die gesamte Autobranche ausgeweitet. Fast alle großen Hersteller sind davon betroffen. In den USA hatten General Motors und Ford zuletzt angekündigt, halbfertige Autos zwischenzuparken, bis die nötigen Chips geliefert werden. Lediglich Toyota und BMW sind bisher kaum von der Knappheit betroffen.

Die Autobauer hatten während des ersten Lockdowns ihre Produktion heruntergefahren und in den Wochen danach alles unternommen, um den Geldabfluss möglichst gering zu halten. Dabei hätten sich die Unternehmen zu sehr auf Kosteneffizienz konzentriert anstatt ihre Lieferbeziehungen auf mehrere Beine zu stellen, sagen Experten. In der Chipkrise erweise sich nun, wie brüchig die Lieferbeziehungen seien.

Volkswagen macht geltend, seine Zulieferer bereits Anfang April über die Erwartung steigender Produktionszahlen informiert zu haben. „Wenn ein Lieferant unseren Zahlen keinen Glauben schenkt und ein Prognoseinstitut zu Rate zieht, das die Situation - aus welchen Gründen auch immer - anders einschätzt, als unsere Experten, und deshalb in seiner Vormaterialkette weniger bestellt, könnte das eine Erklärung für die gegenwärtige Situation sein“, sagte der Einkaufmanager. „Die Verbindlichkeit unserer Lieferabrufe sind nach VDA-Bedingungen geregelt.“ Volkswagen gehe davon aus, dass die Lieferabrufe entsprechend erfüllt würden und Zulieferer diesen umgehend widersprächen, wenn die Lieferfähigkeit nicht gegeben sei. Dieses Vorgehen sei üblich in der Automobilindustrie. „Wir haben derzeit bei bestimmten Bauteilen rein technisch keine Chance, Alternativen zu nutzen. Zudem können wir bestimmte elektronische Bauteile nicht nachträglich einbauen.“

Volkswagen prüft nach früheren Angaben aus Konzernkreisen Schadensersatzansprüche gegen seine Hauptlieferanten Bosch und Continental. Als Konsequenz aus dem Chip-Mangel wollen die Wolfsburger die Versorgung mit Halbleitern künftig durch direkte Absprachen mit den Herstellern absichern. Üblicherweise schließen die Autobauer Verträge über Bauteile mit großen Zulieferern wie Bosch und Continental, die die Versorgung mit Chips mit ihren Lieferanten aus der Halbleiterindustrie regeln.

Bei Continental hieß es: „Wir haben zu jedem Zeitpunkt gegenüber unseren Kunden offen und transparent kommuniziert“. Der Zulieferer orientiert sich bei Prognosen an dem Datenanbieter IHS Markit, dessen Analysen auf Annahmen aller Marktteilnehmer basieren. „Wir haben mit sehr vielen Kunden zu tun. Deswegen müssen wir unsere Prognose auf einer breiten Basis erstellen“, sagte ein Insider. Dass man da schon mal von einer Einzelprognose abweiche, sei nachvollziehbar.

Im Frühjahr 2020 sei nicht absehbar gewesen, dass sich die Pkw-Produktion rasch erholen werde. „Das sah desaströs aus, es gab kaum Abrufe“, sagte die Person mit Kenntnis der internen Abläufe. „Die Marktforschungsinstitute haben das nicht kommen sehen.“ Zu den Vorwürfen von Volkswagen wollte sich der Dax-Konzern aus Hannover nicht äußern.

Wie Continental macht auch der weltgrößte Autozulieferer Bosch mehrere Faktoren auf dem weltweiten Beschaffungsmarkt für die Halbleiterknappheit verantwortlich. Dem könne sich auch Bosch nicht entziehen. Man unternehme alles, um die Kunden weiter zu versorgen und die Auswirkungen des Engpasses so gering wie möglich zu halten. Zu den Vorwürfen nahm Bosch nicht Stellung.

Experten verweisen darauf, dass die Automobilindustrie für die Chiphersteller eine geringere Rolle spielt als die Unterhaltungselektronik und Telekommunikation. Während des Lockdowns sei die Nachfrage nach Laptops, Handys und Spielekonsolen sprunghaft gestiegen. Dazu habe auch der Trend zum Homeoffice beigetragen. Eine gängige Erklärung lautet daher, dass die Halbleiterhersteller ihre Kapazitäten auf diese Kunden konzentriert hätten, als die Autobranche die Produktion wegen der Pandemie zurückfuhr. Die Folgen des Engpasses dürften sich bis in die zweite Jahreshälfte hinziehen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Technologie
Technologie iFLYTEK AINOTE Air 2 bringt KI-gestützte Notizen in ein noch kompakteres E-Ink-Tablet

Für viele Menschen sind die besten Produktivitätstools diejenigen, die nicht versuchen, den gesamten Arbeitstag zu übernehmen. Sie...

X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Unternehmen
Unternehmen Elon Musks ehemaliger Mitbewohner: „Wir wussten, dass der Mars das Ziel war“
04.07.2026

Vor 25 Jahren hat er Elon Musk davon abgeraten, ein Raketenunternehmen zu gründen. Heute bezeichnet er den SpaceX-Gründer als den...

DWN
Politik
Politik Vor den US-Kongresswahlen ist Trump so unbeliebt wie nie zuvor – doch er hat einen Trumpf im Ärmel
04.07.2026

Donald Trump geht mit schlechten Umfragewerten in die US-Kongresswahl, mittlerweile ist er unbeliebter als Vorgänger Joe Biden. Doch kurz...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Mexiko: Dank niedriger Löhne sind sie wettbewerbsfähig
04.07.2026

Im vergangenen Jahr wurden dort 4,09 Millionen Fahrzeuge produziert, womit das Land weltweit den siebten Platz einnimmt. Die Branche...

DWN
Finanzen
Finanzen Blitzer, Fahrverbot, Unfallschäden: Die wichtigsten Verkehrsrechtsurteile für Autofahrer in Deutschland
04.07.2026

Einen Moment unaufmerksam, ein Blitzer – und wenig später liegt der Bescheid im Briefkasten. 2025 haben mehrere Gerichte entschieden,...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Mini JCW im Test: Kleiner Flitzer mit großem Preis
04.07.2026

Der Mini JCW fährt sich sportlich, direkt und auffällig wie kaum ein anderes Auto seiner Größe. Doch der Fahrspaß hat seinen Preis,...

DWN
Panorama
Panorama 250 Jahre USA: Warum viele nicht mehr an den amerikanischen Traum glauben
04.07.2026

Die Vereinigten Staaten blicken auf 250 Jahre Geschichte zurück. Doch während das Land sein Jubiläum begeht, wächst die Skepsis über...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Unternehmen setzen auf KI: Wer braucht schon Horden von Managern?
04.07.2026

Unternehmen bauen weltweit mittlere Führungsebenen ab und setzen stärker auf KI, Daten und flachere Strukturen. Was das konkret für die...

DWN
Panorama
Panorama Sechs tote Mitarbeiter in Stade – Schwiegermutter von SPD-Migrationsbeauftragtem fuhr Fluchtwagen
03.07.2026

In einer Jugendeinrichtung im niedersächsischen Stade sind sechs Mitarbeiter erschossen wurden. Nun werfen sowohl die Recherchen zur...