Finanzen

Finanz-Insider: Wenn die Renditen von US-Staatsanleihen weiter steigen, wird es weltweit brenzlig

Die Renditen amerikanischer Staatsanleihen sinken seit Jahrzehnten. Immer, wenn der langfristige Abwärtstrend nach oben durchbrochen wurde, kam es zu globalen Finanzkrisen. Diese Situation bahnt sich derzeit wieder an.
19.03.2021 09:16
Aktualisiert: 19.03.2021 09:16
Lesezeit: 4 min

Grafik: Die Entwicklung der Renditen zehnjähriger US-Staatsanleihen in den vergangenen 25 Jahren (Quelle: Tradingeconomics)

Der Finanz-Insider Michael Lebowitz rechnet angesichts der seit einiger Zeit deutlich steigenden Renditen bei amerikanischen Staatsanleihen mit einem in naher Zukunft bevorstehenden Ausbruch einer neuen Finanzkrise – zumindest aber mit starken Verwerfungen in Teilbereichen des Finanzsystems.

Lebowitz begründet seine Prognose in einer auf dem Finanz-Blog Real Investment Advice (RIA) veröffentlichten Analyse. Sein Hauptargument: seit Jahrzehnten befinden sich die Renditen von US-Staatsanleihen im Sinkflug. Immer dann, wenn die Zinsen in den vergangenen Jahren phasenweise stark anstiegen und den langfristigen Trend deutlich nach oben durchbrachen, kam es zu Erschütterungen im Finanzsystem.

Der langfristige Abwärtstrend bei den Anleihen wird aus der folgenden Grafik (Quelle: RIA) ersichtlich:

Aus der Grafik geht deutlich hervor, dass die wichtigsten Finanzkrisen der vergangenen dreißig Jahre stets in einem Umfeld steigender Renditen am US-Anleihemarkt auftraten. Dazu gehören der Börsenkrach des „Schwarzen Montag“ im Oktober 1987, die Insolvenz des riesigen Hedgefonds Long Term Capital Management sowie die Zahlungsunfähigkeit Russlands im Jahr 1998, das Platzen der „Dotcom“-Blase im März 2000, das Platzen der Blase am US-Hypothekenmarkt im Jahr 2007 und die darauf folgende Finanzkrise 2008, der Einbruch des Ölpreises im Jahr 2014 sowie die schweren Verwerfungen am US-Geldmarkt zwischen September 2019 und Frühjahr 2020.

Fiat-Geldsystem und Schuldenwirtschaft

Ursächlich für die Korrelation steigender Zinsen am US-Anleihemarkt und dem Auftreten von Finanzkrisen ist Lebowitz zufolge der Charakter des gegenwärtigen Finanzsystems. Dieses basiert auf Fiat-Geld, das von Zentralbanken ohne Gegenleistung und ohne Anbindung an ein physisches Objekt wie beispielsweise Gold geschöpft wird. Daraus resultiert eine mit dem Zinseszins-System arbeitende Schuldenwirtschaft und Finanzspekulation. Die infolge der Geldschöpfung aus dem Nichts und dem Zins stetig steigende Gesamtschuldenlast vertrage aber keine signifikanten Zinserhöhungen mehr, weil dadurch sofort Schuldner in Zahlungsschwierigkeiten geraten und eine Kettenreaktion im hochgradig vernetzten Weltfinanzsystem auslösen, so Lebowitz.

Er schreibt:

„Wenn Schulden produktiv eingesetzt werden, werden Zins und Tilgungszahlungen von steigenden Profiten und nachhaltiger wirtschaftlicher Aktivität gedeckt. Einkommen, welches die Kosten zur Finanzierung der Schulden übersteigt, führt darüber hinaus zu Wohlstandsgewinnen für die ganze Nation.

Im Gegensatz dazu mögen unproduktiv verwendete Schulden die wirtschaftliche Aktivität zwar einmal befeuern, aber sie führen kaum oder gar nicht zu nachhaltigen Einkommensströmen, um die Kosten der Schulden auch in Zukunft noch bedienen zu können. Letztendlich bremsen sie sogar die Wirtschaftskraft, weil die Bedienung der Schulden in der Zukunft produktive Investitionen und/oder den Konsum ersetzt.

Die folgende Grafik bildet das ständig steigende Verhältnis der Gesamtschuldenlast zur Wirtschaftsleistung (der USA – der Autor) ab. Wenn die Schulden im Endeffekt produktiv eingesetzt worden wären, dann würde der Anteil der Schulden gemessen an der Wirtschaftsleistung sinken – egal, wie hoch die Schuldenstände sind.

(…)

Im Klartext: Das Ziel der Federal Reserve besteht darin, die Party am Laufen zu halten, ohne sich um den morgigen Kater Sorgen zu machen. Wie sie in der Vergangenheit zeigten, kann die Party mithilfe immer noch höherer Schulden auch morgen noch weitergehen. Unglücklicherweise ist der wahre Preis für diese rücksichtslose Geldpolitik die finanzielle Instabilität der ganzen Nation.

Die Beweise für diesen Zustand liegen offen auf der Hand. Derzeit geraten Investoren wegen steigender Zinsen am Anleihemarkt in Panik – trotz der Tatsache, dass sich diese noch immer auf dem niedrigsten Stand der letzten 300 Jahre befinden.“

Ab einer Rendite von 2 Prozent wird es brenzlig

Lebowitz führt schließlich eine Proxy-Rechnung ein, um abzuschätzen, wie sensibel das gegenwärtige Finanzsystem auf Anstiege der Renditen reagieren wird. Dieser Wert leitet sich aus dem Umfang der Gesamtschulden, der Wirtschaftsleistung und dem durchschnittlichen Anstieg der Zinsen in den vergangenen 12 Monaten ab. Nachfolgende Grafik (Quelle: RIA) zeigt die Verteilung dieser Phasen steigender Kosten im Zeitablauf:

Aus der Kalkulation folgt, dass der gegenwärtige Anstieg der Zinsen am Anleihemarkt zu einem Anstieg der Kosten zur Bedienung der Schulden von etwa 3,5 Prozent verglichen mit dem vergangenen Jahr führt. Auffallend sei, so Lebowitz, das mehrere Krisen der vergangenen Jahre – insbesondere das Platzen der „Dotcom“-Blase und die Finanzkrise von 2008 – eintraten, als die Proxy-Kalkulation Werte zwischen 3 und 4 Prozent erreicht hatte.

Sollte die Rendite zehnjähriger US-Anleihen im April die Marke von 1,75 Prozent übersteigen, würden die durchschnittlichen Kosten zur Bedienung der Schulden höher liegen als zu jedem anderen Zeitpunkt seit dem Jahr 1990, so Lebowitz. Sollten die Renditen im Mai das Niveau von 2 Prozent übersteigen, läge der Proxy-Wert bei 5,25 Prozent. Möglich sei aber, dass die billionenschweren Notfall-Liquiditätshilfen der US-Regierung, eine wirtschaftliche Erholung nach der Pandemie und geldpolitische Maßnahmen die Verwerfungen maskieren und eine Schuldenkrise noch ein wenig hinauszögern könnten, so Lebowitz. Sei Rat: „Schnallen Sie sich an, der Mathematik zufolge ist eine Krise viel näher, als man sich vorstellen kann.“

Mehr zum Thema
article:fokus_txt
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Wird der XRP-Preis manipuliert? Hinter der Klage der US-Börsenaufsicht deutet sich ein langfristiger Plan von AMT DeFi an

Die Diskussionen rund um die Preisentwicklung von XRP reißen seit Langem nicht ab. Insbesondere nach der Klage der US-Börsenaufsicht...

DWN
Finanzen
Finanzen PayPal-Datenschutz: In drei Schritten zu mehr Privatsphäre beim Bezahlen
17.01.2026

PayPal weiß oft mehr über Ihre Zahlungen, als Ihnen lieb ist – und diese Informationen können für Werbung genutzt werden. Wer seine...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Drogeriemarkt DM expandiert: Omnichannel-Strategie treibt Auslandsgeschäft an
17.01.2026

Der DM-Konzern treibt den Ausbau seines Auslandsgeschäfts trotz hoher Anlaufkosten gezielt voran. Geht die Skalierungsstrategie des...

DWN
Unternehmensporträt
Unternehmensporträt Eberswalder Wurst: Fleischriese Tönnies macht Traditionsbetrieb dicht – warnendes Lehrstück für andere Unternehmen
16.01.2026

Mit der Schließung der Eberswalder Wurstwerke verschwindet ein weiterer DDR-Traditionsbetrieb. Das Werk im brandenburgischen Britz wird im...

DWN
Politik
Politik Trump setzt sich durch: Wie die Abstimmung im US-Senat den Kongress spaltet
16.01.2026

Donald Trump demonstriert erneut, wie eng seine Machtbasis im US-Kongress weiterhin ist, selbst bei umstrittenen außenpolitischen Fragen....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Kakaopreis rutscht ab: Ursachen und Folgen für Märkte und Industrie
16.01.2026

Der Kakaomarkt reagiert auf spürbare Veränderungen bei Nachfrage und Verarbeitung. Signalisiert der jüngste Rückgang des Kakaopreises...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Porsche-Aktie: Absatzkrise in China – Porsche verkauft deutlich weniger Fahrzeuge
16.01.2026

Porsche spürt die anhaltende Marktschwäche in China deutlich: Der Absatz ging 2025 um rund ein Viertel auf 41.900 Fahrzeuge zurück....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Energiekrise verschärft sich: Gaspreise in Europa innerhalb einer Woche um 20 Prozent gestiegen
16.01.2026

Europas Gasmarkt erlebt einen kräftigen Preissprung: In nur einer Woche stiegen die Kosten für Erdgas um rund 20 Prozent und erreichten...

DWN
Panorama
Panorama Urlaubspläne 2026: Deutsche halten trotz Wirtschaftskrise fest
16.01.2026

Die Reiselust der Deutschen bleibt ungebrochen: Rund zwei Drittel der Bevölkerung planen für 2026 eine Urlaubsreise. Dennoch ist die Zahl...