Finanzen

Leuchtturm im Nullzins-Universum: Investoren aus dem Westen haben 2020 Milliarden auf China gesetzt

Dem scheidenden Siemens-Chef Joe Kaeser zufolge werden die Staaten Ostasiens das Jahrhundert wirtschaftlich und politisch prägen. Der Vorreiter der Region ist China, dessen Finanzmärkte im vergangenen Jahr viel Kapital aus dem Westen anziehen konnten.
03.01.2021 17:44
Aktualisiert: 03.01.2021 17:44
Lesezeit: 4 min

Investoren aus der ganzen Welt haben im vergangenen Jahr chinesische Wertpapiere im Gesamtumfang von netto mehr als einer Billion Renminbi (etwa 125 Milliarden Euro) gekauft. Insbesondere chinesische Staatsanleihen seien bei ausländischen Anlegern gefragt gewesen, schreibt die Financial Times.

„Ich lebe seit 20 Jahren in Asien und die meiste Zeit davon war es sehr schwierig, Investoren davon zu überzeugen, sich die chinesischen Märkte einmal genauer anzuschauen“, zitiert die Zeitung einen Anleihespezialisten von Aberdeen Standard Investments. Das habe sich im vergangenen Jahr aber radikal geändert – wer nicht stärker auf China gesetzt habe, habe viel potenzielle Rendite liegengelassen. „Für jeden Investor, der China in seiner Wertpapierallokation untergewichtet hatte, was das ein sehr schmerzhaftes Jahr.“

Leuchtturm im Nullzins-Universum

Besonders starke Zuflüsse erfuhr der Markt für Staatsanleihen. Denn die Renditen chinesischer Staatsschulden liegen noch immer deutlich über jenen etablierter Anlagemärkte – obwohl das Land weitaus früher und wohl auch stärker aus der Corona-Pandemie gekommen ist als viele andere Staaten. Chinas Anleihen mit zehnjähriger Laufzeit rentieren derzeit mit rund 3,2 Prozent und sind damit attraktiver als vergleichbare Papiere aus den USA (rund 0,9 Prozent Rendite), Großbritannien (etwa 0,2 Prozent), Japan (rund 0 Prozent) oder Deutschland (minus 0,6 Prozent).

Gerade für institutionelle Investoren aus dem Westen – in deren Märkten es als Folge der Nullzinspolitik von Federal Reserve und EZB nichts mehr zu verdienen gibt und die beispielsweise im Falle von Pensionsfonds oder Versicherungen unter hohem Druck stehen, Gewinne zu erzielen um die versprochenen Ausschüttungen an die Kunden tätigen zu können – sind diese beträchtlichen Renditeunterschiede ein schlagendes Argument.

Untermauert wird die Attraktivität der Papiere nicht nur von der starken wirtschaftlichen Erholung Chinas nach der Pandemie, welche von einem zunehmend robusten Binnenkonsum vorangetrieben wird. Zusätzlich genießt das Land eine weitgehende innenpolitische Stabilität, die allerdings im Kontrast zu den außenpolitischen Spannungen mit den USA und deren Verbündeten rund um die Gebietsstreitigkeiten im Südchinesischen Meer steht. Auch die Insolvenzen mehrerer Großkonzerne in jüngster Zeit, bei denen die staatlichen Behörden nicht eingeschritten waren – könnten potenzielle Anleger von Investitionen abhalten.

Positiv wirkt der Umstand, dass die chinesische Zentralbank in den vergangenen Monaten keine expansive Geldpolitik verfolgen musste, um das Wirtschaftswachstum nach den schweren Einbrüchen im ersten Quartal 2020 zu stimulieren. Als Folge davon verfügt die Volksbank noch immer über eine weitreichende geldpolitische Feuerkraft, während andere Zentralbanken im gleichen Zeitraum Billionen aus dem Nichts geschaffen und in die Finanzmärkte geleitet haben, was sich als Hypothek für die entsprechenden Währungen erweisen könnte.

Zum Vergleich: Der Leitzins im Euroraum liegt derzeit bei 0 Prozent, im Dollarraum bei 0 bis 0,25 Prozent, in Japan bei minus 0,1 Prozent, in Großbritannien bei 0,1 Prozent und in China bei 3,85 Prozent.

Verstärkt wird die gute Positionierung an den Anleihemärkten von einer Politik der schrittweisen Öffnung, welche die Regierung seit einiger Zeit mit Blick auf die heimischen Finanzmärkte verfolgt und die sich schon 2019 in der Entscheidung namhafter Indexanbieter niedergeschlagen hatte, chinesische Anleihen und Aktien in ihr Sortiment aufzunehmen und so einem breiten internationalen Publikum als Anlageform zugänglich zu machen. Im laufenden Jahr steht mit der Aufnahme chinesischer Staatsanleihen in den bedeutsamen World Government Bond Index des Anbieters FTSE Russell der nächste Meilenstein bevor.

Hongkong als Hafen für ausländische Investoren

Eine zentrale Bedeutung kommt dabei der Sonderverwaltungszone Hongkong zu. Deren Börsen und Wertpapieraufsichtsbehörden unterhalten Kooperationsmechanismen mit den wichtigsten Börsen in Festlandchina – namentlich mit den Finanzzentren Schanghai und Shenzhen.

Chinesen und ausländische Investoren können mithilfe dieses Mechanismus seit 2014 über den Knotenpunkt Hongkong Wertpapiere handeln – rund 2000 sind inzwischen für den Handel freigegeben. Der Financial Times zufolge soll der in ausländischer Hand befindliche Bestand an chinesischen Staatsanleihen in Hongkong alleine in den ersten elf Monaten des vergangenen Jahres um mehr als 900 Milliarden Renminbi (rund 113 Milliarden Euro) gestiegen sein.

Bemerkenswert ist, dass die chinesischen Finanzmärkte bereits in den vergangenen Jahren –trotz der konfrontativen China-Politik von US-Präsident Donald Trump (Handelskrieg, Sanktionspolitik usw.) – einen deutlichen Zustrom von ausländischem Kapital verzeichnen konnten. Netto sollen in der Amtszeit Trumps (Anfang 2017 bis Anfang 2021) Schätzungen zufolge etwa 620 Milliarden US-Dollar in das aufstrebende ostasiatische Land geflossen sein.

„Wir leben im asiatischen Jahrhundert“

Die deutsche Wirtschaft sieht die gesamte Region Asien gestärkt aus der Corona-Pandemie hervorgehen. Die bevölkerungsreichste Weltregion weise bereits seit Jahren die höchsten Wachstumsraten beim Bruttoinlandsprodukt auf, erklärte der Asien-Pazifik-Ausschuss der deutschen Wirtschaft (APA) Ende 2020. „Die Covid-19-Pandemie beschleunigt diesen langfristigen Trend, da insbesondere die jungen und technikaffinen Volkswirtschaften wie Indonesien die Vorteile der zunehmenden Digitalisierung für sich zu nutzen wissen.“

Länder wie China, Japan, Südkorea, Singapur und Vietnam hätten die Pandemie vergleichsweise gut bewältigt und erholten sich nun schneller als Europa oder die USA. „Die Einlassung, dass das 21. Jahrhundert das asiatische Jahrhundert sein wird, ist keine Prognose, sondern spiegelt Realitäten wider", sagte der APA-Vorsitzende Joe Kaeser zu Reuters.

Für die exportorientierte deutsche Wirtschaft dürfte der Umsatzanteil Asiens und insbesondere Chinas zunehmen, erwartet die Organisation. Darauf stellten sich die Unternehmen ein, indem sie ihre Präsenz dort ausbauen. „Asien ist nicht nur der wichtigste Wachstumsmarkt, sondern längst auch ein wichtiger Innovationsstandort“, hieß es dazu. „Für die globale Strategie vieler Unternehmen wird es immer wichtiger, nicht nur mit Produktion, sondern auch mit Forschung und Entwicklung in Asien vor Ort zu sein.“

China führt die potenteste Freihandelszone der Welt an

Mit dem neuen Freihandelsblock RCEP entstehe unter Führung Chinas zudem ein asiatischer Binnenmarkt, der im Design vergleichbar sei mit der EU, „aber im Potenzial um Längen überlegen ist“, sagte der scheidende Siemens-Chef Kaeser. „Während die USA mit Wahlergebnissen und die EU mit Brexit mit sich selbst beschäftigt sind, baut China seinen Anspruch auf wirtschaftliche Vormachtstellung in der Welt konsequent und zielstrebig aus.“

Eine Neuordnung des transatlantischen Verständnisses über ökonomische Zusammenarbeit könnte den Vorsprung Chinas bei der Prägung einer zukünftigen Weltwirtschaftsordnung aufholen. „Dabei ist allerdings fraglich, ob die EU in ihrer derzeitigen Verfassung ein Partner auf Augenhöhe für die USA sind“, wird Kaeser zitiert.

Die Formulierung einer gemeinsamen Außenwirtschaftspolitik der EU sei Voraussetzung für einen Dialog auf Augenhöhe mit den USA und China. „Ob das ohne eine grundlegende Reform der EU geht, ist allerdings fraglich“. Kaeser erkennt vor allem beim Thema Nachhaltigkeit die große Chance für Europa, eine globale Führungsrolle einzunehmen. „Eine effektive Umsetzung von wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Nachhaltigkeitskonzepten macht uns attraktiv und wettbewerbsfähig.“

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Unternehmen
Unternehmen Hyundai Kona im Test: Futuristisch, mutig und anders
25.05.2026

Der Hyundai Kona sieht aus, als wolle er nicht jedem gefallen. Genau das macht ihn spannend, denn hinter der mutigen Form steckt ein...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Klimarisiken in Europa: Warum der Mittelstand besser vorsorgen muss
25.05.2026

Klimarisiken und Nachhaltigkeit werden für Europas Mittelstand zu entscheidenden Faktoren für Finanzierung, Wettbewerbsfähigkeit und...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Veggie-Burger-Boom verliert an Tempo: Fleischersatz in Deutschland erstmals rückläufig
25.05.2026

Pflanzliche Fleischalternativen haben den Lebensmittelmarkt in Deutschland stark verändert. Doch nach Jahren kräftigen Wachstums sinkt...

DWN
Technologie
Technologie Meta: WhatsApp-Inkognito-Modus kommt für KI-Unterhaltungen
25.05.2026

Meta erweitert WhatsApp um neue KI-Funktionen und verspricht dabei mehr Datenschutz. Nutzer sollen künftig inkognito mit der Meta AI...

DWN
Politik
Politik US-Politikwissenschaftler: Der Schwerpunkt der NATO verlagert sich nach Osten, nur Europa hat das noch nicht begriffen
24.05.2026

Die NATO verändert ihre innere Geografie und Polen rückt ins Zentrum der europäischen Sicherheit. Dahinter steht das Ende eines...

DWN
Panorama
Panorama Elon Musk als Technokönig: Warum Muskismus mehr ist als Tesla und SpaceX
24.05.2026

Elon Musk ist längst mehr als ein Unternehmer. Eine neue Analyse beschreibt Muskismus als Projekt, das Technologie, Macht und...

DWN
Technologie
Technologie Handynutzung: Prepaid-Handys kommen in Deutschland aus der Mode
24.05.2026

Wie viele Minuten waren das? Wer früher bei der Handynutzung sparsam sein wollte, der hielt Telefonate kurz. Prepaid-Karten konnten...

DWN
Politik
Politik Kann Europa Weltmacht werden? Eine Analyse
24.05.2026

Die alte Weltordnung bricht weg, und Europa steht plötzlich allein zwischen den streitenden Machtblöcken. Jetzt entscheidet sich, ob der...