Finanzen

Staaten könnten Hyperinflation auslösen: Ihre Haushalte werden saniert - die Bürger erhalten Grundeinkommen

Drohen Deutschland und der Welt eine Hyperinflation? Diese Frage beantwortet DWN-Kolumnist Ernst Wolff.
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avtor
21.03.2021 10:04
Aktualisiert: 21.03.2021 10:04
Lesezeit: 4 min
Staaten könnten Hyperinflation auslösen: Ihre Haushalte werden saniert - die Bürger erhalten Grundeinkommen
Ein Wurmloch. Im Weltraum sind Distanzen von vielen Billionen Kilometern zu überwinden - weltweit haben die Staaten weit mehr als 50 Billionen Dollar Schulden. (Foto: Alexander Antropov / Pixabay)

Seit der Krise von 2007/08 sind riesige Geldsummen von den Zentralbanken ins globale Finanzsystem gepumpt worden. Trotzdem ist die Inflation im Alltag bis heute nur in geringem Ausmaß angekommen. In jüngster Zeit allerdings hört man immer deutlichere Warnungen, uns erwarte in naher Zukunft eine Inflation, die möglicherweise sogar in eine Hyperinflation übergehen könnte.

Was ist dran an diesen Prognosen? Droht uns tatsächlich ein zweites Weimar oder handelt es sich um Panikmache? Um diese Fragen zu beantworten, lohnt sich zunächst ein Blick auf die Geschichte.

Die Weimarer Inflation – Hintergründe und Folgen

Im Sommer 1914 fiel in Deutschland der Startschuss für eine Inflation, die neun Jahre lang dauern und 1923 zu Zeiten der Weimarer Republik (1919 – 1933) ihren Höhepunkt erreichen sollte. Alles begann damit, dass das deutsche Kaiserreich am 4. August 1914 per Gesetz die Golddeckung aufhob, die seit der Gründung des Deutschen Reiches 1871 für die Mark gegolten hatte.

Ursache für die Entscheidung, die Goldmark durch die sogenannte „Papiermark“ zu ersetzen, war der Ausbruch des Ersten Weltkrieges im Juli 1914. Da klar war, dass die Kriegsführung sehr viel Geld verschlingen würde, schuf man sich so die Möglichkeit, die Geldmenge fortan beliebig zu erhöhen.

Tatsächlich kam es in den vier Kriegsjahren zu einer wahren Geldschwemme, deren Folgen sich allerdings erst langsam einstellten. Obwohl die Geldmenge zwischen

1914 und 1918 verneunfacht wurde, verlor die Mark in dieser Zeit nur die Hälfte ihrer Kaufkraft, und auch in den ersten Jahren der Weimarer Republik nahm die Inflation nur langsam an Fahrt auf.

Zwar ließ Deutschland, das 1919 im Vertrag von Versailles von den Siegermächten zu hohen Reparationszahlungen verurteilt worden war, die Druckerpresse auch weiterhin auf Hochtouren laufen, doch die Inflation kam erst 1922 richtig in Gang und entwickelte sich erst 1923 zur Hyperinflation. Hier der Hintergrund:

Von der Inflation zur Hyperinflation

Um die deutsche Kohle- und Koksproduktion als „produktives Pfand“ zur Erfüllung der deutschen Reparationsverpflichtungen zu sichern, besetzten französische und belgische Truppen im Januar 1923 das Ruhrgebiet. Die deutsche Regierung reagierte, indem sie zum „passiven Widerstand“ aufrief.

Als etwa zwei Millionen Arbeiter dem Aufruf folgten und in den Streik traten, bezahlte die Regierung ihre Löhne bis zum Ende des Ruhrkampfes acht Monate lang weiter – mit frisch gedrucktem Geld. Die Folge war eine nie zuvor erlebte Geldentwertung: Im Sommer 1923 kostete ein Liter Milch in Berlin 1.440 Mark, im Winter bereits 360 Milliarden Mark. Der Preis für ein Kilo Kartoffeln stieg in der gleichen Zeit von fünftausend auf 90 Milliarden Mark.

Wegen des rasant fortschreitenden Wertverlustes des Geldes weigerten sich immer mehr landwirtschaftliche und industrielle Produzenten, Waren abzugeben, sodass es im Herbst 1923 zu Versorgungsengpässen kam. Da außerdem die Einkommen der Bevölkerung nicht mit dem Preisanstieg mithalten konnten, griffen Armut und Obdachlosigkeit um sich und führten zu Aufruhr und Plünderungen.

Schließlich beendete die Regierung die Inflation, indem sie im Rahmen einer Währungsreform die Rentenmark einführte, die die Mark im Verhältnis 1 zu 1 Billion ablöste.

Dass die neue Währung akzeptiert wurde, lag daran, dass die Rentenmark zwar nicht in US-Dollar umtauschbar war, ihr Wechselkurs zum Dollar aber mit 4,2 zu 1 festgelegt wurde und damit der Vorkriegsparität und indirekt einer neuen Goldbindung entsprach.

Die Lehren aus der Weimarer Inflation

  1. Dass es überhaupt zu einer Inflation kommen konnte, lag ausschließlich daran, dass man die Mark durch die Entkoppelung vom Gold in eine Fiatwährung verwandelt hatte.
  2. Die Zunahme der Geldmenge spiegelte sich nicht direkt im Anstieg der Inflation wider. Der Verfall der Währung setzte erst lange nach dem Anwerfen der Druckerpresse ein.
  3. Die Hyperinflation setzte erst ein, als die Regierung die Streikenden 1923 über ein Dreivierteljahr lang bezahlte, sodass eine anhaltende Nachfrage auf ein immer stärker reduziertes Warenangebot stieß.
  4. Galoppierende Inflation und Hyperinflation standen in keinem direkten Verhältnis zur Geldmengen-Erhöhung, sondern waren das Ergebnis des fortschreitenden Vertrauensverlustes in die Währung.
  5. Größter Verlierer der Inflation war die Bevölkerung, da ihr Lebensstandard kontinuierlich sank, und zwar massiv.
  6. Größter Gewinner war der Staat, dessen Kriegsschulden in Höhe von 154 Milliarden Mark nach der Einführung der Rentenmark auf 15,4 Pfennige schrumpften.

Was sind die Parallelen zu heute?

In der Tat lassen sich eine ganze Reihe von Parallelen zwischen der damaligen Entwicklung und der Situation, in der wir uns heute befinden, ziehen. Es gibt aber auch wesentliche Unterschiede: Heute haben wir es bei der drohenden Inflation nicht mehr mit einem nationalen Phänomen zu tun. Zum einen ist das aktuelle globale Finanzsystem ein Dollar-System, zum anderen haben wir in den vergangenen Jahren eine koordinierte Geldschwemme durch alle Zentralbanken erlebt.

Weiterhin muss man der offiziellen Behauptung, wir hätten nur eine sehr geringe Inflation, widersprechen. Die reale Inflation ist höher als angegeben, da die Inflationskörbe weltweit geschickt zugunsten einer niedrigen Inflationsrate manipuliert werden. Außerdem ist der Löwenanteil des künstlich geschaffenen Geldes in die Anleihen-, Aktien- und Immobilienmärkte geflossen, wo wir es ohne jede Frage mit einer massiven Inflation zu tun haben.

Die entscheidende Parallele zu damals besteht jedoch darin, dass das frisch geschöpfte Geld in dieser frühen Phase der Inflation nicht bei der arbeitenden Bevölkerung angekommen ist beziehungsweise ankommt. Während es im Ersten Weltkrieg hauptsächlich in die Rüstungsindustrie und den Militärsektor und später in die Reparationszahlungen floss, wird der Löwenanteil in unserer Zeit an Großinvestoren vergeben, die es in die Finanzmärkte pumpen. Genau das aber ändert sich gegenwärtig - in Kürze werden andere das Geld bekommen.

Wir stehen vor einer entscheidenden Wende: Das Geld wird freigebig an alle verteilt

Angesichts der Verschärfung der aktuellen Rezession durch die Maßnahmen zur Bekämpfung der grassierenden Krankheit sind nämlich bereits Millionen von Arbeitsplätzen verloren gegangen und haben die Regierungen gezwungen, die Ausgaben für Kurzarbeitergeld und Sozialleistungen zu erhöhen.

Da auf Grund des Fortschrittes der Künstlichen Intelligenz, also des Einsatzes von Arbeitsrobotern und 3D-Druckern, weitere Millionen von Jobs wegfallen werden, wird es mit Sicherheit nicht mehr lange dauern, bis sämtliche Regierungen der Welt das universelle Grundeinkommen einführen werden - nicht etwa, um die Not der Bevölkerung zu lindern, sondern um die vom Konsum abhängige Wirtschaft anzukurbeln.

Das aber wird wie 1923 zu einem kontinuierlichen und schnellen Anstieg der Preise führen, in dessen Folge das Grundeinkommen ständig erhöht werden muss. Endergebnis wird der Übergang in eine galoppierende und anschließend in eine Hyperinflation sein.

Diese Entwicklung wird im Wesentlichen zwei Folgen haben, die wir bereits in Weimar gesehen haben: Auf der einen Seite eine drastische Senkung des Lebensstandards der arbeitenden Bevölkerung, auf der anderen Seite das Wegschmelzen des globalen Schuldenberges.

Werden sich die wirtschaftlichen und politischen Machthaber unserer Zeit dieser Entwicklung widersetzen? Wohl kaum. Die verlockende Aussicht, die höchste Schuldenlast aller Zeiten auf eine solch relativ simple Art und Weise loszuwerden, macht es mehr als wahrscheinlich, dass sie die kommende Inflation nicht nur hinnehmen, sondern sogar fördern werden.

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Ernst Wolff

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Ernst Wolff, 69, befasst sich mit der Wechselbeziehung zwischen internationaler Politik und globaler Finanzwirtschaft.

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