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„Morden, brandschatzen und verstümmeln“: IS startet Großoffensive auf Mosambiks Öl-Region

Lesezeit: 3 min
30.03.2021 11:00
Weitgehend unbeachtet von der internationalen Öffentlichkeit hat die Terror-Miliz IS einen Großangriff auf die rohstoffreichste Region Mosambiks gestartet.
„Morden, brandschatzen und verstümmeln“: IS startet Großoffensive auf Mosambiks Öl-Region
Die Lage der Stadt Palma in Mosambik. (Grafik: Google Maps)

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In Mosambik schlagen die Vereinten Nationen Alarm wegen der humanitären Lage nach den tagelangen, schweren Kämpfen um eine Küstenstadt an der Grenze zu Tansania. «Obwohl die Situation wegen eines Kommunikations-Blackouts nur schwer zu verifizieren ist, gibt es Berichte über Dutzende Zivilisten, die bei den Kämpfen getötet worden sein sollen, während Tausende andere versuchen, sichere Regionen zu erreichen», teilte das UN-Nothilfebüro Ocha am Montagabend mit. Die Kämpfe in Palma dauerten nach offiziell nur schwer überprüfbaren Berichten weiter an. Der Konflikt erschwere die ohnehin schon angespannte Lage in einer Region, wo mehr als 1,3 Millionen Menschen dringend auf humanitäre Hilfe angewiesen sind.

Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) steckt nach eigenen Angaben hinter der groß angelegten Attacke auf die Küstenstadt Palma. In einem am Montag verbreiteten Bekennerschreiben hieß es, IS-Kämpfer hätten die Kontrolle über die strategisch wichtige Stadt übernommen und mehr als 55 mosambikanische Sicherheitskräfte getötet. Die Regierung in Maputo hatte am Wochenende von mindestens sieben Getöteten gesprochen, hält sich aber zurück mit offiziellen Angaben.

Seit Mittwoch wüten mehr als 100 Extremisten in dem Ort. Er befindet sich in der gasreichen Provinz Cabo Delgado im Nordosten Mosambiks, wo Frankreichs Energiekonzern Total an einem knapp 17 Milliarden Euro teuren Flüssiggasprojekt beteiligt ist. Er hatte gut 1000 Mitarbeiter von einem benachbarten Ergasprojekt in Sicherheit gebracht. In Cabo Delgado verüben islamistische Rebellen seit 2017 brutale Angriffe. Laut dem UN-Flüchtlingshilfswerk hat die Gewalt mehr als 530 000 Menschen vertrieben. Die Rebellion hat Experten zufolge ihre Wurzeln in den Missständen und Klagen der Bewohner der Region, die sehr arm ist und jahrelang von der Regierung vernachlässigt wurde.

Morden, brandschatzen und verstümmeln

Die dpa berichtet von den Vorgängen in einer Reportage:

Das Gemetzel in der nordmosambikanischen Küstenstadt Palma muss fürchterlich gewesen sein. Von enthaupteten Leichen in den Straßen berichteten Anwohner der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW). Dutzende Zivilisten sollen getötet worden sein.

Hunderte ausländischer Facharbeiter - darunter diverse Europäer - flohen zunächst in nahegelegene Hotelanlagen. Bei einem verzweifelten Ausbruchversuch mit 17 Fahrzeugen geriet der Konvoi unter starken Beschuss, mindestens ein Südafrikaner starb im Kugelhagel. Offiziell drang von den tagelangen Kämpfen zunächst aber kaum etwas durch: Die Angreifer hatten vorsorglich alle Kommunikationsverbindungen gekappt.

Seit Mittwoch wüteten etwa 100 Angreifer, die einer Gruppierung mit Verbindungen zur Terrormiliz Islamischen Staat (IS) angehören sollen, in der Kleinstadt. Die Attacke kam nur wenige Tage, nachdem die USA sie als globale Terrororganisation eingestuft und mit Sanktionen belegt hatten. Die US-Regierung bezeichnet die Organisation als IS-Mosambik, nennt aber auch die Namen Ansar Al-Sunnna und Al-Shabaab. Sie habe sich 2018 zum IS bekannt und unter Führung des zuvor unbekannten Milizenchefs Abu Yasir Hassan Hunderte Zivilisten in der gasreichen Provinz Cabo Delgado des südostafrikanischen Staats getötet.

Experten zufolge hat die Rebellion ihre Wurzeln in den Missständen der armen Region. Laut UN-Flüchtlingshilfe sollen knapp 700 000 Menschen vertrieben worden und gut 2000 umgekommen sein. Erst vor ein paar Tagen hatte die Hilfsorganisation Save the Children auch von gezielter Gewalt gegen Kinder berichtet. Doch der jüngste Angriff gilt als Zäsur. «Wir können klar erkennen, dass sich Taktik und Planung der Gruppe deutlich verbessert haben», sagte die südafrikanische Sicherheitsexpertin Jasmine Opperman der Deutschen Presse-Agentur. Auch die Bewaffnung sei beeindruckend gewesen.

Die USA äußerten sich am Montag ebenfalls besorgt und sagten der Regierung in Maputo Unterstützung im Kampf gegen die Extremisten zu. Bisher erstreckt sie sich jedoch in erster Linie auf einige wenige Berater. Der Konflikt drohe von Mosambik auch auf Nachbarländer überzugreifen, hatte der HRW bereits zum Jahresbeginn gewarnt. Doch bisher sah der regionale Staatenbund SADC eher tatenlos zu.

Die jüngste Attacke gilt zudem als Schlag ins Gesicht der Regierung in Maputo, die zuvor dem französischen Energiekonzern Total die Sicherung einer der größten Einzelinvestitionen in Afrika zugesichert hatte. Immerhin befindet sich Palma in direkter Nähe der Halbinsel Afungi, auf der Total an einem knapp 17 Milliarden Euro teuren Flüssiggasprojekt beteiligt ist. In die Einkünfte aus der Förderung setzt der Staat große Hoffnung für die Finanzierung von Entwicklungsprojekten.

Wegen der Sicherheitslage in der Provinz hatte Total allerdings im Januar die Anzahl seiner Mitarbeiter reduziert. Nur wenige Stunden vor der Attacke hatte der Konzern noch bekanntgegeben, dass er wieder seine Kapazitäten hochfahren werde. Das ist jetzt Vergangenheit: In einer verzweifelten Bergungsaktion mit allen möglichen verfügbaren Schiffen wurden knapp 1000 Mitarbeiter in Sicherheit gebracht - ins südlich gelegene Pemba, wie Staatsminister Armindo Ngunga bekanntgab.

Offizielle Angaben zu dem blutigen Geschehen an der Grenze zu Tansania sind rar. Auch zu Aktivitäten einer südafrikanischen Söldnertruppe, die laut Medienberichten im Auftrag der Regierung mit veralteten Alouette-Helikoptern die Lage vor Ort stabilisieren soll, dringen kaum belastbare Informationen durch. Zuvor soll bereits eine russische Söldnertruppe vergeblich versucht haben, die Islamisten zurückzudrängen.

Unklar ist bisher auch noch, woher die Aufständischen ihre Waffen beschaffen. Ende 2019 gab es dazu immerhin erste Hinweise durch die Festnahme von rund einem Dutzend Iranern. An Bord ihres Schiffes wurden in der Bucht von Pemba automatische Sturmgewehre, Pistolen, Munition sowie weitere Ausrüstungsgegenstände entdeckt.


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