Wirtschaft

Diese Staaten streiten um die Vorherrschaft beim Flüssiggas

Das vergangenen Jahr war trotz Corona ein Wachstumsjahr für Flüssiggas. Den USA gelang es erstmals in die Spitzengruppe der größten LNG-Exportländer aufzusteigen. Doch die wehren sich.
15.04.2021 10:48
Lesezeit: 3 min
Diese Staaten streiten um die Vorherrschaft beim Flüssiggas
Erdgas ist der einzige fossile Brennstoff, der in den kommenden Jahren eine steigende Nachfrage verzeichnen wird. (Foto: dpa) Foto: Wolfgang Kumm

Im vergangenen Jahr liefen Erdgas und Flüssiggas (LNG) in verschiedene Richtungen. Während die Erdgasnachfrage um 3 Prozent zurückging, legte die LNG-Nachfrage um 1 Prozent zu. Dabei war jedoch die Nachfrage im LNG-Markt extrem volatil. Denn es gab sowohl Zeiten mit einem extremen Überangebot an verflüssigtem Erdgas als auch Zeiten, in denen das LNG äußerst knapp wurde.

Laut der globalen Unternehmensberatung McKinsey wird Erdgas der am stärksten wachsende fossile Energieträger werden, wobei die Nachfrage von 2020 bis 2035 jährlich um 0,9 Prozent steigen wird. Zwar ist dies nicht viel. Entscheidend ist jedoch, dass Erdgas der einzige fossile Brennstoff sein wird, der über 2030 hinaus wachsen wird und im Jahr 2037 einen Höhepunkt erreicht.

Auch von 2035 bis 2050 wird die Erdgas-Nachfrage McKinsey zufolge nur einen leichten Rückgang um 0,4 Prozent pro Jahr verzeichnen erwartet, da der Gasverbrauch in der chemischen Industrie und im Industriesektor nur schwer zu ersetzen ist, auch weil Erdgas weiterhin die Kohle bei der Stromerzeugung ersetzen wird.

McKinsey prognostiziert, dass in den wichtigsten Gasmärkten der Welt die inländische Produktion nicht mit dem Nachfragewachstum wird mithalten können. Daher werde die weltweite LNG-Nachfrage bis 2035 jährlich um 3,4 Prozent steigen, was etwa 100 Millionen Tonnen zusätzlicher Kapazität erfordert, um sowohl das Nachfragewachstum zu decken als auch den Rückgang bei bestehenden Projekten auszugleichen.

USA auf dem Weg zum weltgrößten LNG-Exporteur

McKinsey erwartet massive Konkurrenzkämpfe auf den LNG-Märkten, da die führenden Exporteure unaufhörlich um Marktanteile ringen werden. Katar am Persischen Golf wird versuchen, seine Dominanz gegenüber der neuen LNG-Größe Australien zu behaupten. Die USA könnten weiter zu den beiden großen Marktführern aufschließen oder sie gar übertreffen.

Innerhalb weniger Jahre haben sich die USA dank des Schieferbooms von einem Nettoimporteur zu einem Nettoexporteur von LNG gewandelt. Die LNG-Exporte des Landes sind vor allem in den letzten fünf Jahren explodiert. Dieser Trend zeigte selbst auf dem Höhepunkt der Covid-19-Lockdowns keine Anzeichen einer Verlangsamung.

Trotz der beispiellosen Auswirkungen von Covid-19 auf die Weltwirtschaft wuchsen die gesamten LNG-Exporte der USA im Jahr 2020 weiter und lagen laut EIA bei durchschnittlich 6,5 Milliarden Kubikfuß pro Tag nach 5 Milliarden Kubikfuß pro Tag im Vorjahr. Dies war ein Exportanstieg gegenüber dem Vorjahr um rund 31 Prozent, wobei die USA Flüssiggas in 37 Länder der Welt exportierten - so viele wie nie zuvor.

Im Jahr 2020 exportierten die USA erstmals mehr LNG nach Asien als nach Europa. Asien nahm sogar fast die Hälfte aller amerikanischen LNG-Exporte auf. Die US-Exporte nach Asien stiegen im Jahresvergleich um 67 Prozent, wobei China den größten Zuwachs verzeichnete, nachdem die Zölle auf LNG-Importe von 25 Prozent auf 10 Prozent gesenkt worden waren.

Die amerikanischen LNG-Exporte nach Europa lagen 2020 im Durchschnitt bei 2,5 Milliarden Kubikfuß pro Tag nach 1,9 Milliarden Kubikfuß pro Tag im Vorjahr. Die LNG-Exporte in die Türkei stiegen um 0,3 Milliarden Kubikfuß pro Tag, während die Exporte in das Vereinigte Königreich, nach Spanien, Griechenland und Litauen jeweils um rund 0,1 Milliarden Kubikfuß pro Tag zunahmen.

Die USA erzielten einen entscheidenden Sieg, als die Türkei ihren bisherigen wichtigsten LNG-Lieferanten Russland durch die USA ersetzten. Experten sehen die Ursache für die türkische Hinwendung zu den USA in dem anhaltenden Streit zwischen der Türkei und Russland in den Konflikten in Syrien und Libyen.

Katar und Australien bleiben knapp vorn

Doch noch sind die USA nicht der führende LNG-Exporteur der Welt. Im vergangenen Jahr konnte Katar am Persischen Golf seine Position als der weltweit führende LNG-Exporteur erneut behaupten. Dem größten Konkurrenten Australien gelang es, zum Spitzenreiter aufzuholen, wie Daten des US-amerikanischen Anbieters von Wirtschaftsdaten Refinitiv zeigen.

Demnach exportierte Katar 77,6 Millionen Tonnen und somit etwa das gleiche Volumen wie im Jahr 2019. Australien exportierte 77,3 Millionen Tonnen Flüssiggas, ein Anstieg von 0,6 Prozent. Stark gestiegen (+31,9 Prozent) sind die Exporte der USA, auf 48,3 Millionen Tonnen. Gesunken sind hingegen die Exporte Russlands (-2,3 Prozent auf 27,9 Millionen Tonnen) und Südostasiens (-5,6 Prozent auf 45,4 Millionen Tonnen).

Trotz der Corona-Rezession erreichte der globale Handel mit verflüssigtem Erdgas 2020 immerhin ein Gesamtvolumen von 362 Millionen Tonnen - etwa 1,2 Prozent mehr als im Jahr 2019. Allerdings war der globale LNG-Handel in den Jahren zuvor deutlich stärker angestiegen, im Jahr 2019 um rund 11,6 Prozent und im Jahr 2018 um rund 9,1 Prozent.

Ein Wachstum des weltweiten LNG-Handels um nur 1,2 Prozent im ersten Corona-Jahr stellt somit einen klaren Knick im langfristigen Trend dar. Denn die Nachfrage nach Energierohstoffen ging als Folge der weltweiten Lockdowns insgesamt zurück. Dabei zeigten allerdings nicht alle Teile der Welt die gleiche Dynamik. So fiel die Nachfrage in der Europäischen Union um 6,6 Prozent auf 62,7 Millionen Tonnen.

In Asien hingegen war die Nachfrage nach verflüssigtem Erdgas stabil. Die chinesischen Importe erhöhten sich um 11,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf 67,1 Millionen Tonnen. Taiwan führte 17,6 Millionen Tonnen LNG ein (+7,7 Prozent), Indien 25,3 Millionen Tonnen (+12,9 Prozent), Südkorea 40,6 Millionen Tonnen (+0,5 Prozent) und Japan 74,6 Millionen Tonnen (-2,3 Prozent).

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Finanzielle Freiheit braucht einen starken Partner

Vermögen eröffnet Möglichkeiten – und bringt zugleich Entscheidungen mit sich: Wie lässt sich das Erreichte bewahren, gezielt...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Kokain am Arbeitsplatz: Wenn ausgerechnet die besten Mitarbeiter abhängig werden
24.10.2026

Kokain ist längst keine Droge mehr, die nur auf Partys konsumiert wird. Immer häufiger erreicht der Konsum auch den Arbeitsalltag....

DWN
Finanzen
Finanzen Aktien kaufen: Diese Branchen könnten den KI-Hype schlagen
24.10.2026

Die Börsen brechen Rekorde, doch der Höhenflug steht auf wackligen Beinen. Wenige Technologiekonzerne treiben die Kurse, während...

DWN
Politik
Politik China macht seine Grenzen dicht: Ein neuer Eiserner Vorhang
24.10.2026

China macht seine Grenzen dicht, und längst trifft es nicht mehr nur politisch unbequeme Bürger. Lehrer, Ärzte und KI-Ingenieure dürfen...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Marktbericht: KI-Aktien im Fokus, während die Wall Street im Minus bleibt
23.10.2026

Spannung an den Finanzmärkten: Warum Technologiewerte und Rohstoffe die Anleger derzeit in Atem halten.

DWN
Unternehmensporträt
Unternehmensporträt Erfolgreich mit Bio-Erdnüssen: Zwei Bauern sparen mit KI 90 Prozent der Arbeitskosten
23.10.2026

Trockenheit wird für Europas Landwirtschaft zum immer größeren Problem. Zwei Brüder aus Österreich reagieren darauf mit einer...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Firma gründen in 24 Stunden: Was jetzt wirklich möglich ist – und was nicht
23.10.2026

Ein eigenes Unternehmen an nur einem Tag gründen: Das neue Bundesportal G24 soll dem behördlichen Zickzackkurs ein Ende setzen. Seit Ende...

DWN
Finanzen
Finanzen Größter Verkauf russischen Goldes seit der Finanzkrise 1998: Weitere Tonnen verschwinden aus den Tresoren
23.10.2026

Die neuesten Daten der russischen Zentralbank zeigen, dass die Verkäufe aus den Goldreserven seit Jahresbeginn bereits 62 Tonnen erreicht...

DWN
Finanzen
Finanzen Warum Frankreich weniger Schulden hat als die USA, dafür aber härter bestraft wird
23.10.2026

Die neuesten Eurostat-Daten für das zweite Quartal zeigen, dass die französische Staatsverschuldung im Verhältnis zur...