Wirtschaft

Weltweit größte Auto-Messe in Schanghai: China präsentiert revolutionäre Technik - und setzt deutsche Hersteller massiv unter Druck

Der Automobil-Experte Ferdinand Dudenhöffer berichtet von der weltgrößten Auto-Messe in Schanghai.
20.04.2021 09:19
Aktualisiert: 20.04.2021 09:19
Lesezeit: 4 min

Die „Auto-China“, die am gestrigen Montag in Schanghai ihre Tore öffnete, ist die größte Automesse der Welt und wird dieses Jahr die einzige große Messe sein, die in der Corona-Pandemie „normal“ läuft. Die chinesischen Autobauer trumpfen in Schanghai selbstbewusst mit einer Fülle neuer Modelle auf. Eins steht völlig außer Frage: Im Reich der Mitte befindet sich die Zukunft– ohne das Riesenreich läuft in der Automobil-Industrie gar nichts mehr.

Beeindruckend ist, mit welchem Maß an High-Tech und wichtigen Vorstufen zum autonomen Fahren die chinesischen Autobauer aufwarten. So beginnt das Start-up „XPeng“ mit dem Vorverkauf seines dritten Serienmodells, des P5. Nach Angaben von „XPeng“ handelt es sich dabei um das weltweit erste Serienmodell eines intelligenten Elektrofahrzeugs, das darüber hinaus über LiDAR-Technologie verfügt. Die Doppelprismen-LiDAR-Einheiten befinden sich an der Fahrzeugfront und können Fußgänger, Radfahrer und Motorroller, statische Hindernisse und Straßenarbeiten in herausfordernden Szenarien wie Nacht- und schlechten Lichtverhältnissen, Hintergrundbeleuchtung sowie abwechselnder Licht- und Dunkelbeleuchtung in Tunneln erkennen und unterscheiden. Zusätzlich ist der P5 mit Navigations-Guided-Pilot-Funktionen (NPG) für den innerstädtischen Verkehr ausgestattet.

Bereits dieses Modell lässt erkennen, dass China auch in der Autoindustrie Technologie-Führerschaft anstrebt. Auch das ist ein klares Zeichen, dass die Messe aussendet.

Hohes Nach-Corona-Wachstum treibt Chinas Automarkt

Laut der in diesem Monat vorgelegten Prognose des Internationalen Währungsfonds (IWF) wird das Bruttosozialprodukt der Volksrepublik dieses Jahr um 8,4 Prozent, nächstes Jahr (wenn der Corona-bedingte Nachholbedarf abgeklungen ist) immer noch um 5,6 Prozent wachsen. Damit ist China die weltweite Wachstums-Lokomotive – bezogen auf die Wirtschaft im Allgemeinen, aber eben auch in Bezug auf die Automobilwirtschaft, denn der chinesische Markt ist im Vergleich mit vielen anderen immer noch „ungesättigt“. Nur ein Beispiel: Die Fahrzeugdichte beträgt 205 je 1.000 Einwohner. In den USA sind es dagegen 871 je 1.000 Menschen. Mit anderen Worten: Der amerikanische Markt ist gesättigt, der chinesische „hungrig“. Wenn man sich jetzt noch vor Augen hält, dass China eine Bevölkerung von 1,4 Milliarden sein Eigen nennt, wird deutlich, wie gigantisch der dortige Markt ist.

Entwicklung der jährlichen Auto-Verkaufszahlen in China (Angaben in Millionen):

2005: 3,15

2010: 11,27

2020 (Corona): 19.8

2021 (ab hier Prognose): 24,74

2022: 26,34

2023: 27,66

2024: 28,91

2025: 32,21

Allein dieses Jahr stiegen in den ersten drei Monaten die Autoverkäufe im Vergleich zum Vorjahr um 76 Prozent auf 6,48 Millionen Stück. Natürlich hat diese Steigerung auch damit zu tun, dass die Verkäufe letztes Jahr wegen Corona zurückgegangen waren. Aber rund 20 Prozent des Zuwachses ist Corona-unabhängig geschehen. Es ist und bleibt eine Tatsache: Getrieben wird der Automarkt durch das hohe Wirtschaftswachstum in China.

Immer höherer Anteil am Weltmarkt

Chinas Anteil am Pkw-Weltmarkt in Prozent:

2005: 5,7

2010: 18,2

2015: 25,7

2020 (Corona): 28,9

2021 (ab hier Prognose): 32,4

2022: 32,9

2023: 33,2

2024: 33,4

2025: 34,0

Bereits in diesem Jahr wird der Anteil Chinas am Auto-Weltmarkt fast die ein-Drittel-Marke erreichen, spätestens 2025 wird er sie (ganz knapp) übertreffen. Er wird dann circa zehnmal so groß sein wie der deutsche.

Deutsche Premium-Anbieter mit Problemen

Die „Auto-China“ zeigt aber auch, dass die Monopol-Situation, die deutsche Premiumhersteller in den letzten 20 Jahren in China hatten, aufgeweicht wird. Mit 69.600 Verkäufen im ersten Quartal dieses Jahres ist Tesla – das ja in Schanghai ein neues Werk errichtet hat – seinen deutschen Konkurrenten auf den Fersen. Noch setzte Mercedes als verkaufsstärkste Premiummarke im ersten Quartal mit 222.500 Einheiten 3,2-mal so viel ab wie Tesla. Aber der Elektroauto-Pionier legt ein straffes Wachstumstempo hin.

Verkäufe ausgesuchter Premiumhersteller im ersten Quartal 2021 in Stück:

Mercedes: 222.500

BMW: 221.800

Audi: 197.000

Tesla: 69.600

Lexus: 60.600

Cadillac: 58.700

Hongqi: 54.100

Volvo: 43.600

Porsche: 20.800

Nio: 19.900

Tesla hat sich bereits auf Position vier hochgearbeitet, beispielsweise die Tochter des chinesischen Konzerns Geely überholt – das ist schon eine Überraschung.

Auch neue Chinesen streben ins Premium-Segment. So etwa die Marke Hongqi, eine Tochter des FAW-Konzerns. Oder das Start-up NIO. Tesla und NIO sind Beispiele für die große Transformation im chinesischen Automarkt. Im Fünfjahresplan Pekings hat das Elektro-Auto Vorfahrt. Für das Jahr 2025 kann man mit knapp 25 Prozent Marktanteil für E-Autos in der Volksrepublik rechnen. Im Einklang mit diesen Wachstumsplänen planen chinesische Batterie-Hersteller wie sVolt, eine Tocher der Great-Wall-Motors-Gruppe, den großen Ausbau der Lithium-Ionen Zellproduktion-Kapazitäten. Der Fünfjahresplan legt in China die Richtung fest. Die Regierung will bis zum Jahr 2030 den Höhepunkt beim CO2-Ausstoß erreicht haben. In den Folgejahren sollen CO2-Emissionen reduziert werden, bis im Jahr 2050 China dann die CO2-Neutralität erreicht hat. Das funktioniert nur mit einer systematischen Umstellung aufs Elektroauto.

Chip-Alliance und Software

Großes Thema in China sind Software und autonomes Fahren. Kurz vor Beginn der „Auto-China“ hat beispielsweise der Huawei-Konzern angekündigt, allein im Jahr 2021 rund eine Milliarde Dollar in die Entwicklung von „smart cars“-Komponenten zu investieren. Tatsache ist: Das Reich der Mitte geht seinen eigenen Weg. Das Auto wird in die gesamte Verkehrs- und Mobilitäts-Infrastruktur integriert. Bewegungsdaten können in China im breiten Umfang genutzt werden. Das ICV (Intelligent-Connected Vehicle) ist das Ziel. Das heißt, während bei der Google-Tochter Waymo oder bei Tesla´s „Full Self Driving“-Konzept das Auto isoliert von einem Autopiloten gesteuert wird, soll in China die intelligente Verkehrssteuerung – und damit auch die Steuerung jedes einzelnen Fahrzeugs – zentral erfolgen. So hat etwa die Stadt Shanghai mittlerweile ein Straßennetz von 560 Kilometer als Testgebiet für ICV-Autos definiert. Hier zeigt sich wieder: China will technologisch an die Spitze und investiert massiv in die dafür notwendigen neuen Technologien.

Gleiches gilt für die Halbleiter. Als Folge der weltweiten Chip-Knappheit hat die chinesische Staatsregierung bereits im Jahr 2020 eine „Chip-Alliance“ ins Leben gerufen. Die Volksrepublik ist dabei, große Kapazitäten für die Halbleiterproduktion aufzubauen. Auch deutsche Konzerne sind dabei, Investitionen in chinesische Halbleiter-Werke zu prüfen.

Fazit: China fährt allen davon

Die „Auto-China“ zeigt die Stärke des Reichs der Mitte: Selbstbewusste chinesische Autobauer, die mit High-Tech auftrumpfen. Eine selbstbewusste Nation, die in hohem Tempo und mit unvergleichlicher Dynamik Technologie-Themen nach vorne treibt. Ein Markt, der das Zentrum der Autowelt ist und auf den niemand verzichten kann, wenn er beim Autobau keine Nebenrolle spielen will. Es ist unumgänglich, einen vernünftigen Austausch mit China zu betreiben. Sich zu isolieren und zu glauben, mit Sanktionen die Welt verändern zu können, ist falsch. Mit dem RCEP-Freihandelsabkommen sind die Auto-Nationen Japan und Korea sehr eng an China gerückt. Die Automesse in Shanghai zeigt, dass wir unser Verhältnis zu China zukunftsorientiert und neu definieren müssen.

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