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Spielplan-Gestaltung im Sport: Mehr Möglichkeiten als Atome im Weltall

Lesezeit: 4 min
05.06.2021 09:34
Der Mathematiker Stephan Westphal und der Informatiker Dirk Zechiel haben das Unternehmen „Ligalytics“ gegründet. Es entwickelt die Spielpläne von Profisport-Ligen.
Spielplan-Gestaltung im Sport: Mehr Möglichkeiten als Atome im Weltall
Ein Schwarzes Loch schleudert mit seinen scharf gebündelten Materie-Strahlen große Mengen Atome ins All. Die Zahl aller existierenden Atome ist allerdings geringer als die der möglichen Varianten, einen Spielplan für eine Saison aufzustellen.
Foto: Riccardo Lanfranchi

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Fragen Sie mal einen Fan, wie viele unterschiedliche Spielpläne für eine Bundesliga-Saison sich aufstellen lassen. Tausend? Zehntausend? Eine Million oder gar eine Milliarde?

Die Antwort sprengt jede menschliche Vorstellungskraft. Es handelt sich um mindestens zehn hoch hundert Möglichkeiten (zehn Sedezilliarden heißt das in der Sprache der Mathematiker). So viele Spielplan-Varianten gibt es, wenn 18 Teams im System jeder gegen jeden in Hin- und Rückrunde eine Meisterschaft austragen. Übrigens: Die Zahl der Atome im Weltall ist mit zehn hoch 84 weitaus geringer.

Unendlich viele Möglichkeiten

Nun existieren selbstverständlich schon brauchbare Spielpläne. Sie sind in entsprechenden Büchern aufgeführt, Rechenkünste benötigen die Verantwortlichen der verschiedenen Ligen also nicht. Aber: In diese vorgefertigten Pläne sind natürlich die jeweiligen Rahmenbedingungen einer Saison nicht mit einbezogen. Sie berücksichtigen beispielsweise nicht, dass an einem Spieltag in einer Stadt ein wichtiges öffentliches Ereignis stattfindet, das große Teile der Polizeikräfte bindet. Dass an einem anderen Tag in einem Stadion ein Pop-Konzert stattfindet. Wie eine Spielzeit durch möglichst viele besonders interessante Partien zum Saisonende hin – beispielsweise durch das Aufeinandertreffen von voraussichtlichen Meisterschaftsanwärtern und Abstiegskandidaten – spannend gestaltet werden kann. Oder auch, dass ein Verein Jubiläum feiert und deshalb möglichst zeitnah ein Heimspiel gegen einen ganz bestimmten Gegner austragen möchte.

Und noch etwas findet sich nicht in den gängigen Saisonplan-Büchern: Methoden zur Berechnung von Ligen, in denen nicht jeder gegen jeden antritt, und in denen Heim- und Auswärtsspiele sich nicht abwechseln, sondern ein Team durchaus mal drei oder sogar vier Spiele hintereinander auswärts oder zuhause bestreitet. In der US-Basketballliga NBA ist das der Fall, und weil die Vereinigten Staaten ein riesiges Land sind, wird versucht, die Reiserouten möglichst kurz zu halten, beispielsweise ein Team von der Ostküste gleich dreimal hintereinander auswärts bei Mannschaften von der Westküste spielen zu lassen. Die Möglichkeiten zur Spielplangestaltung gehen hier fast ins Unendliche.

Diskrete Optimierung

Diskrete Optimierung: So nennt sich ein Teilgebiet der angewandten Mathematik, mit dem Westphal und Zechiel ihre Spielplangestaltung angehen und das Westphal als Professor für Wirtschaftsmathematik an der renommierten TU Clausthal lehrt. Methoden der Diskreten Optimierung werden in unterschiedlichen Bereichen der Wirtschaft angewendet, beispielsweise bei der Optimierung von Gasnetzen sowie in der Logistik.

Westphal: „Erhalten wir einen Auftrag, wird mit Hilfe eines Punktesystems vor Beginn der Arbeit klar definiert, was ein qualitativ guter Spielplan ist. Wenn der von uns letztendlich entwickelte lediglich ein, zwei Prozent von der anzunehmenden Perfektion entfernt ist, handelt es sich um ein sehr gutes Ergebnis.“ Ob ein optimaler Spielplan überhaupt existiere, sei nämlich fraglich, so der 44-Jährige: „Wie man die einzelnen Faktoren, die in die Gestaltung des Spielplans einfließen, gewichtet, ist im Endeffekt Auslegungssache – insofern ist Perfektion immer eine Sache der persönlichen Interpretation, es gibt keinen allgemein anerkannten gültigen Maßstab.“

Die besondere Leistung, die „Ligalytics“ erbringt, liege in der Entwicklung der notwendigen Algorithmen, so Westphal: „Darauf sind wir stolz.“ Künstliche Intelligenz spiele nur eine untergeordnete Rolle. Die immer stärkere Rechenkraft der Computer dagegen schon, aber nur bedingt: „Selbst wenn sich die Rechenkraft innerhalb eines Jahres verdoppeln würde, was würde das angesichts von zehn hoch hundert Möglichkeiten schon für einen Unterschied machen? Nein, entscheidend ist, dass wir den Rechner mit den richtigen Variablen füttern.“ Ist das geschehen, brauche der Computer gar nicht so viel zu berechnen: „Wenn er uns rasch ein gutes Ergebnis liefert, statt tagelang riesige Mengen an Daten zu verarbeiten, so bedeutet das, dass wir im Vorfeld einen guten Job gemacht haben.“

Mit der Spielplan-Gestaltung hat Westphal vor fast 15 Jahren begonnen, sich einen Kundenstamm aufgebaut, der unter anderem den DFB, die Deutsche Eishockey Liga, die Tischtennis-Bundesliga sowie die Basketball-Bundesliga und -Champions Liga umfasst. Da er das Ganze aber nur begleitend zu seiner wissenschaftlichen Karriere, „sozusagen als Hobby“, betrieben hat, sind die Grenzen des Wachstums mittlerweile erreicht. Mit Gründung von „Ligalytics“ mit Sitz in Bad Homburg wollen er und sein Partner Zechiel ihr Geschäft professionalisieren und als Marke etablieren. Der Name, so Zechiel, sei gewissermaßen Programm: „Wir sind international ausgerichtet, und ´Liga´ heißt es überall – da ist höchstens die Schreibweise mal etwas anders.“


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