Politik

Marokko öffnet die Tore: Tausende Migranten stürmen spanische Exklave Ceuta

Marokko versucht, tausende Migranten in die spanische Exklave Ceuta zu schleusen. Inzwischen ist das spanische Militär aktiv.
18.05.2021 10:30
Aktualisiert: 18.05.2021 10:30
Lesezeit: 2 min

«Wie eine Autobahn auf dem Meer» - so beschrieb die spanische Zeitung «El País» die teils dramatischen Bilder Tausender Menschen aus Marokko, die im Mittelmeer Richtung Ceuta schwammen. Rund 7000 Menschen, darunter etwa 1500 Minderjährige, schafften es binnen 24 Stunden, die Nordafrika-Exklave Madrids und damit faktisch die EU zu erreichen. Wie ein Lauffeuer hatte sich am Montag die Nachricht verbreitet, dass die marokkanischen Grenzwächter plötzlich niemanden mehr aufhielten. Und das war nach Einschätzung spanischer Medien kein Zufall - sondern ein kalkulierter Schachzug der Regierung in Rabat.

Die äußerte sich am Dienstag zunächst nicht zu den Ereignissen. Doch für Beobachter steht fest, dass die marokkanischen Sicherheitskräfte die Kontrollen an der nur rund acht Kilometer langen Grenze zu Ceuta im Nordwesten des Landes absichtlich gelockert haben, um in einer seit Wochen schwelenden diplomatischen Krise mit Spanien den Druck zu erhöhen.

EU-Ratspräsident Charles Michel sagte Spanien die «volle Solidarität» Brüssels zu. «Die Grenzen Spaniens sind die Grenzen der Europäischen Union. Zusammenarbeit, Vertrauen und gemeinsame Verpflichtungen sollten die Grundsätze einer engen Beziehung zwischen der EU und Marokko sein», erklärte Michel.

An Vertrauen aber scheint es in dem Konflikt zu mangeln. Im Zentrum des Streits steht die Westsahara an der nordafrikanischen Atlantikküste, bis 1975 spanische Kolonie. Marokko beansprucht große Teile des dünn besiedelten Gebiets, was international jedoch nur einige Staaten - darunter die USA - unterstützen. Die Befreiungsfront Polisario wiederum kämpft für die Unabhängigkeit der Westsahara.

Die marokkanische Regierung ist erzürnt, weil der Generalsekretär der Polisario, Brahim Ghali, seit April in einem spanischen Krankenhaus behandelt wird. Rabat sieht in ihm einen Kriegsverbrecher und fordert seine Festnahme. Erst vor zehn Tagen veröffentlichte das marokkanische Außenministerium eine wütende Erklärung und sprach von einer «schwerwiegenden Handlung», die nicht zu rechtfertigen sei. Spaniens Regierungschef Pedro Sánchez sprach von einer «schweren Krise für Spanien» und bekräftigte, es werde alles unternommen, um die Sicherheit der Grenzen Spaniens und seiner Bürger zu garantieren.

Auch Deutschlands Verhältnis zu Marokko ist wegen der Westsahara angespannt. Auslöser war Berlins Kritik an der Entscheidung der früheren US-Regierung unter Präsident Donald Trump, Marokkos Souveränität über das Gebiet anzuerkennen. Anfang Mai warf die Führung in Rabat der Bundesrepublik vor, «wiederholt feindselig gegen die höheren Interessen des Königreichs Marokko gehandelt» zu haben, und rief ihre Botschafterin in Berlin zu Konsultationen zurück. Auch Deutsche in Marokko bekommen die Krise zu spüren. Von ihnen ist zu hören, derzeit würden ausgelaufene Aufenthaltsgenehmigungen nicht verlängert.

Die Behörden Ceutas mit rund 85 000 Einwohnern wurden von der schieren Menge der Ankommenden völlig überwältigt. «Wir versorgen die Menschen mit dem Nötigsten, trockener Kleidung, Essen und Wasser», sagte Isabel Brasero vom spanischen Roten Kreuz im Fernsehen. Tausende Migranten liefen in der Stadt herum, bevor sie in ein Stadion gebracht wurden. Minderjährige kamen in ein überfülltes Auffanglager.

Am Dienstag begann das spanische Militär, die Migranten einzeln durch eine kleine Tür im Grenzzaun zurück nach Marokko zu schicken. Auf marokkanischer Seite des Zauns warteten Tausende auf eine Chance, nach Ceuta zu gelangen. Die Schließung der Grenze zu Ceuta durch Marokko seit März 2020 aufgrund der Corona-Pandemie hat viele Menschen in Armut gestürzt. Einige warfen Steine auf die spanischen Sicherheitskräfte, die mit Tränengas antworteten. Nach Angaben des spanischen Innenministers Fernando Grande-Marlaska wurden mindestens 1500 Menschen binnen Stunden zurückgeschickt.

Heftige Bilder waren im Fernsehen zu sehen. Soldaten führten teilweise humpelnde Migranten über den Strand zum Grenzzaun, während nur wenige Meter entfernt ankommende Schwimmer versuchten, aus dem Wasser auf den Strand zu gelangen. Soldaten hinderten sie daran. Nur völlig Erschöpfte wurden auf Tragen zu Krankenwagen gebracht. Ein spanischer Richter bezweifelte im Fernsehen, dass die Abschiebungen rechtlich überhaupt zulässig seien.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Panorama
Panorama DWN-Wochenrückblick KW 14: Die wichtigsten Analysen der Woche
02.04.2026

Im DWN Wochenrückblick KW 14 aus dem Jahr 2026 fassen wir die zentralen wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen der vergangenen...

DWN
Politik
Politik Wahlen in Ungarn: Steht Orbán vor einem Machtverlust?
02.04.2026

Die Parlamentswahl in Ungarn rückt die Zukunft von Viktor Orbáns politischem System und die wirtschaftliche Entwicklung des Landes in den...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Europa vor neuer Belastungsprobe: Energiepreise steigen weiter
02.04.2026

Die globale Energiekrise verschärft sich durch geopolitische Spannungen im Nahen Osten und setzt die Energiemärkte zunehmend unter Druck....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Kfz-Steuer-Prämie aufs Konto geplant: Bundesregierung prüft Entlastung für Autofahrer
02.04.2026

Die Bundesregierung prüft neue Wege, um Bürger angesichts hoher Kraftstoffpreise schneller finanziell zu entlasten, und setzt dabei auf...

DWN
Finanzen
Finanzen Neuer Ukraine-Kredit: EU-Kommission treibt Vorbereitungen voran - trotz ungarischen Vetos
02.04.2026

Die EU will der Ukraine bis Ende des Jahres insgesamt 45 Milliarden Euro zur Verfügung stellen. Doch es gibt weiter ein Hindernis.

DWN
Politik
Politik Teilkrankschreibung im Job: Krankengeld soll in vier Stufen ausgezahlt werden
02.04.2026

Wenn Beschäftigte erkrankt sind und eine ärztliche Bescheinigung bekommen, fallen sie im Prinzip komplett aus. Über flexiblere Regeln...

DWN
Politik
Politik Milliardenloch bei den Krankenkassen – Bürgergeldempfänger belasten das System schwer
02.04.2026

Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger schlägt Alarm. Unser Gesundheitssystem gerät zunehmend aus dem Gleichgewicht. Mit Blick auf ein...

DWN
Politik
Politik Trump-Rede zum Iran-Krieg: Viele Worte, wenig Klarheit
02.04.2026

US-Präsident Trump hat sich erneut optimistisch über den Verlauf des Iran-Kriegs geäußert. Wirkliche Neuigkeiten enthielt seine "Rede...