Politik

DWN SPEZIAL: In Mali tobt ein Stellvertreter-Konflikt zwischen Frankreich und Russland

In Mali tobt ein Stellvertreter-Konflikt zwischen Paris und Moskau, weshalb es regelmäßig zu Staatsstreichen kommt.
28.05.2021 16:40
Lesezeit: 3 min

In Mali haben in der Nacht zu Dienstag Militärs den Übergangspräsidenten Bah N-Daw sowie den Ministerpräsidenten Moctar Ouane festgenommen und in einem Militärcamp interniert. Am Dienstag setzte Vizepräsident Assimi Goita die beiden Staatsmänner endgültig ab. Am gestrigen Donnerstag soll sich Goita schließlich selbst zum Interimspräsidenten erklärt haben. Wie es jetzt weitergeht, weiß niemand.

Der Putsch ist nur einer von vielen in der an Staatsstreichen reichen Geschichte des Landes. Erst im August 2020 hatte das malische Militär den Präsidenten Ibrahim Bouboucar Keita verdrängt und ihn zum Rücktritt gezwungen. Im September wurde dann eine Übergangsregierung unter der Führung von Bah N'Daw gebildet. Die Übergangsregierung, die das Land für 18 Monate regieren sollte, hatte die Aufgabe, Reformen umsetzen und schließlich Wahlen abzuhalten. Sie hätte eine Art stabiler „Kompromissregierung“ werden können, die sich aus einem pro-französischen und einem unabhängigen Lager zusammensetzt. Zur Erklärung: Mali war von der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis zu seiner Unabhängigkeit im Jahr 1960 französische Kolonie.

Doch in dem 20-Millionen-Einwohner-Staat, dessen Fläche die der Bundesrepublik um das dreieinhalbfache übersteigt, gibt es eine ganze Reihe von unterschiedlichen politischen Lagern, die alle ihre eigenen Interessen verfolgen.

Salif Traore, Sicherheitsspezialist für die Sahelzone und Direktor der Denkfabrik "Afriglob", sagte der „Deutschen Welle“: „Der entlassene Verteidigungsminister (von Mali - Anm. d. Red.) soll sehr enge Beziehungen zu Russland haben. Er wollte, dass Russland nach und nach Frankreich ersetzt."

Die staatliche russische Nachrichtenagentur „Sputnik“ erhebt in einem heute erschienenen Artikel dann auch schwere Vorwürfe: „Am Donnerstag vollzog der malische Vizepräsident Assami Goita, ein Oberst der malischen Armee, seinen zweiten Staatsstreich in nur neun Monaten und stürzte die Interimsregierung, an deren Errichtung er beteiligt war, und erklärte sich selbst zum Interimspräsidenten des Landes. Goita, ein im Westen ausgebildeter Soldat, ist nur der jüngste in einer immer länger werdenden Liste von Soldaten, die vom "US Africa Command" (AFRICOM) seit seiner Gründung vor 13 Jahren ausgebildet wurden, und in Afrika Staatsstreiche durchführen. Seit seiner Gründung im Jahr 2008 waren die von AFRICOM ausgebildeten Truppen direkt für mindestens sieben erfolgreiche Staatsstreiche in Afrika verantwortlich, von denen fast alle in Westafrika stattgefunden haben und die direkt von den AFRICOM-Streitkräften durchgeführt wurden.“

Was Sputnik nicht erwähnt: Viele der Putschisten von 2020 (siehe oben) sollen in Russland ausgebildet worden sein. Das heißt: Die diese Woche abgelöste Regierung von Bah N'Daw war zumindest Moskau-freundlich, wurde vielleicht sogar von Moskau direkt unterstützt. Russland ist der (nach Bulgarien) zweitgrößte Waffenlieferant des Landes; darüber hinaus sind die Malier aus historischen Gründen (die Sowjetunion leistete dem Land nach seiner Unabhängigkeit militärische Hilfe) Russland gegenüber positiv eingestellt. Die Putin-Regierung verfolgt schon seit einiger Zeit das Ziel, sozusagen auf den Spuren der ehemaligen Sowjet-Union ihren Einfluss in Afrika zu vergrößern. Es geht ihr dabei um Bodenschätze, außenpolitisches Prestige sowie die Prävention von westlichem Machtzuwachs, der sich daraus ergeben würde, wenn es westeuropäischen Ländern gelänge, sich in Afrika festzusetzen.

Was Frankreich angeht: Die Grande Nation sieht sich immer wieder dem Vorwurf ausgesetzt, in Mali neokolonistische Ziele zu verfolgen. Vor allem die gewaltigen Bodenschätze in diesem Teil Afrikas locken. Wie die Deutschen Wirtschaftsnachrichten in einem Beitrag im Rahmen ihrer großen Geopolitik-Serie herausstellten, muss Frankreich, will es seine Machtstellung in der Welt behaupten, seinen Einfluss in seinen ehemaligen afrikanischen Kolonien, den Ländern von „Françafrique“, bewahren.

Exkurs Mali:

Malis Grenzen wurden 1960 aus der Teilung des kolonialen französischen Westafrikas geschaffen. Das Land umfasst zwei geografisch unterschiedliche Regionen. Diese - definiert zum einen durch die fruchtbaren, dicht besiedelten südlichen Savannen und zum anderen durch die trockene, spärlich bewachsene Sahara - sind weitgehend durch den Niger getrennt, der auch als historische Lebensader des malischen Handels dient. Die beiden Regionen haben unabhängige geopolitische Kerne. Der südliche Kern ist das landwirtschaftliche Dreieck von Bambara, zu dem auch Bamako gehört - die Hauptstadt der Nation. Hier leben die Bambara, die ethnische Beziehungen zu den südlichen Nachbarn Malis haben: Burkina Faso, Elfenbeinküste, Guinea und Senegal. Der nördliche Kern befindet sich am südlichen Ende des Hoggar-Gebirges und beherbergt die nomadischen Tuareg - ein Berbervolk mit Verbindungen zur Bevölkerung in Niger, Mauretanien und Algerien.

Die Projektion politischer Autorität auf beide Regionen ist Malis primäre geografische Herausforderung. Die beiden größten Städte im Norden - Timbuktu und Gao - liegen am Niger und dienten einst als wichtige Außenposten zwischen den beiden Kernen. Im Laufe der Jahrhunderte verringerte die Einrichtung von Seewegen durch Europäer die Bedeutung der Tuareg und dieser Städte.

In der Folge hat sich der islamische Einflussbereich der Tuareg verringert, und die Handelswege in der Sahara, auf denen einst Salz, Gold, Elfenbein und Sklaven transportiert wurden, nahmen in ihrer Bedeutung stark ab. Heute ist Mali eines der ärmsten Länder der Welt, sein Bruttoinlandsprodukt entspricht etwas mehr als die Hälfte dessen von Bremen. Die Wirtschaft basiert primär auf der Landwirtschaft, insbesondere dem Baumwollanbau und der Viehhaltung. Dazu kommt noch der Goldabbau. Mali ist nach Ghana (im Süden Malis) und Südafrika der drittgrößte Goldproduzent des afrikanischen Kontinents.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Politik
Politik Bertelsmann Stiftung warnt: Abkehr von Energiewende gefährdet Jobs
24.06.2026

Eine Untersuchung sieht einen Beschäftigungsrekord bei erneuerbaren Energien. Eine energiepolitische Kursänderung der Bundesregierung...

DWN
Politik
Politik Aus für milliardenteures Rüstungsprojekt: Pistorius zieht den Stecker für Fregatte F126
24.06.2026

Erst der Flop beim deutsch-französischen Luftkampfsystem FCAS, nun das Ende für das Fregattenprojekt F126. Binnen weniger Wochen platzen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft VW-Aktie im Krisenmodus trotz radikalem Jobabbau
24.06.2026

Volkswagen will sparen, kürzen und umbauen, doch der Druck auf den Konzern bleibt enorm. Zehntausende Stellen fallen weg, Werke verlieren...

DWN
Politik
Politik Bundestag: Ein Drittel der Bundestagsabgeordneten hat Nebeneinkünfte
24.06.2026

Mehr als ein Drittel der Bundestagsabgeordneten hat in der laufenden Legislaturperiode meldepflichtige Nebeneinkünfte bezogen - neben...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Playmobil wandert ins Ausland: Aus für Produktion in Deutschland
24.06.2026

Fast jedes Kind kennt die ewig lächelnden Spielfiguren. Produziert werden diese jetzt nur noch im Ausland. Ein unausweichlicher Schritt,...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Nach Gewinneinbruch um 91 Prozent: Porsche-Aktionäre rechnen mit Konzernführung ab
24.06.2026

Scherbenhaufen, Standstreifen, Krise: Der Porsche-Führung bläst auf der Hauptversammlung heftiger Gegenwind entgegen. Was die Investoren...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Vom Hoffnungsträger zum Problemflieger: Behörde zwingt 16 Airbus A380 zum Check
24.06.2026

Risse an den Tragflächen: 16 Airbus A380 von Emirates und Qantas müssen auf Anordnung der EASA kurzfristig überprüft werden. Fünf...

DWN
Immobilien
Immobilien Mieterhöhung, Nießbrauch, Grundsteuer: Diese Gerichtsurteile treffen Immobilienbesitzer direkt
24.06.2026

Mieterhöhung, Grundsteuer, Nießbrauch: Hinter diesen Stichworten stecken Urteile, die für Vermieter und Eigentümer über Tausende Euro...