Wirtschaft

Alte Rohstoffkarten von Hermann Göring: Deutschland muss sich endlich aus seiner strategischen Abhängigkeit befreien

Ohne eigene Rohstoff-Produktion ist Deutschland strategisch abhängig, vor allem von China. Im zweiten Teil des großen DWN-Rohstoff-Interviews zeigt der renommierte Geologe Georg Borg auf, dass die Regierung bereits aktiv geworden ist - dass aber noch viel mehr geschehen muss.
11.07.2021 13:12
Lesezeit: 5 min
Alte Rohstoffkarten von Hermann Göring: Deutschland muss sich endlich aus seiner strategischen Abhängigkeit befreien
Braunkohlet-Tagebau in Jänschwalde (Brandenburg). (Foto: dpa)

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Wie kann, wie muss der Westen reagieren auf die Machtprojektion, die China durch seine Rohstoff-Strategie sowohl in wirtschaftlicher als auch in politischer Hinsicht betreibt?

Gregor Borg: Die Industrie muss erkennen, dass sie sich zunehmend in eine gefährliche Abhängigkeit von China beziehungsweise von chinesischen Lieferanten begeben hat. In dieser Hinsicht zeitigt Corona vielleicht ausnahmsweise mal positive Auswirkungen – die Pandemie hat das Verständnis dafür, wie fragil Lieferketten sind, zweifellos gestärkt, und das wiederum erhöht die Chancen, dass die Verantwortlichen begreifen, dass eine rein chinesische Lieferkette nicht immer funktionieren wird oder zumindest sehr gefährlich ist.

Was die Gesellschaft angeht: Sie muss akzeptieren, dass Bergbau hierzulande notwendig ist. Sehen Sie, wir haben es uns doch ausgesprochen kommod eingerichtet: Andere sollen in die Minen und Schächte steigen, um unsere Rohstoff-Versorgung zu gewährleisten. Die demensprechenden Lieferverträge haben wir abgeschlossen und erwarten nun, dass wir fristgerecht beliefert werden. Dass es dabei jedoch zu unvorhergesehenen Zwischenfällen kommen kann – seien sie versehentlich entstanden oder mit voller Absicht ausgelöst worden – kommt uns, die wir ein humanistisches Menschenbild vertreten, niemals in den Sinn. Doch so human funktionieren Politik und Wirtschaft des internationalen Systems nun mal nicht. Das müssen wir endlich akzeptieren.

Und schließlich muss der Staat Abstand nehmen von seiner Laissez-faire-Haltung, vom Glauben daran, dass der Markt allein immer alles zum Besten regelt. Derzeit erleben die Autobauer am eigenen Leib, dass dem nicht so ist: Die

Versorgung mit Halbleitern ist zusammengebrochen, die Unternehmen müssen ihre Produktion massiv zurückfahren, teilweise sogar vorübergehend ganz einstellen. Dass wir das gleiche Szenario mit dringend benötigten Rohstoffen erleben, muss unbedingt verhindert werden. Immerhin hat sich auf Seiten des Staates einiges bewegt in den vergangenen Jahren – die Entwicklung, die sich vollzogen hat, ist eindeutig positiv.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Der deutsche Staat hat erkannt, dass wir uns in einer gefährlichen Abhängigkeit befinden?

Gregor Borg: Ja, das kann man durchaus so sagen. Die Phase der Ignoranz ist vor rund acht, neun Jahren zu Ende gegangen. Man kann sogar sagen, dass Deutschland in Europa eine Vorreiterrolle gespielt hat – vor allem die in Berlin regelmäßig stattfindenden Rohstoff-Gipfel haben innerhalb der EU Aufmerksamkeit geweckt.

Erwähnen muss man unbedingt, dass wir uns noch vor rund zehn Jahren in einer peinlichen Situation befanden. Die damals vorliegenden aktuellsten Rohstoff-Karten für Deutschland stammten aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Es handelte sich um vertrauliches Kartenmaterial, das US-Soldaten 1945 bei der Festnahme von Reichsfeldmarschall Hermann Göring gefunden hatten. Unglaublich! Weil man die Notwendigkeit einsah, aktuelle Rohstoff-Karten für die Bundesrepublik einsehen zu können, wurden die einzelnen Bundesländer beauftragt, jeweils ein Rohstoff-Inventar anzufertigen und der Bundesregierung zur Verfügung zu stellen. Jetzt haben wir endlich eine Übersicht über die bekannten Rohstoff-Vorkommen in Deutschland

Darüber hinaus hat sich auch einiges auf der institutionellen Ebene getan. So hat die „Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe“ (BGR) die „Deutsche Rohstoff Agentur“ (DERA) gegründet, die Daten zu ausgesuchten Rohstoffen aufbereitet sowie entsprechende Länder- und Regional-Studien erstellt. Die DERA hat übrigens auch aufgezeigt, dass Gold derjenige Rohstoff ist, von dem Deutschland und die Welt am wenigsten abhängig sind – aber das nur nebenbei.

Der Staat hat auch Förderprogramme für die nationale Suche nach Rohstoffen aufgelegt, die jedoch von der Industrie noch nicht im erwünschten Ausmaß abgerufen worden sind. Ich hatte bereits VW erwähnt. Ein Konzern-Verantwortlicher hat tatsächlich sarkastisch gefragt: „Ja, sollen wir uns denn ein Bergwerk kaufen und es betreiben?“ Darauf möchte ich ihm an dieser Stelle antworten: „Nein. Aber vielleicht könnte sich Ihr Unternehmen mit zehn Prozent an einem Bergwerksunternehmen beteiligen und durch eine Aufsichtsratsposition eigene Einflüsse geltend machen.“

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Eine letzte Frage: Wir haben bislang ausschließlich über Bergbau auf dem Festland gesprochen. In letzter Zeit hört man immer wieder davon, dass der Meeresboden gewaltige Schätze bergen könnte. Sind diese Hoffnungen in Ihren Augen berechtigt?

Gregor Borg: Lassen Sie mich dazu etwas weiter ausholen. Ich spreche mich ja ausdrücklich für mehr Bergbau aus. Gleichzeitig nehme ich die Sorgen der Umweltschützer ernst. Darum sage ich: Jawohl, mehr Bergbau – aber vor allem mehr innovativen Bergbau. Darum setzte ich mich beispielsweise dafür ein, dass Kupferschmelzöfen ersetzt werden durch die Anwendung von biologischem Laugen, das heißt der Metallgewinnung durch Mikroorganismen. Dafür sind Bakterien aus der Tiefsee sehr gut geeignet.

Prinzipiell halte ich den Rummel, der um den maritimen Bergbau gemacht wird, jedoch für deutlich übertrieben. Es werden Hoffnungen geweckt, die weit weg sind von der Realisierung – zum einen, weil der Erkundungsstand des Meeresbodens äußerst gering ist, zum anderen, weil der derzeitige Stand der Technik einen Unterwasser-Abbau in keiner Weise zulässt.

„Mining the market“ – darin sind die Propagandisten des Tiefsee-Bergbaus ausgezeichnet, aber wirtschaftliche Erfolge können sie noch lange nicht vorweisen. Tatsache ist, dass es kommerziellen unterseeischen Bergbau derzeit nur an einem einzigen Ort auf der Welt gibt, nämlich im Atlantik, vor der Küste Südafrikas und Namibias, wo in einer Wassertiefe von bis zu rund 200 Metern Diamanten abgebaut werden.

Man muss sich auch die prinzipielle Frage stellen, ob Tiefsee-Bergbau überhaupt eine wünschenswerte Option darstellt. Ich beantworte diese Frage mit „nein“. Er stellt einen Eingriff in ein Ökosystem dar, dessen Folgen wir überhaupt nicht abschätzen können. Zumal sich weit ab vom Land und tief unter Wasser nur äußerst schlecht kontrollieren lässt, was solche Eingriffe bewirken – wir können ja nicht sehen, was sich dort unten abspielt. Wenn wir schon nicht ohne Bergbau auskommen, dann besser minimalinvasiv an Land und mit den bestmöglichen kontinuierlichen Kontrollen.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Herr Prof. Borg, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

***

Zur Person: Prof. Dr. Gregor Borg lehrt Petrologie und Lagerstättenforschung an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Darüber hinaus hat er die Position eines Honorary Professors an der renommierten „Camborne School of Mines“ in Cornwall inne, die zur University of Exeter gehört. Seine langjährige Erfahrung in der Erforschung von Bunt- und Edelmetall-Vorkommen sowie von Lagerstätten strategischer Metalle beruhen auf umfangreichen Tätigkeiten in Europa, Afrika und Vorderasien. Neben seiner Tätigkeit in universitärer Forschung und Lehre berät er nationale und internationale Rohstoff-Unternehmen bei der Exploration, Extraktion und Aufbereitung mineralischer Rohstoff-Lagerstätten. Gregor Borg ist seit 2011 stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Rohstoff AG.

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