Finanzen

EZB hebt Inflationsziel an, will Raten über 2 Prozent zulassen

Statt ihres bisherigen Inflationsziels von "unter, aber nahe bei 2 Prozent" wird die Notenbank künftig auch höhere Inflationsraten anstreben. Ein Ende der ultralockeren Geldpolitik rückt damit noch weiter in die Ferne.
08.07.2021 11:35
Lesezeit: 2 min
EZB hebt Inflationsziel an, will Raten über 2 Prozent zulassen
Christine Lagarde, Präsidentin der Europäischen Zentralbank. (Foto: dpa) Foto: Aris Oikonomou

Die Führung der Europäischen Zentralbank hat sich darauf geeinigt, ihr Inflationsziel auf 2 Prozent anzuheben und bei Bedarf eine Überschreitung dieser Marke zuzulassen. Dies berichtet Bloomberg mit Verweis auf Insider. Die Einigung kam bei einer Sondersitzung am Dienstag und Mittwoch zustande, bei der die erste Strategieanpassung der EZB seit fast 20 Jahren abgeschlossen wurde.

Die Entscheidung markiert eine signifikante Änderung des bisherigen Inflationsziels der EZB von "unter, aber nahe bei 2 Prozent". Die überarbeitete Strategie könnte der Notenbank die Rechtfertigung für eine längere Beibehaltung ihrer ultralockeren Geldpolitik geben, nachdem die Inflationsraten über Jahre unter der Marke von 2 Prozent lagen.

Es wird erwartet, dass die EZB-Führung nach dem Sommer über den Ausstieg aus den Notfallmaßnahmen diskutieren wird, die ein Anleihekaufprogramm im Wert von 1,85 Billionen Euro beinhalten. Allerdings hat EZB-Direktor Fabio Panetta aus Italien bereits gefordert, die massiven Kriseninterventionen auf Dauer fortzuführen.

Die offiziellen Ergebnisse der Strategieüberprüfung werden am Donnerstag um 13.00 Uhr Frankfurter Zeit veröffentlicht, und EZB-Präsidentin Christine Lagarde wird 90 Minuten später eine Pressekonferenz abhalten. Die Überprüfung deckt eine ganze Reihe von Themen ab, darunter auch der Kampf gegen den Klimawandel, das Zusammenspiel von Fiskal- und Geldpolitik, die Beschäftigungsentwicklung und die Globalisierung.

Das Inflationsziel stand jedoch im Mittelpunkt der Einschätzung. Lagarde sagte im Juni, dass man sich verpflichtet sieht, gleichermaßen auf zu niedrige und zu hohe Werte zu reagieren, dass aber die bisherige Formulierung von "unter, aber nahe bei 2 Prozent" das Ziel der Notenbank "für Beobachter und für die Märkte verwirrend" gemacht habe.

Was bedeutet das neue Inflationsziel von 2 Prozent?

"Sicherlich würde man denken, dass dies zukünftige potenzielle Zinserhöhungen noch weiter hinausschieben sollte, und es würde meiner Meinung nach auch mehr Asset-Käufe in der Zukunft erforderlich machen", sagte Jacob Kirkegaard, ein Senior Fellow beim German Marshall Fund. "Aber die Realität ist natürlich, dass selbst ein solches Ziel der EZB potenziell einen großen Ermessensspielraum einräumt."

Das neue Inflationsziel der EZB unterscheidet sich vom Ansatz der US-Notenbank. Die Federal Reserve hat im letzten Jahr angekündigt, ein "durchschnittliches Inflationsziel" anzustreben. Das heißt, sie will künftig Inflationsraten von über 2 Prozent akzeptieren und als explizites Ziel festlegen, wenn die zuvor gemessene Inflation unter der Marke von 2 Prozent lag.

Bundesbankpräsident Jens Weidmann hat kürzlich gesagt, dass eine Beibehaltung der lockeren Geldpolitik, selbst wenn die Inflation mittelfristig über dem Zielwert liegt, den Eindruck erwecken könnte, dass die EZB die Kreditkosten für die Eurostaaten absichtlich niedrig hält - denn genau das tut sie de facto. Eine Staatenfinanzierung durch die Notenbank würde aber ihre Unabhängigkeit untergraben, so Weidmann.

Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel deutete am Samstag an, dass die EZB ein Überschießen zulassen könnte. Sie sagte, die Entscheidungsträger müssten abwarten, bis die tatsächliche Inflationsdynamik mit den Prognosen übereinstimmt. "Diese Geduld kann dazu führen, dass die Inflationsergebnisse für eine vorübergehende Zeit moderat über unserem Ziel liegen."

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen

Jede Anlage am Kapitalmarkt ist mit Chancen und Risiken behaftet. Der Wert der genannten Aktien, ETFs oder Investmentfonds unterliegt auf dem Markt Schwankungen. Der Kurs der Anlagen kann steigen oder fallen. Im äußersten Fall kann es zu einem vollständigen Verlust des angelegten Betrages kommen. Mehr Informationen finden Sie in den jeweiligen Unterlagen und insbesondere in den Prospekten der Kapitalverwaltungsgesellschaften.

X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen Eurokurs schwächelt weiter: Warum Währungsschwankungen für Unternehmen teuer werden
17.05.2026

Der Eurokurs steht seit vielen Monaten unter Druck – und für Unternehmen kann das langsam zum Problem werden. Zwischen geopolitischen...

DWN
Panorama
Panorama Trügerische Sicherheit: Warum Ihr Lieblingspasswort eine Gefahr ist
16.05.2026

Die meisten Internetnutzer wiegen sich in Sicherheit, während sie Hackern die Tür sperrangelweit offen stehen lassen. Obwohl die...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Chinesischer Ökonom Zhang mit Hinweis an Europa: Chinas Erfolg wird falsch erklärt
16.05.2026

Chinas wirtschaftlicher Aufstieg gilt vielen als Beleg für die Stärke staatlicher Steuerung. Der Ökonom Prof. Weiying Zhang widerspricht...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Materialrückverfolgbarkeit in der Produktion: Wie Unternehmen MES-Software gezielt einsetzen
16.05.2026

Die Materialrückverfolgbarkeit entwickelt sich zunehmend zum entscheidenden Faktor für Qualität, Effizienz und regulatorische Sicherheit...

DWN
Politik
Politik Iran-Konflikt: 440 Kilo Uran und das iranische Atomprogramm verschärfen den Druck auf Teheran
16.05.2026

440 Kilogramm hoch angereichertes Uran sorgen weltweit für Sorge. Israel, die USA und der Iran ringen um Kontrolle, Sicherheit und...

DWN
Technologie
Technologie Anthropic entfacht den teuersten Machtkampf der KI-Branche
16.05.2026

Fast eine Billion Dollar Bewertung für einen KI-Konzern, der erst vor wenigen Jahren zum Herausforderer wurde. Anthropic will mit frischem...

DWN
Politik
Politik US-Verzicht auf Mittelstreckenwaffen in Deutschland: EU sucht Alternativen
16.05.2026

Der US-Marschflugkörper Tomahawk wird vorerst nicht in Deutschland stationiert. Die Verlegung von US-Mittelstreckenwaffen nach Deutschland...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft EIB-Vizepräsident erklärt neue Sicherheitsstrategie: Warum Europas Verteidigung zunehmend von Banken abhängt
16.05.2026

Die Europäische Investitionsbank öffnet sich zunehmend der Verteidigungsfinanzierung und rückt damit näher an Europas neue...