Panorama

Präsidentenmord in Haiti: Mutmaßlicher Auftraggeber festgenommen

Ein haitianischer Arzt aus Florida soll den Mord am Amtsinhaber in Auftrag gegeben haben. Er stand offenbar in engem Kontakt mit den tatverdächtigen Kolumbianern.
12.07.2021 17:14
Lesezeit: 2 min

Ein haitianischer Arzt aus Florida soll den Mord an Haitis Präsident Jovenel Moïse durch Söldner in Auftrag gegeben haben. Die haitianische Polizei verkündete die Festnahme des 63-Jährigen am Sonntag (Ortszeit). Dieser sei vor kurzem in einem Privatflugzeug nach Haiti gekommen, um die Präsidentschaft an sich zu reißen. Er habe die kolumbianischen Söldner über eine venezolanische private Sicherheitsfirma mit Sitz in den USA angeheuert. Nach Angaben von Kolumbiens Polizeichef Jorge Vargas vom Montag stellten auch Ermittler seines Landes Kommunikation zwischen dem Mann und zwei tatverdächtigen Kolumbianern fest.

In Zusammenarbeit mit Interpol hätten die Sicherheitskräfte des südamerikanischen Landes den Kauf von 19 Flugtickets von Kolumbien in die Dominikanische Republik mit einer Kreditkarte identifiziert, die einer Sicherheitsfirma in den USA gehöre, schrieb Vargas bei Twitter. Die Dominikanische Republik teilt sich die Insel Hispaniola mit Haiti. Haitis Interimspolizeichef Léon Charles sagte in einem Pressebriefing, der Arzt sei der Erste gewesen, den die tatverdächtigen Kolumbianer nach dem Attentat angerufen hätten.

Der Mann habe auch Kontakt mit zwei weiteren Hintermännern gehabt. In seiner Wohnung seien Beweise gefunden worden - darunter Munition, eine Mütze mit dem Logo der US-Antidrogenbehörde DEA und Nummernschilder aus der Dominikanischen Republik. Er ist der dritte US-Bewohner haitianischer Herkunft und der 21. Mann insgesamt, der als Tatverdächtiger nach dem Mordanschlag festgenommen worden ist. Auch die anderen beiden lebten Berichten zufolge im US-Bundesstaat Florida, der nur rund 1000 Kilometer von Haiti entfernt liegt.

Der 53 Jahre alte Staatschef Moïse war in der Nacht zum Mittwoch in seiner Residenz überfallen und erschossen worden. Nach Angaben der Polizei führten 26 Kolumbianer und zwei US-Amerikaner haitianischer Herkunft den Mord aus. Sie hätten sich als DEA-Agenten ausgegeben. Drei der Kolumbianer wurden demnach getötet, nach den übrigen fünf wurde noch gefahndet. Die Hintergründe der Tat blieben bisher unklar. Für Spekulationen sorgte unter anderem, dass die Wächter des Präsidenten anscheinend keinen Widerstand leisteten. Zu deren Rolle wurde laut Polizei ermittelt.

Interims-Premierminister Claude Joseph führt seit dem Mord die Regierung, obwohl Moïse noch am Montag den Neurochirurgen und Ex-Innenminister Ariel Henry zu dessen Nachfolger ernannt hatte. Henry sagte in einem Interview, aus seiner Sicht sei er der wahre Interims-Premierminister. Der Senat wählte seinen Präsidenten Joseph Lambert, der Henry unterstützt, am Freitag zum Interims-Staatschef.

Das Parlament ist jedoch seit Anfang 2020 nicht beschlussfähig, nachdem eine Wahl ausgefallen war und die Amtszeiten der meisten Abgeordneten abliefen. Der Vorsitzende des Obersten Gerichtshofs starb vor wenigen Wochen an den Folgen von Covid-19. Für den 26. September sind Präsidenten- und Parlamentswahlen geplant.

Die internationale Gemeinschaft hat Joseph, der auch Außenminister ist, bisher als Ansprechpartner anerkannt. Seine Regierung bat die Ex-Besatzungsmacht USA, Truppen zu schicken, um für Sicherheit zu sorgen und Infrastruktur zu schützen. Die Bitte werde geprüft, erklärte Pentagon-Sprecher John Kirby. Der Fokus liege derzeit aber darauf, bei den Ermittlungen zu helfen, sagte er dem Sender Fox News.

Dafür wurden hochrangige Beamte unter anderem der US-Bundespolizei FBI, des Heimatschutz- und des Außenministeriums nach Haiti geschickt. Der Nationale Sicherheitsrat des Weißen Hauses teilte am Montag mit, die Vertreter aus den USA seien mit der Nationalpolizei zusammengekommen. Die Delegation habe außerdem bei einer gemeinsamen Zusammenkunft Gespräche mit Joseph, Henry und Lambert geführt. Ziel sei eine politische Einigung, «die es dem Land ermöglichen soll, freie und faire Wahlen abzuhalten». Die Delegation habe die Unterstützung der USA «für das haitianische Volk in dieser schwierigen Zeit» bekräftigt.

Proteste gegen Moïse, der seit 2017 im Amt war, hatten Haiti zuletzt immer wieder lahmgelegt. Ihm wurden Korruption, Verbindungen zu brutalen Banden und autokratische Tendenzen vorgeworfen. Im Februar ernannten Oppositionsparteien einen Übergangspräsidenten, weil aus ihrer Sicht Moïses Amtszeit abgelaufen war. Zuletzt trieben blutige Kämpfe zwischen Banden um die Kontrolle über Teile der Hauptstadt mehr als 14 000 Menschen in die Flucht.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Technologie
Technologie KI und digitale Steuerberatung: Der Gamechanger für den deutschen Mittelstand

Die Digitalisierung verändert die deutsche Wirtschaft in rasantem Tempo. Während große Unternehmen bereits seit Jahren auf...

X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen US-Marktbericht: Rallye an der Wall Street endet, da Auseinandersetzungen zwischen den USA und dem Iran den Ölpreis in die Höhe treiben
03.06.2026

Lesen Sie, welche überraschenden Wendungen die Finanzmärkte in Atem halten und warum Anleger jetzt besonders wachsam sein müssen.

DWN
Politik
Politik Österreich und Portugal im UN-Sicherheitsrat, Deutschland nicht - eine historische Niederlage
03.06.2026

Niederlage in New York: Deutschland ist erstmals mit seiner Bewerbung um einen Sitz im mächtigsten UN-Gremium gescheitert. Stattdessen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Hat Deutschland die Lösung für Europas Stromnetz-Krise gefunden?
03.06.2026

Deutschland erlebt einen Solarboom auf Dächern, Balkonen und Parkplätzen. Während Dänemark unter einem überlasteten Stromnetz leidet,...

DWN
Politik
Politik Großbritanniens EU-Rückkehr: Realistische Option oder politischer Wunschtraum?
03.06.2026

Erst galt der Brexit als endgültig, nun spricht ein Labour-Schwergewicht offen von Großbritanniens EU-Rückkehr. Hinter der neuen...

DWN
Politik
Politik Investitionen in die Energiewende: EU-Kommission will mehr Schulden erlauben
03.06.2026

Die EU-Kommission schlägt vor, dass Mitgliedsstaaten für den Wandel zu sauberer Energie mehr Schulden machen dürfen, ohne Strafverfahren...

DWN
Finanzen
Finanzen Steigende Arbeitslosigkeit: Bundesagentur für Arbeit steuert auf Milliardendefizit zu
03.06.2026

Die schwierige wirtschaftliche Lage und der schwache Arbeitsmarkt in Deutschland haben erhebliche Auswirkungen auf den Haushalt der...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Ölpreis: China bremst, doch die nächste Preiswelle rollt an
03.06.2026

Chinas Ölimporte sind eingebrochen, doch Entwarnung am Ölmarkt wäre riskant. Die Straße von Hormus bleibt blockiert, Washington...

DWN
Politik
Politik Vor Wirtschaftsforum: Selenskyj lobt Drohnenangriff auf Sankt Petersburg
03.06.2026

Russische Behörden haben ukrainische Angriffe gemeldet: Ukrainische Drohnen trafen auch Energie- und Militäranlagen in St. Petersburg....