Wirtschaft

Gazprom hält zusätzliche Gaslieferungen nach Europa zurück

Gazprom will zum aktuellen Zeitpunkt kein zusätzliches Gas nach Europa versenden, obwohl es dringend gebraucht wird. Analysten sehen darin ein taktisches Verhalten, um die Fertigstellung von Nord Stream 2 voranzutreiben.
17.07.2021 10:59
Lesezeit: 1 min
Gazprom hält zusätzliche Gaslieferungen nach Europa zurück
Ein Schild mit der Aufschrift "Info Point Nord Stream 2 Committed Reliable Safe" hängt im Gewerbegebiet Lubmin über einer aufgemalten Landkarte an der Baustelle für die Erdgasempfangsstation. (Foto: dpa) Foto: Stefan Sauer

Steigende Rohstoffpreise haben die Wirtschaftsaussichten rohstoffreicher Länder gestärkt. Russland nutzt dies in starkem Maße, mit besonderem Fokus auf Erdöl und Erdgas. Als Europas wichtigster Gaslieferant ist Gazprom gut aufgestellt, um hohe Dividenden zu erzielen. Die negative Reaktion des staatlich kontrollierten Energieriesen auf den Versand zusätzlicher Mengen nach Europa könnte jedoch ein Zeichen dafür sein, dass sich die Strategie des Unternehmens geändert hat.

Im Jahr 2020 gingen die Exporte von Gazprom von 199 Milliarden Kubikmeter im Jahr 2019 auf 170 Milliarden Kubikmeter zurück. Der Großteil dieses Gases fließt durch Pipelines aus der Sowjetzeit von Russland nach Weißrussland und in die Ukraine. 2011 wurde mit der Fertigstellung von Nord Stream 1 eine weitere Kapazität von 55 Milliarden Kubikmeter hinzugefügt und wird sich auf 110 Milliarden Kubikmeter verdoppeln.

Der „Neustart“ der europäischen Wirtschaft hat die Nachfrage nach Rohstoffen erhöht und zu deutlich höheren Preisen geführt. Obwohl die LNG-Importe im Laufe der Jahre zugenommen haben, wird der Großteil des Erdgases immer noch über Pipelines transportiert. Von den Exporteuren ist Russland aufgrund seiner beträchtlichen Energieindustrie und seiner Überkapazitäten mit Abstand das größte und einflussreichste Land. Obwohl die Preise günstig sind, scheint Gazprom es nicht eilig zu haben, zusätzliche Mengen nach Europa zu versenden.

Nach einer außergewöhnlich kalten Heizperiode müssen die europäischen Energiespeicher wieder aufgefüllt werden, was die Nachfrage zur Vorbereitung auf den kommenden Winter weiter ankurbelt. Außerdem erleben einige Teile Europas einen ungewöhnlich warmen Sommer, der zu einem höheren Strombedarf für den Betrieb von Klimaanlagen führt. Unter normalen Umständen würden Kohlekraftwerke die Lücke füllen, aber der CO2-Preis im europäischen Emissionshandel hat sich seit November auf 52 Euro verdoppelt, so der englischsprachige Dienst von Reuters. In der Vergangenheit hätte Gazprom die Exporte schnell hochgefahren, um zusätzlichen Bedarf zu decken, mit dem ultimativen Ziel, den Marktanteil zu erhöhen. Allerdings hat sich das russische Unternehmen davor zurückgehalten, zusätzliche Transitkapazitäten durch das ukrainische Pipelinesystem zu „buchen“.

Nick Campbell , Direktor des Beratungsunternehmens Inspired Energy, teilte dem englischsprachigen Dienst von Reuters mit: „Gazprom hat in diesem Sommer noch keine Kapazitäten bei den monatlichen Auktionen (der Ukraine) erworben. Daher könnte man dies als eine Strategie sehen, um Nord Stream 2 bis zur Fertigstellung voranzutreiben.“

Mit diesem Argument liegt Campbell offenbar nicht ganz falsch. Die Exportleiterin von Gazprom, Elena Burmistrowa, räumte im Mai 2021 ein, dass Kunden um zusätzliche Liefermengen gebeten hätten. Sie sagte, die Gazprom „könnte mit der Inbetriebnahme von Nord Stream 2 den zusätzlichen Bedarf decken.“

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Technologie
Technologie Verbessern Sie die Lieferketten-Transparenz

Identifizieren, scannen und übermitteln von eindeutigen Komponentendaten

DWN
Unternehmen
Unternehmen Man sieht sich immer zweimal im Leben: Souveräner Umgang mit Kündigungen 
03.03.2026

Ob Unzufriedenheit mit dem Chef, eine neue Jobchance oder persönliche Veränderungen: Die Gründe für eine Kündigung des...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Jobrad-Stellenabbau fällt moderater aus: 107 Jobs fallen bis Jahresende weg – was heißt das für Wettbewerber
03.03.2026

Weniger Kündigungen als befürchtet, ein neuer CEO ab 1. Februar und ein Strategiewechsel im Sponsoring: Der Jobrad-Stellenabbau fällt...

DWN
Panorama
Panorama Spritpreise steigen weiter: Diesel überholt E10
03.03.2026

Der Krieg im Nahen Osten treibt Rohölpreise und damit auch Kosten für Tanken und Heizen in die Höhe. Am Dienstag setzte sich der Anstieg...

DWN
Finanzen
Finanzen Allianz-Aktie: Rekordergebnis reicht Anlegern nicht – Allianz-Aktienkurs steht vor kritischen Marken
03.03.2026

Die Allianz-Aktie rutscht am Dienstag deutlich ins Minus – trotz starker Zahlen und eines neuen Allianz-Rekordergebnisses. Was bedeutet...

DWN
Politik
Politik Ressourcenimperialismus im 21. Jahrhundert: USA gegen Europa
03.03.2026

Der Wettlauf um seltene Erden, Öl und digitale Vorherrschaft bestimmt längst globale Machtspiele. Wer strategische Ressourcen...

DWN
Finanzen
Finanzen Schaeffler-Aktie: Kursrückgang nach Robotik-Hype belastet Anleger
03.03.2026

Die Schaeffler-Aktie verliert nach Rekordgewinnen kräftig an Wert. Vor allem das traditionelle Antriebsgeschäft bremst das Wachstum.

DWN
Finanzen
Finanzen Beiersdorf-Aktie: Trüber Ausblick drückt Kurs massiv
03.03.2026

Die Beiersdorf-Aktie verliert deutlich, weil das Wachstum ausbleibt. Analysten und Anleger reagieren auf den konservativen Ausblick nervös.

DWN
Technologie
Technologie Echoortung im Mobilfunk: Vodafone testet Fledermaus-Fähigkeiten
03.03.2026

Das Mobilfunknetz soll künftig nicht nur Daten übertragen, sondern Menschen und Objekte erkennen. Vodafone testet bereits eine...