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Flutkatastrophe: Mehr als 100 Tote, mehr als 1000 Vermisste

Lesezeit: 4 min
16.07.2021 17:50  Aktualisiert: 16.07.2021 17:50
Bei der Flutkatastrophe nach den schweren Unwettern im Westen Deutschlands sind etliche Häuser eingestürzt, zahlreiche Straßen und Brücken zerstört. Die Lage bleibt angespannt.
Flutkatastrophe: Mehr als 100 Tote, mehr als 1000 Vermisste
Am Freitag im Erftstadter Ortsteil Blessem in NRW. (Foto: dpa)
Foto: Marius Becker

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Die Zahl der Opfer bei der Hochwasserkatastrophe im Westen Deutschlands steigt weiter an. Bis Freitagnachmittag wurden 106 Tote gezählt - in Rheinland-Pfalz kamen nach offiziellen Angaben mindestens 63 Menschen ums Leben, in Nordrhein-Westfalen waren es mindestens 43. In beiden Bundesländern wurden zudem noch viele Menschen vermisst, ihre genaue Zahl war unklar. Rund 900 Soldatinnen und Soldaten helfen derzeit bei der Bewältigung der Katastrophe. Die Rettung von Menschenleben stehe dabei im Vordergrund, die Bundeswehr unterstütze aber auch mit "helfenden Händen" und Material, teilte die Streitkräftebasis am Freitag in Bonn mit.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sprach von einer Tragödie. "Das macht mich fassungslos", sagte er am Freitag in Berlin. In Gedanken sei er bei den Hinterbliebenen der Opfer. "Ihr Schicksal trifft mich ins Herz." Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) erwägt einen baldigen Besuch im Katastrophengebiet in Rheinland-Pfalz. Sie ist mit der Landesregierung über einen baldigen Besuch im Katastrophengebiet im Gespräch, wie der Sprecher der Bundesregierung, Steffen Seibert, am Freitag mitteilte.

Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) spricht von einer "Flut-Katastrophe von historischem Ausmaß". Es stehe zu befürchten, dass die Opferzahlen weiter steigen werden. Seine Amtskollegin aus Rheinland-Pfalz, Malu Dreyer (SPD), nannte die Lage "weiterhin extrem angespannt in unserem Bundesland". Sie fügte in Trier hinzu: "Das Leid nimmt auch gar kein Ende."

In Erftstadt-Blessem südwestlich von Köln führten gewaltige Erdrutsche am Freitag zu einer dramatischen Lage. Es bildeten sich Krater im Erdreich. Nach jüngstem Stand stürzten drei Wohnhäuser und ein Teil der historischen Burg ein. Der Verwaltung des betroffenen Rhein-Erft-Kreises ist bislang ein Todesopfer aus Erftstadt bekannt, berichtete eine Sprecherin am Nachmittag. Es sei aber zu befürchten, dass es noch weitere Opfer gebe. Der zuständige Landrat, Frank Rock, sagte im Fernsehsender ntv, 50 Menschen seien mit Booten gerettet worden. Die Flut sei sehr schnell gekommen. Senken hätten binnen zehn Minuten unter Wasser gestanden. Es habe kaum Zeit gegeben, die Menschen zu warnen.

In den Überschwemmungsgebieten gingen die Bergungs- und Aufräumarbeiten am Freitag weiter. Zugleich deutete sich bei sinkenden Pegelständen an einigen Orten etwas Entspannung an. Das Verteidigungsministerium löste wegen der Notlage einen militärischen Katastrophenalarm aus. Damit könnten Entscheidungen von den Verantwortlichen am Ort schneller getroffen werden, erläuterte ein Sprecher. Eingesetzt werden derzeit etwa Hubschrauber, Räumpanzer, Krankenwagen, Boote, Truppentransport-Panzer und eine Fähre. Auch aus anderen Bundesländern kamen am Freitag Einsatzkräfte zur Unterstützung.

Rheinland-Pfalz stellte als kurzfristige Unterstützung 50 Millionen Euro bereit, um etwa Schäden an Straßen, Brücken und anderen Bauwerken zu beheben. Ministerpräsidentin Dreyer sagte im ZDF, für den Aufbau der betroffenen Landstriche sei auch die Hilfe des Bundes nötig. Die Bundesregierung will nach Auskunft des Finanzministeriums nächste Woche über Aufbauhilfen für Bürger und Kommunen entscheiden.

Laschet kündigte ein mehrstufiges Hilfsprogramm für die Opfer der Unwetterkatastrophe in NRW an. "Wir werden große finanzielle Kraftanstrengungen brauchen", sagte der Ministerpräsident und Unions-Kanzlerkandidat nach der Sondersitzung des Kabinetts. Die bisher für Soforthilfen bei Starkregen-Ereignissen zur Verfügung stehenden Mittel würden "bei weitem nicht ausreichen". Gespräche über eine Beteiligung des Bundes liefen bereits. Die Bundeskanzlerin habe ihn angerufen und Hilfe zugesagt, ebenso Finanzminister Olaf Scholz (SPD). Das sei ein wichtiges Signal, sagte Laschet. Neben Hilfen für Härtefälle bei Privatleuten und Unternehmen seien Strukturhilfen für beschädigte Straßen und Anlagen nötig.

In Nordrhein-Westfalen sind nach Angaben des Bundesamtes für Bevölkerung und Katastrophenschutz (BBK) in Bonn 23 Städte und Landkreise von Überschwemmungen betroffen. In Rheinland-Pfalz ist der Kreis Ahrweiler Schwerpunkt der Katastrophe, mindestens 362 Menschen wurden hier verletzt, wie die Polizei in Koblenz am Freitag mitteilte. Allein im Örtchen Schuld an der Ahr mit 700 Einwohnern wurden mehrere Häuser von den Wassermassen mitgerissen und zahlreiche weitere Gebäude teils schwer beschädigt. Erhebliche Schäden gab es auch in weiteren Regionen der Eifel sowie im Landkreis Trier-Saarburg.

Angesichts der enormen Schäden hat die Landesregierung in Rheinland-Pfalz ein Spendenkonto für Betroffene eingerichtet. Der Chemiekonzern BASF spendet eine Million Euro zur Hilfe in den betroffenen Hochwasser-Regionen, die katholischen Erzbistümer Paderborn und Köln kündigten an, jeweils 100 000 Euro für Hochwasseropfer zu spenden. Nach einem Aufruf der Stadt Bonn, Menschen aus Hochwassergebieten eine Unterkunft anzubieten, gingen Hilfsangebote für mehr als 1000 Betroffene ein.

Auch in Baden-Württemberg machten Unwetter und Hochwasser den Menschen zu schaffen. In einigen Regionen wurden erneut Straßen gesperrt, im Allgäu stand ein Wohngebiet unter Wasser. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) warnte vor Starkregen und Gewittern etwa in Oberschwaben. Vor allem in kleineren Gewässern könne der Wasserstand schnell ansteigen.

Das Landesamt für Umwelt Rheinland-Pfalz meldete in seinem Frühwarnsystem bis Samstagmorgen zwar für fast das ganze Bundesland eine geringe Hochwassergefährdung. In der Region rund um Altenahr sowie in Teilen der Eifel seien aber noch immer vereinzelte Überflutungen möglich. In Nordrhein-Westfalen wird mit fallenden Wasserständen gerechnet, dies werde aber teils nur langsam geschehen. Die Pegelstände bewegten sich oft noch oberhalb der Warnschwellen, etwa an Erft, Ruhr, Rur, Sieg und Weser, so das Landesumweltamt.

Am Oberrhein wird das anhaltend starke Hochwasser die Schiffe nach Einschätzung des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamts (WSA) in Freiburg noch mehrere Tage lang ausbremsen. "Nach derzeitiger Lage ist mit einer Freigabe für die Schifffahrt erst ab Anfang nächster Woche zu rechnen", teilte die Behörde am Freitag mit. Sie betreut die Wasserstraße zwischen Weil am Rhein an der Grenze zur Schweiz und dem Bereich zwischen Mainz und Ginsheim (Hessen). Der Zugverkehr in NRW und Rheinland-Pfalz ist noch immer stark beeinträchtigt. Zahlreiche Strecken sind nach Angaben der Deutschen Bahn komplett gesperrt oder nur eingeschränkt befahrbar.

Mit Hochwasser haben auch Nachbarländer Deutschlands zu kämpfen. In Belgien kamen durch das Unwetter 14 Menschen ums Leben, wie die Nachrichtenagentur Belga berichtete. Mehr als 20 000 Menschen hatten zeitweise keinen Strom. In der Schweiz stiegen Flusspegel nach starken Regenfällen stark an. Im Kanton Schaffhausen überschwemmten laut Nachrichtenagentur Keystone-sda angeschwollene Bäche die Dörfer Schleitheim und Beggingen. Wassermassen flossen durch Straßen, in Keller, rissen Fahrzeuge mit und zerstörten kleinere Brücken. In den Niederlanden rissen Fluten ein Loch in den Deich eines Kanals bei Maastricht, zahlreiche Menschen mussten ihre Häuser verlassen.


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