Politik

Gegen Machotum und Feminismus: Wir brauchen eine "Landkarte des Zarten" für die Erotik des 21. Jahrhunderts

Lesezeit: 6 min
31.07.2021 12:41  Aktualisiert: 31.07.2021 12:41
DWN-Kolumnist Ronald Barazon befasst sich heute mit einem zeitlosen und gleichzeitig höchst aktuellen gesellschaftspolitischen Thema.
Gegen Machotum und Feminismus: Wir brauchen eine
Die Welt braucht weder Machos noch Feministinnen: DWN-Kolumnist Ronald Barazon wünscht sich eine "Landkarte des Zarten" für die Erotik des 21. Jahrhunderts. (Foto: dpa)

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Feminismus, Emanzipation und „Me-too“ beseitigen die Spannungen zwischen Mann und Frau offenkundig nicht. Auf die Frage, ob der Gegensatz der Geschlechter überhaupt auflösbar ist, gibt es keine befriedigende Antwort. Also empfiehlt sich ein weniger grundsätzlicher, eher pragmatischer Zugang - und dieser führt in erster Linie über die Sprache: Es ist für die tatsächlichen - oder vermeintlichen - Konflikte zwischen Mann und Frau einfach nicht hilfreich, wenn zahlreiche Mehrzahlwörter männlich sind und somit der Tatsache nicht Rechnung tragen, dass die Menschheit aus zwei Geschlechtern besteht. Es bedarf also einer Sprachreform, die Mehrzahlwörter schafft, die alle Menschen meint. Mit diesem Schritt werden nicht alle Probleme gelöst, doch der Weg geebnet, um auch die anderen wichtigen Aspekte, die Mann und Frau trennen, entspannter zu betrachten.

Bürgeranen, Lehreranen, Expertanen statt Bürgern, Lehrern und Experten

Statt also „die Bürger“ zu sagen und zu schreiben und ergänzend zu bemerken, dass mit dem Wort alle Bürger und Bürgerinnen gemeint sind, würde sich der alle relevante Personen einschließende Begriff „Bürgeranen“ empfehlen. Ebenso die „Lehreranen“, die „Direktoranen“, die „Expertanen“ und so weiter. Man wäre endlich von dem qualvollen „I“ in „ExpertInnen“ oder „TischlerInnen“ befreit. Das „I“ ist zudem nur in der Schrift erkennbar; gesprochen ersetzt „Innen“ die Dominanz der männlichen durch die Dominanz der weiblichen Form und bedeutet somit wieder eine Diskriminierung, nur diesmal zu Lasten der Männer. Jetzt sind die Sprachreformer gefordert, eine gesellschaftliche Aufgabe zu erfüllen. Der Eifer, mit dem sie über das einfache, das doppelte oder gar das dreifache „s“ diskutieren (ein Thema, das nun wirklich nebensächlich ist), sollten sie der Lösung eines tatsächlichen Sprachproblems widmen. Vielleicht überzeugt mein Vorschlag sie ja.

Nicht nur die deutschen Sprachwissenschaftleranen müssen sich dem Problem stellen. Im Englischen lautet das Wort für Menschheit gar „mankind“, im Französischen steht „les hommes“ gleichermaßen für „Männer“ wie für „Menschen“, und ähnliches ist auch in vielen anderen Sprachen anzutreffen. Käme man zu einer umfassenden Bezeichnung für alle Menschen, kämen die populären Schlachtrufe „die Männer sind so“ oder „die Frauen sind so“, den Fundamentalisten nicht mehr so leicht über die Lippen. Und es würde deutlicher, dass keines der beiden Geschlechter dem anderen überlegen ist, dass in beiden Kluge und Dumme, Kreative und Einfallslose, Einfühlsame und Herzlose anzutreffen sind. Dass eben nur ein kleiner Unterschied besteht - den man allerdings, so viel steht fest, zwar nicht überschätzen, aber auch nicht leugnen sollte.

Die Klischees werden zu Schlachtrufen, die das Frau-Mann-Verhältnis belasten

Die oben genannten Schlachtrufe sind die Wurzel des Übels. Das Männer-Bild, das die meisten Feministinnen zeichnen, ist rasch skizziert: Rücksichtslos, unsensibel, gierig nach Sex; Frauen werden verachtet und als Instrument zur Befriedigung der sexuellen Gelüste gesehen, sind aber ansonsten zu nichts geeignet. Die Reaktion vieler Männer besteht in einer verzweifelten Korrektur dieses Bildes, die bis zur Selbstverleugnung geht. Diese Männer geben sich besonders sensibel und feminin; sie putzen, stricken, backen, dass es nur so eine Freude ist. Man sollte also meinen, dass die kritischen Frauen diese Art von Männern bevorzugt zum Partner wählen. Doch weit gefehlt! Viele der „Softies“ werden als Weichlinge und Muttersöhnchen verachtet, der Ruf nach einem „richtigen“ Mann ertönt. Darüber hinaus ist das Phänomen zu beobachten, dass der Konsum vieler Männer eine beliebte Form der Demonstration der Stärke einer Frau darstellt. Wer soll das noch verstehen: Die Verwirrung ist perfekt!

Das traditionelle Frauen-Bild, das die „Machos“ zeichnen, verweist die Frau an Heim und Herd. Der Haushalt und die Kinder stehen im Zentrum: Putzen, kochen, sich um die Kinder kümmern. Für das Haushaltsgeld und alle sonstigen Rechnungen sorgt natürlich ihr Mann. Darüber hinaus hat die Frau repräsentativ zu glänzen. Und hat als Angehörige des „schwachen Geschlechts“ stets den Vortritt, wird vom Mann in den Mantel geholfen und bei Gefahr beschützt. Nur, zum Leidwesen dieser „Machos“, hat dieses Traumbild in der Realität keinen Platz. In der Regel müssen sich beide ordentlich ins Zeug legen, damit der gewünschte Lebensstandard zu finanzieren ist. Von einer klaren Rollenverteilung in „Ernährer“ und „Beschützer“ einerseits und Mutter und Hausfrau anderseits ist in unserer modernen Rollenverteilung schon lange nicht mehr die Rede, eher von einer Interessengemeinschaft. Tatsache ist: Heute begegnen sich die beiden Partner auf Augenhöhe. Doch der männliche Traum von der Rolle als Patriarch, der über seine Schutzbefohlenen herrscht, bleibt bestehen – es ist ja auch so angenehm, Pascha zu sein und zu herrschen.

Frau und Mann brauchen neue Identitäten: Operiert wird mit Quoten und neuen Diskriminierungen

In diesem Chaos findet sich niemand mehr zurecht, zumal die beiden geschilderten Klischees noch zahlreiche Varianten aufweisen - von der Frau, die tatsächlich gerne am Herd steht, bis hin zu Männern wie Frauen, die das andere Geschlecht ablehnen und in die Homosexualität flüchten oder auch feststellen, dass sie tatsächlich gleichgeschlechtliche Neigungen haben. Die Liste der Verunsicherungen ist schier unendlich. Statt sich um neue Identitäten zu bemühen, die ein erfreuliches Zusammenleben in unserem zunehmend komplexer und schwieriger werdenden gesellschaftlichen Umfeld ermöglichen, wird mit Parolen agiert. So kommt es zu grotesken Phänomenen wie die oft geforderte und sogar schon angewendete (beispielsweise in Norwegen) Quoten-Regelung. Diese Einrichtung bewirkt vielfach, dass eine Frau für eine Spitzenposition engagiert wird, weil sich der Arbeitgeber modern und offen darstellen möchte, und dafür einen besser qualifizierten Mann ablehnt. Jetzt kehrt sich die Benachteiligung um: Früher zögerten Unternehmen, einer Frau eine Führungsrolle zu geben, auch wenn sie besser geeignet war als ihre männlichen Mitbewerber. Dabei ist die Lösung des Problems doch ganz einfach, ja, im Grunde gibt es überhaupt kein Problem: Wenn endlich Frauen und Männer gleichgestellt, gleich behandelt, gleich bewertet, gleich bezahlt werden, dann wird sich nur mehr die Frage stellen, wer eine Aufgabe am besten bewältigen kann, egal ob es sich um eine Frau oder einen Mann handelt.

Die Sexualität ist ein schwieriges, sensibles Gebiet, das nicht einfach zu erschließen ist

Das Kernproblem der Beziehung zwischen Mann und Frau ist jedoch mit all den üblicherweise vorgebrachten – und daher überstrapazierten – Argumenten nicht zu lösen: Entscheidend ist vielmehr die Sexualität. Nach Jahrzehnten der Aufklärung, trotz des Wirkens vieler Sexualberater, und obwohl die Pornographie einen ungeahnten Siegeszug durch das Internet verzeichnet, bewegt sich das Niveau des Sexuallebens der meisten Menschen nur knapp über der Ebene der Legende vom Storch, der die Kinder bringt. Immer noch macht sich die über Jahrhunderte von den Religionen betriebene Diskriminierung des Geschlechtslebens bemerkbar. Dazu kommt, dass junge Menschen in ihrer Verliebtheit meinen, dass sich der Sex von allein, sozusagen als Nebenprodukt ihrer Zuneigung von selbst ergibt. Dass Sexualität ein schwieriges, vielschichtiges, sensibles Gebiet ist, ahnen die meisten, gelangen aber über diese Ahnung nie hinaus.

Somit erfolgt die sexuelle Begegnung irgendwie, getrieben von der Lust der zwei Einzelnen, die zu oft nicht wissen, wie sie einander die erhoffte Freude schenken können. Die Folge ist in unendlich vielen Fällen eine Enttäuschung auf beiden Seiten, die in Vorwürfen und letztlich in Ablehnung, nicht selten sogar in Hass mündet. Aus dem vielfach gegebenen Unvermögen, die sexuelle Begegnung zu einem beglückenden Ereignis zu machen, entstehen zahllose gesellschaftliche Probleme. Dazu zählen in erster Linie die Unterdrückung der Frauen (durch „Macho“- Männer) und die Bekämpfung der Männer (durch übertrieben feministische Frauen), zwei Bewegungen, die aus der Frustration verständlich sind, aber naturgemäß beiden Seiten nicht die vermisste Freude verschaffen. Darüber hinaus sind die vielen Ersatzhandlungen anzusprechen. Der Konsum von Zigaretten, die Flucht von Alkohol und von illegalen Rauschmitteln sowie der übertriebene Arbeitseifer der sogenannten Workaholics sind in vielen Fällen die Konsequenz eines missglückten Sexuallebens.

Wer zeichnet die „Carte du Tendre“ des 21. Jahrhunderts?

Das Gender-Problem verdeckt folglich nur die zentrale Herausforderung an jede und jeden Einzelnen: Es geht um die Entwicklung und Definition der eigenen Persönlichkeit, um die Vertiefung in die Geheimnisse der eigenen Sexualität und die des Gegenübers, um die Erschließung der erotischen Landschaft. Im 17. Jahrhundert haben Catherine de Rambouillet und Madame de Scudéry, zwei gebildete Damen, die „Carte du Tendre“, die „Landkarte des Zarten“ entworfen. Es ist an der Zeit, die entsprechende Karte für die Erotik des 21. Jahrhunderts zu skizzieren.

Eine Reform der Sprache und die Etablierung eines allgemein anerkannten Ausdrucks für die Mehrheit aller sogenannten „TischlerInnen“, „DirektorInnen“, „LehrerInnen“ und „KindergärtnerInnen“ dürfte nicht auf große Probleme stoßen. Auch sollten feinfühlige KünstlerInnen, die sich schon Künstleranen nennen mögen, in der Lage sein, die neue „Carte du Tendre“ zu zeichnen.

Auch der Staat ist gefordert: Ganztagsangebote für Kinder wären praktisch und hilfreich

Schon schwieriger wäre die Umsetzung von arbeitsrechtlichen und sonstigen Reformen, die erforderlich wären, um die Dimension der Gender-Problematik zu verringern. Tatsache ist, dass die Karenz der Mütter nach der Geburt für die Firmen eine Belastung darstellt und daher vielfach junge Frauen nicht so gern eingestellt werden, weil man den Ausfall in der Zeit der Mutterschaft vermeiden will. Für die Frauen sorgt die Karenz für einen Bruch in der Karriere, die viele von ihnen nicht aufgeben möchten. So kommen viele Schwangerschaften gar nicht oder erst mit 35 oder später zustande, wenn sich die Frauen schon sicherer im Beruf fühlen. Die bisher nur mangelhaft entwickelte Elternkarenz, die alternativ oder kombiniert eine Karenz der Mutter und des Vaters vorsieht, würde dieses Problem entschärfen.

Eine praktische Regelung wird wohl bei den Arbeitnehmern und den Beamten leichter umsetzbar sein als bei den Selbstständigen. Ohne Zweifel werden Ehepartner und sonstige Partner, die sich in einer aufrechten Beziehung befinden, mit der Aufgabe leichter fertig werden als alleinstehende Mütter, die keine Beziehung zum Vater des Kindes haben. Deutschland hat eine extrem schwach ausgebildete Regelung, die meisten Nachbarländer haben schon besser entwickelte Bedingungen vorzuweisen. Hilfreich wäre eine EU-weite Regelung oder gar ein internationaler Kodex, da die Elternkarenz stark in das Unternehmensgeschehen eingreift und somit einen nicht zu unterschätzenden Wettbewerbsfaktor darstellt.

Der Staat ist gefordert, die arbeitsrechtlichen Rahmenbedingungen zu schaffen. Notwendig ist auch eine entsprechende Infrastruktur, die mit Kleinkinder-Krippen, Kindergärten mit Öffnungszeiten, die den Arbeitszeiten der Eltern entsprechen, und Ganztagsschulen die Vereinbarkeit von Kindern und Beruf ermöglichen.

Der Staat, der schon jetzt ein Auffangnetz bereithalten muss, um ausbleibende Alimente vorzustrecken, wird noch stärker gefordert sein, wenn eine Teilkarenz behördlich durchgesetzt werden müsste. In diesem Bereich funktionieren allerdings schon jetzt die Wegweisungen aggressiver und brutaler Väter nicht. Man muss leider zur Kenntnis nehmen, dass die Sozialpolitik immer wieder an Grenzen stößt. Für die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung wäre die Elternkarenz in Kombination mit der entsprechenden Infrastruktur allerdings ein entscheidender Beitrag, der das Leben von Männern und Frauen erleichtern würde.

Der Kampf der Geschlechter: Ein nicht änderbares, archetypisches Verhalten?

Man kann leider nicht erwarten, dass eine Verbesserung beziehungsweise Präzisierung der Sprache, die Einrichtung einer Väterkarenz sowie die Schaffung von Ganztagslösungen für Kinder das ewige Mann-Frau-Problem vollständig aus der Welt schaffen. Man kann aber hoffen, dass die Spannungen zwischen Mann und Frau zumindest teilweise gelöst werden und dass im Interesse eines zeitgemäßen Zusammenlebens auf Augenhöhe sich für beide eine neue Identität und eine neue Harmonie entwickelt. Oder ist der Kampf der Geschlechter ein archetypisches, seit Urzeiten geprägtes, nicht korrigierbares Verhalten?

                                                                            ***

Ronald Barazon war viele Jahre Chefredakteur der Salzburger Nachrichten. Er ist einer der angesehensten Wirtschaftsjournalisten in Europa und heute Chefredakteur der Zeitschrift „Der Volkswirt“ sowie Moderator beim ORF.


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