Politik

Taliban erobern strategisch wichtige Stadt, dringen weiter in Richtung Kabul vor

Die Taliban haben die strategische wichtige Stadt Gasni erobert. Sie liegt von mittlerweile zehn eroberten Provinzhauptstädten der Hauptstadt Kabul am nächsten.
12.08.2021 15:34
Lesezeit: 3 min
Taliban erobern strategisch wichtige Stadt, dringen weiter in Richtung Kabul vor
Bereits am Dienstag hatten die Taliban die Provinzhauptstadt Farah eingenommen. (Foto: dpa) Foto: Mohammad Asif Khan

Die Taliban kommen mit ihrem Eroberungszug der afghanischen Hauptstadt Kabul gefährlich nahe: Am Donnerstag nahmen sie die nur 150 Kilometer entfernte Provinzhauptstadt Gasni im Südosten des Landes ein. Das bestätigten drei Provinzräte der Deutschen Presse-Agentur. Damit haben die militanten Islamisten die mittlerweile zehnte Provinzhauptstadt in weniger als einer Woche unter ihre Kontrolle gebracht.

Die Stadt Gasni hat etwa 180 000 Einwohner. Sie liegt an der wichtigen Ringstraße, die die größten Städte des Landes verbindet. Aufgrund ihrer Nähe zu Kabul hatten die Taliban bereits öfter versucht, diese einzunehmen. Seit etwa Mitte Juli hielten sie bereits zwei Polizeibezirke der Stadt. Im Sommer 2018 hatten mehr als 1000 Taliban-Kämpfer bei einem Großangriff auf die Stadt mehr als 100 Polizisten und Soldaten und rund 20 Zivilisten getötet.

Zwei Provinzräte machten dem Gouverneur der gleichnamigen Provinz Vorwürfe. Er habe ein geheimes Abkommen mit den Taliban geschlossen und so die Stadt praktisch an die Islamisten ausgeliefert. Der Gouverneur habe Gasni-Stadt in Richtung Kabul verlassen, hieß es am Morgen. Wenig später teilte das Innenministerium mit, der Gouverneur und mehrere seiner Mitarbeiter seien in der Provinz Wardak, die zwischen Gasni und Kabul liegt, festgenommen worden.

Die Taliban seien überall in der Stadt, sagten die Provinzräte. Sie hätten das Gefängnis übernommen, den Sitz des Gouverneurs und das Polizeihauptquartier. Die Islamisten hätten kurz vor Mitternacht mit ihrem Angriff auf die Stadt begonnen und nach fünf Uhr morgens zwei Polizeibezirke überrannt. Daraufhin seien die Sicherheitskräfte auf einen Hügel rund 15 Kilometer von der Stadt entfernt geflohen.

Seit dem frühen Nachmittag sei es in der Stadt ruhig, sagte ein Provinzrat weiter. Die Taliban hätten den Bewohnern gesagt, sie würden sich um ihre Sicherheit sorgen. Es seien kaum Menschen auf den Straßen und die allermeisten Geschäfte seien weiter geschlossen.

Mit der Stadt Gasni sind in weniger als einer Woche zehn der 34 Provinzhauptstädte an die Islamisten gefallen. Der überwiegende Teil davon liegt im Norden des Landes. Gasni liegt von all den gefallenen Städten Kabul am nächsten.

Auch in anderen Landesteilen konnten die Taliban Fortschritte erzielen. In der bereits gefallenen Provinzhauptstadt Schiberghan im Norden nahmen sie den Flughafen ein. Yar Mohammad Chan, der Sohn des Ex-Warlords Abdul Raschid Dostum, der sich mit seinen Milizen und weiteren Sicherheitskräften dorthin zurückgezogen hatte, sei mit einem Flieger nach Masar-i-Scharif gebracht worden, sagten zwei Provinzräte. Was mit den anderen Soldaten und Polizisten geschah, war zunächst unklar. Mit dem Fall des Flughafens gebe es kein Gebiet in der gesamten Provinz Dschausdschan mehr, das die Regierung halte.

Provinzräte in der wichtigen Stadt Kandahar bestätigten, dass die Taliban das Gefängnis der Stadt erobert haben. Die Islamisten griffen zudem in der Nacht zu Donnerstag erneut die Provinzhauptstadt Kala-e Nau im Nordwesten sowie ein Gebiet etwas außerhalb von Masar-i-Scharif im Norden an.

Außenminister Heiko Maas (SPD) warnte die Taliban davor, ein Kalifat in dem umkämpften Land zu errichten. Dann werde es «keinen Cent» an deutscher Entwicklungshilfe mehr geben, die derzeit bei rund 430 Millionen Euro pro Jahr liege, sagte Maas am Donnerstag im ZDF-«Morgenmagazin». «Das wissen auch die Taliban.» Er rechne damit, dass sich die Islamisten an der Regierung in Afghanistan beteiligen und sie dominieren wollen. Es sei dann entscheidend, wie die künftige Verfassung des Landes aussehen werde und welche Rechte es für die Menschen geben werde.

Das Auswärtige Amt forderte am Donnerstag deutsche Bürger zur zügigen Ausreise aus Afghanistan auf. Vor dem Hintergrund der deutlich verschlechterten Sicherheitslage im gesamten Staatsgebiet, inklusive der Hauptstadt Kabul, rate die Botschaft in Kabul allen deutschen Staatsangehörigen dringend zur schnellstmöglichen Ausreise per Linienflug, hieß es in der Nachricht.

Die Botschaft wies ausdrücklich darauf hin, dass sie aufgrund ihrer eingeschränkten Arbeitsmöglichkeiten und begrenzten Kapazitäten keine Garantie dafür geben könne, dass auch bei einer weiteren Verschärfung der Sicherheitslage, die möglicherweise auch die Einstellung des kommerziellen Flugverkehrs nach sich ziehen könnte, die konsularische Betreuung gewährleistet werden könne.

Auch die USA, Großbritannien und andere Länder haben ihre Bürger in den vergangenen Wochen zur schnellstmöglichen Ausreise aufgerufen. Frankreich oder Indien haben bereits Rückkehrflüge durchgeführt. Dänemark erklärte am Donnerstag, es wolle seine lokal ansässigen Mitarbeiter, die für die Botschaft und das Militär tätig sind und waren, außer Landes holen.

Die Caritas warnte am Donnerstag vor einer Zuspitzung der humanitären Situation in Afghanistans angesichts der Lage. Es kämen verstärkt Binnenflüchtlinge aus den eroberten Gebieten nach Kabul, die dort teilweise unter freiem Himmel in den Parks der Stadt übernachteten. Die Organisation forderte, die humanitäre Hilfe trotz aller Risiken durch die aktuelle Entwicklung zu verstärken.

Mehr zum Thema:

Nach US-Rückzug aus Afghanistan: Putin ist der neue starke Mann in der Region - und kommt Biden mit großzügiger Geste entgegen

Russland verstärkt zentralasiatische Militärbasis nahe Afghanistan

Taliban könnten noch dieses Jahr Kabul einnehmen

Sieg der Taliban würde Deutschland um 430 Millionen Euro pro Jahr entlasten

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Finanzen
Finanzen Netflix-Aktie hebt ab: Netflix gibt Bieterstreit um Warner Bros verloren – was heißt das für Paramount?
27.02.2026

Die Netflix-Aktie reagiert mit einem Kurssprung auf das Aus im milliardenschweren Bieterstreit um Warner Brothers. Während Paramount zum...

DWN
Finanzen
Finanzen BASF-Aktie: Ludwigshafener Chemiekonzern bleibt für 2026 vorsichtig – BASF-Zahlen überzeugen nicht
27.02.2026

Die endgültigen BASF-Quartalszahlen überzeugen die Anleger nicht. Der weltgrößte Chemiekonzern hat eine vorsichtige Prognose...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Verdi-Warnstreik im Nahverkehr vielerorts gestartet: Busse und Bahnen stehen still – Tarifkonflikt spitzt sich zu
27.02.2026

Der Verdi-Warnstreik legt den Nahverkehr in weiten Teilen Deutschlands lahm und trifft Millionen Pendler. Busse und Bahnen stehen still,...

DWN
Politik
Politik US-Urteil bremst Trumps Zollpolitik: Indien setzt weiterhin auf russisches Öl
27.02.2026

Ein Urteil des Obersten Gerichtshofs der USA begrenzt den handelspolitischen Spielraum von Präsident Trump und beeinflusst die Debatte...

DWN
Politik
Politik Zuckersteuer: Mehrheit der Deutschen für Steuer auf zuckerhaltige Getränke
27.02.2026

Eine Umfrage zeigt: 60 Prozent der Menschen in Deutschland befürworten eine Steuer auf zuckerhaltige Getränke. Besonders hoch ist die...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft KI beschleunigt Stellenabbau: Diese Branchen geraten unter Druck
27.02.2026

Weltweit treiben Unternehmen den Ausbau von Künstlicher Intelligenz voran und richten ihre Investitionsstrategien neu aus. Welche Folgen...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsen: Nvidias steiler Kurssturz drückte den Technologiesektor ins Rote
26.02.2026

Trotz der hervorragenden Finanzergebnisse des KI-Riesen Nvidia konnte das Unternehmen die Investoren nicht ausreichend überzeugen. Dies...

DWN
Politik
Politik EU-Klimazoll: CO2-Zoll soll auch für Waschmaschinen und andere Waren kommen
26.02.2026

Künftig sollen 180 Industrieprodukte, darunter auch Haushaltswaren, unter den EU-CO2-Zoll fallen. Was die Kommission damit erreichen will.