Politik

Die Bundesregierung hat Angst vor Teilen des Volkes

Im Verlauf der Pandemie wurde deutlich, dass die Bundesregierung und weitere Entscheidungsträger Angst vor Teilen des eigenen Volks haben, stellen Politik- und Kommunikationswissenschaftler fest.
24.08.2021 10:03
Aktualisiert: 24.08.2021 10:03
Lesezeit: 2 min
Die Bundesregierung hat Angst vor Teilen des Volkes
Die Mitglieder der Bundesregierung stehen anlässlich der Klausurtagung des Bundeskabinetts im Gästehaus der Bundesregierung im Schloss Meseberg zum Gruppenbild zusammen. (Foto: dpa) Foto: Monika Skolimowska

Die Politikwissenschaftlerin Ursula Münch hatte im Oktober 2020 im Gespräch mit der Berliner Zeitung gesagt: „Die Entscheidungsträger haben Angst vor Teilen des Volkes.“

Der Unmut innerhalb der Bevölkerung gegenüber Politik und Medien hängt Kommunikationswissenschaftlern zufolge mit der Pandemie-Politik zusammen.

Die Ludwig-Maximilians-Universität München hatte mit dem Kommunikationswissenschaftler Thomas Hanitzsch in Bezug auf die Pandemie-Berichterstattung ein Interview geführt. In dem Interview kritisiert der Wissenschaftler „eine auffällige Konvergenz der Themensetzungen“ durch die Medien.

Auf die Bemerkung, dass Medienwissenschaftler beobachten, wie die bundesdeutschen Journalisten derzeit erstaunlich zahm gegenüber der Politik sind, antwortet er: „Ja, vollkommen richtig. Die Medien sind nicht nur zahm, sie folgen sehr bereitwillig der politischen Rhetorik. Das macht mir schon ein bisschen Bauchschmerzen. Da würde ich mir schon ein paar kritische Nachfragen mehr in den Medien wünschen, ein bisschen mehr kritische Distanz. Natürlich ist die Berichterstattung ereignis- und entscheidungsgetrieben: Politikerinnen und Politiker haben etwas besprochen, etwas entschieden, das kommt dann in den Nachrichten. Aber als nach Ostern zum Beispiel die Abstimmung der Bundesregierung und der Länder anstand, wie es mit dem Lockdown weitergehen soll, da vermittelte die Vorberichterstattung einen Eindruck, als stünde eine Art Länderspiel bevor. Es hat sich sehr vieles auf die Akteure konzentriert und viel zu wenig auf Sachfragen, auf die Beschlüsse an sich, auf die Kriterien und die Rolle der Experten. Es gab eine umfangreiche Berichterstattung über die Stellungnahme der Leopoldina, die Wissenschaftsakademie spielt zwar in diesem ganzen Konzert eine relativ wichtige Rolle, ist aber eben auch nur eine Stimme. Da hätten die Medien die widerstreitenden Stimmen und gegenläufigen Argumentationen transparenter machen können.“

Auf die Frage, was denn im Rahmen der Berichterstattung fehlte, sagte er: „Von Anbeginn an hat mir beispielsweise die Diskussion über soziale Ungleichheiten, die sich im Lockdown verstärken, und die Lage der Familien gefehlt. Es ging um die Rettung von Unternehmen, um große Rettungsschirme, die die Regierung aufspannt. Aber der Blick auf die anderen Facetten des Themas fehlte mir: Was bedeutet es für Arbeitnehmer, wenn gut die Hälfte aller Unternehmen in Kurzarbeit geht? Was für die Familien, die Kinder haben, die nicht in die Schule oder die Kita können? Was ist mit den sozialen Ungleichheiten, die dadurch entstehen, dass die Kinder jetzt zuhause bleiben müssen und eben nicht alle Familien gleich gut mit den Coronafolgen zurechtkommen? Das alles ist so ein bisschen unter die Räder geraten. Ich hätte mir da von den Journalistinnen und Journalisten mehr kritische Kontrolle gewünscht, wo doch der Journalismus ein Korrektiv der Politik sein sollte. Stattdessen haben die Medien sehr stark im Gleichklang mit der Politik agiert.“

Mehr zum Thema
article:fokus_txt
DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Zolldeal mit USA auf Eis: EU-Parlament reagiert auf Trump
21.01.2026

Der EU-Zolldeal gerät plötzlich ins Wanken: Das Europäische Parlament stoppt zentrale Arbeiten, nachdem neue Drohungen aus Washington...

DWN
Finanzen
Finanzen Intel-Aktienkurs springt an: Jetzt zählen die Intel-Zahlen
21.01.2026

Nach einer starken Rally erreichen die Intel-Aktien den höchsten Stand seit Jahren. Doch vor den anstehenden Quartalszahlen wächst die...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft BDI warnt: Deutsche Industrie zwischen Stillstand und Hoffnungsschimmer
21.01.2026

Deutschlands Industrie ringt um den Ausweg aus einer zähen Krise, während neue US-Zölle drohen und die Stimmung fragil bleibt. Auch...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Weltwirtschaftsforum Davos: JP Morgan-Chef Dimon weicht Fragen zu Trumps Außenpolitik aus
21.01.2026

JP Morgan-Chef Jamie Dimon sagt, die USA hätten recht, Europa unter Druck zu setzen, seine Verteidigungsfähigkeit auszubauen....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Boris Vujčić wird EZB-Vizepräsident: Ein neuer Akteur in der Führungsebene
21.01.2026

Die Europäische Zentralbank steht vor einer Phase tiefgreifender personeller und strategischer Weichenstellungen. Welche Bedeutung kommt...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Mercosur-Abkommen gestoppt: Europaparlament bringt Mercosur-Deal vor Gerichtshof
21.01.2026

Am Freihandelsabkommen der EU mit den Mercosur-Staaten gibt es viel Kritik. Das Europäische Parlament lässt den Deal jetzt vom obersten...

DWN
Politik
Politik Kommt die Zuckersteuer? Leopoldina: Deutschland würde von Zuckersteuer profitieren
21.01.2026

Andere Länder haben mit einer Zuckersteuer bereits gute Erfahrungen gemacht. Experten der Akademie der Wissenschaften ermuntern zur...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Mindestlohn: Lohnerhöhungen führen zu Preissteigerungen und Stellenabbau
21.01.2026

Schritt für Schritt steigt der Mindestlohn in Deutschland - das führt zu einer Welle von Lohnerhöhungen. Wie die Unternehmen nun...