Politik

Kräftemessen in Brüssel: Alle gegen Angela Merkel

Lesezeit: 2 min
28.06.2012 10:41
Selten stand die Kanzlerin so im Abseits wie bei diesem Gipfel. Es scheint, als stehe nur mehr Deutschland im Weg, wenn es um die Vergemeinschaftung von Schulden und das Eingreifen der EZB geht – Angela Merkel als letztes Hindernis zur Lösung der Krise. Das zumindest ist der derzeitige O-Ton kurz vor dem Gipfel.

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

Nach dem Machtwechsel in Frankreich sind die Karten in der EU und der Eurozone neu gemischt worden. Der harte Sparkurs der Kanzlerin wird zum Verursacher allen Übels deklariert und die Lösung, so wollen es Politiker wie Mario Monti, Mariano Rajoy, Francois Hollande und Antonis Samaras Glauben machen, liege im Gelddrucken und der Vergemeinschaftung der Schulden. Und nur Angela Merkel wehrt sich dagegen, ausgerechnet wieder die Deutschen, die bisher sowieso nur von der Währungsunion profitiert haben und eine Vormachtstellung in Europa wollen. Doch die Kanzlerin zeigt sich noch unbeeindruckt und verdeutlichte vor dem Gipfel noch einmal ihre Position, „solange ich lebe, wird es keine Eurobonds geben“. Sie wolle auf dem EU-Gipfel „keine Augenwischerei und Scheinlösungen“ (hier).

Aber die Antwort kamprompt aus Italien. Nachdem Berlusconi sich bereits für einen Austritt Deutschlands aus der Eurozone ausgesprochen hat, um das letzte Hindernis auf dem Weg zum Gelddrucken aus dem Weg zu schaffen (hier), holte am Mittwochabend Mario Monti auch noch einmal zum Schlagabtausch aus. Wenn die Italiener entmutigt würden, könnte dies „politische Kräfte“ freisetzen, die die europäische Integration und den Euro „zur Hölle fahren lassen“, sagte er bei seiner Ankunft in Brüssel. Der italienische Premier stellt sich als entsprechende Aufmunterung für die Italiener den Ankauf von italienischen und spanischen Anleihen durch den Rettungsschirm vor. Italien habe bereits große Opfer gebracht und die Schulden unter Kontrolle bekommen, so der Premier. Die Zinssätze machen beiden Ländern zu schaffen - Spaniens Rendite für zehnjährige Anleihen lag am Donnerstagmorgen wieder über der 7-Prozent-Marke.

Das Treffen zwischen Angela Merkel und Francois Hollande in Paris sorgte auch für keinerlei Überraschung, eher für ein „Wer hat das letzte Wort“ Gefasel. Während Merkel betonte, „Ich sage: Wir brauchen ein Mehr an Europa, und darin sind wir uns einig. Wir brauchen ein Europa, das funktioniert“, macht Hollande den Zusatz, „Integration so viel wie nötig und Solidarität so viel wie möglich.“ Die Fronten sind geklärt. Und um sich selbst vor dem Gipfel etwas Unterstützung zu holen, telefonierte Francois Hollande am Mittwoch auch noch schnell mit seinem BusenFreund Barack Obama.

Der EU-Währungskommissar Olli Rehn meldete sich schlussendlich am Mittwoch ebenfalls zu Wort und sagte: „Es ist wichtig, dass kurzfristige Maßnahmen vom Europäischen Rat beschlossen werden." Man setze die Arbeit fort, „solche Entscheidungen über Maßnahmen zur kurzfristigen Stabilisierung des Marktes zu erleichtern.“ Mario Monti und Mariano Rajoy dürfte dies freuen. Bereits am Mittwochmorgen warnte der spanische Premier, dass das Land nicht mehr lang diese hohen Zinssätze zahlen könnte (hier). Selbst in Griechenland scheinen die miserablen Zahlen zur Rezession gerade recht zu kommen, um die EU und insbesondere das Sparschwein Deutschland für Neuverhandlungen zu knacken.

Wie ernst es Angela Merkel mit ihrer harten Linie allerdings wirklich ist, wird sich in den kommenden Monaten entscheiden. Immerhin ist sie ja noch immer nicht müde, auf ihre ganz eigene Methode zu verweisen: „Schritt für Schritt". Ganz abgesehen davon, dass auch in Deutschland im kommenden Jahr eine entscheidende Wahl ansteht - für die es sich zu profilieren gilt.

Inhalt wird nicht angezeigt, da Sie keine externen Cookies akzeptiert haben. Ändern..


Mehr zum Thema:  

DWN
Finanzen
Finanzen City of London fürchtet Abzug des billionenschweren Derivategeschäfts in die EU

In der City of London liegen die Nerven blank. Den Verlust kleinerer Märkte an den Kontinent nahm man noch hin, nun droht mit einem...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Corona-Rezession wie Zweiter Weltkrieg – der Tod des Gastgewerbes ist beschlossene Sache

Die aktuelle Corona-Rezession weist große Ähnlichkeiten mit den wirtschaftlichen Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs auf. Aus einem...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Der Held von Hanoi: Mann rettet Mädchen nach Sturz aus dem 12. Stockwerk

Vietnam feiert einen Lastwagenfahrer, der einem aus einem Hochhaus stürzenden Kind das Leben gerettet hat.

DWN
Finanzen
Finanzen Springt die US-Notenbank als Retter ein, wenn es zum Preis-Krach beim Bitcoin kommt?

Ein Finanzanalyst spricht von einem „Bitcoin-Casino“, bei dem der Preis über eine „Buy & Hype“-Taktik künstlich in die Höhe...

DWN
Finanzen
Finanzen Höhere Inflation im Anmarsch - ein gutes Omen für Gold

Während viele andere Geldanlagen zuletzt starke Gewinne verzeichneten, zeigte Gold eine auffällige Schwäche. Doch dies dürfte sich nun...

DWN
Politik
Politik Corona-Ticker - Vorbild Israel: EU arbeitet an „Grünem Pass“ für Geimpfte

Die EU-Kommission arbeitet an einem Gesetz zur Einführung eines „Grünen Passes“, der geimpften Bürgern offenbar Vorteile gegenüber...

DWN
Politik
Politik Jens Spahn: Ein Mann und seine Abenteuer

Die bisherige Karriere von Deutschlands Gesundheitsminister Jens Spahn ist aufregend verlaufen. Die DWN zeichnen die wichtigsten Stationen...

DWN
Politik
Politik Hiobsbotschaft: WHO erwartet kein Ende der Pandemie vor 2022

In der Nacht vom 1. auf den 2. März 2021 hat die Öffentlichkeit eine Hiobsbotschaft erreicht. Die Weltgesundheitsorganisation WHO geht...

DWN
Finanzen
Finanzen Aufstand bei der Deutschen Bank: Callcenter-Mitarbeiter streiken seit Wochen für höheres Gehalt

Während den Herrschaften im Investmentbanking satte Boni ausgezahlt werden, wehrt sich die Bank mit Händen und Füßen gegen höhere...

DWN
Politik
Politik Steinmeier erwägt staatliche Regulierung der sozialen Medien im Namen der Freiheit und der Demokratie

Bundespräsident Steinmeier meint: „Die Demokratien der Welt müssen ihre Verfasstheit auch im Digitalen sichern, gegen Feinde von innen...

DWN
Deutschland
Deutschland 900 Millionen Euro mehr: Stromkosten in Deutschland explodieren

Die Haushalte in Deutschland haben im vergangenen Jahr so viel für ihren Strom bezahlt wie noch nie.

DWN
Finanzen
Finanzen Lieferketten-Chaos und hohe Transportkosten fachen Inflation in Europa an

Produzenten geben die teils deutlich gestiegenen Kosten an die Kunden weiter, die Inflation in Europa erreicht die Geschäfte und...

DWN
Politik
Politik Zwischen Europa und Russland tobt ein harter Kulturkampf

Der geopolitische Wettbewerb zwischen Europa und Russland nimmt Konturen eines Kulturkampfs an, bei dem es um Religion, Familienwerte und...

DWN
Finanzen
Finanzen Zentralbank der Zentralbanken warnt vor Blasen im Finanzsystem

Die Bank für internationalen Zahlungsausgleich wählt ihre Worte mit Bedacht. Im Klartext warnt sie vor dem Platzen riesiger...