Politik

Wie Frankreichs geplatzter U-Boot-Deal mit der „Sabotage“ des BioNTech-Impfstoffs zusammenhängt

Die Erfinder des BioNTech-Impfstoffs schreiben in ihrem Buch, dass EU-Lobbyisten gegen den deutsch-amerikanischen Impfstoff regelrecht gewettert hätten. Macron spielte offenbar eine führende Rolle. Dass Biden den Franzosen den militärischen 56-Milliarden-Deal mit Australien weggeschnappt hat, ist offenbar die Antwort der Amerikaner auf Macrons feindselige Haltung gegenüber dem deutsch-amerikanischen Impfstoff.
19.09.2021 16:35
Lesezeit: 4 min
Wie Frankreichs geplatzter U-Boot-Deal mit der „Sabotage“ des BioNTech-Impfstoffs zusammenhängt
Aktivisten der Kampagnenorganisation Avaaz protestieren am 11.01.2018. (Foto: dpa)

In dem neuen Buch der Erfinder des Pfizer-BioNTech-COVID-19-Impfstoffs wird ausgeführt, dass die europäischen Behörden bei der Bestellung von Lieferungen Monate nach der Bestellung der Regierungen des Vereinigten Königreichs und der USA die Bestellungen vorsätzlich verzögert haben. Denn das Joint Venture zwischen Deutschlands BioNTech und dem US-Unternehmen Pfizer wurde als unzureichend europäisch angesehen, berichtet „The Telegraph“. Diese gesamte Affäre sollte an dieser Stelle aus einer reinen geopolitischen Perspektive betrachtet werden.

Das Buch von Uğur Şahin und Özlem Türeci, das sie gemeinsam mit dem Co-Autor Joe Miller geschrieben haben, trägt den Titel „Projekt Lightspeed: Der Weg zum BioNTech-Impfstoff – und zu einer Medizin von morgen“.

EU-Lobbyisten sollen ihre Gegnerschaft zum deutsch-amerikanischen Impfstoff folgendermaßen begründet haben: „Wenn wir (Deutschlands) CureVac oder (Frankreichs) Sanofi, oder ein europäisches Unternehmen nehmen, ist das ein Euro für Europa. Wenn wir BioNTech nehmen, landen immer 50 Cent in den USA.“ Rechnerisch ist das nachvollziehbar, doch sollte nicht die Gesundheit der Menschen, wie es den Bürgern immer erzählt wurde, im Vordergrund stehen?

Im September letzten Jahres gewährte die deutsche Regierung BioNTech einen Zuschuss von 375 Millionen Euro. Doch erst nachdem das Unternehmen selbstständig ein paar hundert Millionen Euro ausgegeben hatte – ohne eine Vorbestellung der EU erhalten zu haben.

Wenn Şahin und Türeci diesen Schritt nicht eigenständig gegangen wären, würden sich Deutschland und die EU immer noch im totalen Wirtschafts-Killer-Lockdown befinden. Schließlich waren die Impfstoffe laut Bekundungen seitens der Politik eine Vorbedingung für eine Abmilderung des Lockdowns. Ein glücklicher Zufall, der dem deutschen Mittelstand das bisherige Überleben ermöglicht hat. Damit hatten gewisse politische Kreise wohl nicht gerechnet, weshalb sie jetzt noch einen Lockdown planen.

Das Ziel der EU eines zentralisierten Pandemie-Reaktions- und Impfprogramms zur Vermeidung des sogenannten Impfstoff-Nationalismus verursachte viel Frustration unter den Ländern, die so schnell wie möglich unabhängig reagieren wollten. Die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hatte sich dabei, gelinde gesagt, nicht mit Ruhm bekleckert.

Es gab auch Vorwürfe, dass die anfängliche Reaktion durch nationale Interessen behindert wurde. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat angeblich versucht, zu verhindern, dass die EU zu viel von Pfizer-BioNTech kauft, in der Hoffnung, dass französische Lieferanten eine große Rolle spielen könnten.

Erst im Mai 2021 unterzeichneten die EU und Pfizer-BioNTech einen Mega-Vertrag über bis zu 1,8 Milliarden Dosen des COVID-19-Impfstoffs, dem bisher größten Massenkauf der EU, berichtet die „Deutsche Welle“.

Die Autoren des Buchs haben ihre Behauptung sicherlich nicht aufgestellt, ohne Beweise dafür vorlegen zu können. Es fällt auch auf, dass dieser Vorwurf von den hiesigen Medien bisher nicht thematisiert wurde. Offenbar stimmt es, dass EU-Lobbyisten und die Franzosen versucht haben, den BioNTech-Impfstoff zu blockieren, weil die Amerikaner mit im Boot sitzen.

Die USA geben Macron eine Antwort auf der militärisch-finanziellen Ebene

Für diese These spricht der Umstand, dass die USA nun Paris im Zusammenhang mit dem U-Boot-Deal mit Australien „eins reinwürgen wollen“. Frankreich ist wegen Australiens Entscheidung zum Bau amerikanischer statt französischer U-Boote im Rahmen einer neuen Sicherheitsallianz mit den USA und Großbritannien schwer verärgert. „Dies ist eine Entscheidung gegen den Geist und den Inhalt der Zusammenarbeit zwischen Frankreich und Australien, die auf politischem Vertrauen aufbaut sowie auf der Entwicklung einer hochwertigen Verteidigungsindustrie in Australien“, erklärten Außenminister Jean-Yves Le Drian und Verteidigungsministerin Florence Parly in Paris. Ein europäischer Partner wie Frankreich werde einfach beiseite geschoben. Dabei übersehen die Top-Diplomaten, dass ihr Präsident durchgehend die Nato attackiert und schmäht. Auch das sollte fairerweise erwähnt werden.

Le Drian machte darüber hinaus im Radiosender France Info aus seinem Zorn keinen Hehl: „Ich bin wütend. So etwas macht man nicht unter Verbündeten“, sagte der Außenminister. „Das ist ein Schlag in den Rücken.“ Er sprach von einer „einseitigen, brutalen und unvorhersehbaren Entscheidung“. Sie erinnere stark an das Auftreten des ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump. „Wir haben mit Australien eine Vertrauensbeziehung aufgebaut. Dieses Vertrauen ist betrogen worden.“ Die Australier müssten nun erklären, wie sie aus der Sache rauskommen wollten. „Wir sind mit der Geschichte noch nicht fertig.“

Australiens Entscheidung, statt konventioneller U-Boote mit französischer Hilfe nun nuklearbetriebene U-Boote mit amerikanischer und britischer Unterstützung zu bauen, bedeutet für Frankreich den Verlust einer 56-Milliarden-Euro-Vereinbarung. US-Präsident Joe Biden, Australiens Regierungschef Scott Morrison und der britische Premierminister Boris Johnson hatten zuvor eine neue Allianz verkündet, die sich insbesondere gegen militärische Bedrohung durch China im Indopazifik richtet. Dazu gehört auch der Bau der U-Boote.

Auffällig ist, dass Großbritannien mit den USA an einem Strang zieht. Das haben sie bereits bei den Bestellungen der BioNTech-Impfstoffe gemacht. Die Frage um die Impfstoffe darf nicht nur aus einer gesundheitlichen, sondern muss vor allem aus einer geopolitischen Perspektive betrachtet werden. Eine Parteinahme ist unangebracht. Aus deutscher Sicht zählt die kühle Betrachtung, um zu verstehen, was aktuell weltpolitisch abläuft.

Zu Beginn der Pandemie hatte China massiv gegen den deutsch-amerikanischen Impfstoff gewettert. Chinesische Gesundheitsexperten forderten Norwegen und andere Länder auf, die Verwendung von mRNA-basierten Corona-Impfstoffen, die von Unternehmen wie Pfizer hergestellt werden, einzustellen. Der Sender „n-tv“ titelte im Januar 2021: „Aggressive Vakzin-Diplomatie: China erklärt Biontech-Impfung zur Giftspritze.“

Die Zeitung „Global Times“, die das mediale Organ der Kommunistischen Partei Chinas ist, berichtete noch im Januar 2021: „Der neue mRNA-Impfstoff wurde in Eile entwickelt und war noch nie in großem Maßstab zur Vorbeugung von Infektionskrankheiten eingesetzt worden, und seine Sicherheit für den großflächigen Einsatz beim Menschen wurde nicht bestätigt, sagte ein chinesischer Immunologe. Die Todesfälle in Norwegen haben auch gezeigt, dass die Wirksamkeit der mRNA-COVID-19-Impfstoffe nicht so gut war wie erwartet, sagten Experten.“

Mittlerweile hat China einen anderen Ton eingeschlagen. Ab Juli 2021 entschied die Kommunistische Partei Chinas, dass auch der BioNTech-Impfstoff in China zugelassen werden soll. „Der Aktionär“ berichtet: „Wie chinesiche Medien berichtet haben, will China nun auch den mRNA-Impfstoff Comirnaty einsetzen. Dies fußt auf einer Kooperation von BioNTech und der chinesischen Fosun Pharma.“

Die Chinesen haben offenbar begriffen, dass sie einen hohen Preis bezahlen müssen, falls sie den Weg Frankreichs gehen. Was übrigens immer wieder ins Gedächtnis gerufen werden muss: Australien, Neuseeland, Kanada, Großbritannien und die USA sind über das „Five-Eyes-Agreement“ miteinander verbunden. Es handelt sich dabei um eine Partnerschaft der Geheimdienste dieser Länder. Das „Five-Eyes-Agreement“ ist auch die Grundlage für eine enge militärische Kooperation dieser Länder.

Frankreich hat offenbar hoch gepokert. Doch in alten Western-Filmen gewinnt immer derjenige, der am Ende die Pistole auf den Pokertisch legt.

Der letzte Satz lautet: „Ich habe gewonnen! Noch Fragen?“

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt und Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Energie-Aktien: KI-Boom treibt Strompreise und lockt Investoren
01.02.2026

Der Boom der Datenzentren verändert den Energiemarkt rasant. Während KI-Anwendungen den Strombedarf explodieren lassen, geraten Politik...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Globaler Cybersecurity-Ausblick für 2026: Geopolitik und KI prägen neue Cyberrisiken
01.02.2026

Digitale Angriffe betreffen Unternehmen und Staaten an zentralen wirtschaftlichen Schnittstellen. Wie verändern sich Risiken und...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Arbeitgeber-Umfrage zeigt: Generation Z ist arbeitsbereiter als gedacht
01.02.2026

Die Generation Z gilt oft als wenig leistungsbereit und stark auf Freizeit fokussiert. Doch eine neue Umfrage aus Norddeutschland zeichnet...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Europäische Startups: Deutschland dominiert den Kampf um die nächsten Einhörner
01.02.2026

Milliarden fließen, aber nicht mehr in schnelle App-Ideen. Europas Startup-Szene verlagert ihren Schwerpunkt auf Deep-Tech,...

DWN
Finanzen
Finanzen Finanzmärkte 2026: Welche Risiken Anleger beachten müssen
31.01.2026

Die Kapitalmärkte treten in eine Phase erhöhter Unsicherheit, geprägt von Technologieumbrüchen, geopolitischen Spannungen und...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft KI-Welthandel: Wie Datenzentren den globalen Handel neu beleben
31.01.2026

Zölle bremsen, doch Technologie beschleunigt. Während protektionistische Maßnahmen den Welthandel belasten, entwickelt sich künstliche...

DWN
Finanzen
Finanzen Finanzabteilungen vor dem Kollaps? Warum 2026 alles ändert
31.01.2026

2026 wird zum Schicksalsjahr für Finanzabteilungen: KI verspricht Effizienz, Regulierung droht mit Sanktionen – und beides trifft jetzt...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Volvo EX60: Schwedens Antwort auf den BMW iX3 und den Mercedes GLC
31.01.2026

Volvo will sich mit einem neuen Elektro-SUV im Premiumsegment strategisch neu ausrichten. Gelingt es dem Hersteller damit erstmals,...