Politik

Steinmeier für ehrlichere, klügere und stärkere Außenpolitik

Als erster Bundespräsident seit fast 40 Jahren redet Steinmeier vor der UN-Vollversammlung. Dabei gibt er eine Antwort auf die Frage, vor der sich die Parteien zu Hause im Wahlkampf noch weitgehend drücken: Was tun nach dem Scheitern in Afghanistan?
24.09.2021 16:16
Aktualisiert: 24.09.2021 16:16
Lesezeit: 2 min

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat eine ehrlichere, klügere und stärkere deutsche Außenpolitik als Konsequenz aus dem Scheitern des Westens in Afghanistan angemahnt. Ein „Rückzug von der Welt“ sei keine Option, sagte er laut vorab verbreitetem Manuskript am Freitag. Es ist die erste Rede eines Bundespräsidenten vor der UN-Vollversammlung seit fast 40 Jahren.

Steinmeier plädierte eindringlich für mehr deutsche und europäische Verantwortung in der Welt - auch militärisch, aber nicht nur: „Militärische Stärke ohne den Willen zur Verständigung, ohne Mut zur Diplomatie macht die Welt nicht friedlicher. Wir brauchen Verhandlungsstärke ebenso wie Verteidigungsstärke.“

Die erste und bisher einzige Rede eines Bundespräsidenten vor der UN-Vollversammlung hatte Karl Carstens 1983 gehalten. Normalerweise ist es Sache der Bundesregierung, die deutschen Positionen vor Vertretern der 193 Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen zu präsentieren. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Außenminister Heiko Maas verzichteten in der Woche vor der Bundestagswahl aber diesmal zu Gunsten des Staatsoberhaupts auf den Auftritt auf der großen Weltbühne.

Fall von Kabul als „Zäsur“

Steinmeier, der in seinen beiden Amtszeiten als Außenminister (2005 bis 2009 und 2013 bis 2017) schon mehrfach vor den UN gesprochen hat, ging ausführlich auf die Folgen der Machtübernahme der militant-islamistischen Taliban in Afghanistan ein. Den Fall von Kabul bezeichnete er als „Zäsur“ in der internationalen Politik. Deutschland trage eine Mitverantwortung dafür, dass es nicht gelungen sei, eine selbsttragende politische Ordnung in Afghanistan zu errichten. Resignation wäre aber die falsche Lehre. Stattdessen bedeute „dieser Moment der geopolitischen Ernüchterung“ dreierlei für die Außenpolitik: „Wir müssen ehrlicher, klüger, aber auch stärker werden.“

Die Möglichkeiten und Grenzen der Außenpolitik müssten realistischer definiert werden. Schwerpunkte müssten klüger gesetzt und der Instrumentenkasten erweitern werden. Steinmeier unterstützte zwar die Erhöhung der deutschen Verteidigungsausgaben in den letzten Jahren, sagte aber auch: „Zukünftige Generationen werden uns nicht an militärischer Stärke heute messen, sondern daran, ob wir in der Lage waren, Probleme und Konflikte zu lösen.“ Und dazu gehöre eben auch die Diplomatie. Damit knüpfte Steinmeier an die Rede von US-Präsident Joe Biden an, der am Dienstag zum Auftakt der UN-Generaldebatte eine neue Ära der Diplomatie nach dem 20-jährigen Militäreinsatz in Afghanistan ausgerufen hatte.

UN sind „kein wertneutraler Boxring“

Der Bundespräsident richtete aber auch mahnende Worte an die Großmächte USA, China und Russland, die sich derzeit im UN-Sicherheitsrat gegenseitig blockieren. „Die Vereinten Nationen sind kein wertneutraler Boxring der Weltmächte“, sagte er. Die mächtigen Staaten müssten ihrer Verantwortung für kleinere Länder gerecht werden.

Der Bundespräsident forderte gleichzeitig mehr deutsches und europäisches Engagement: „Wir Europäer, auch wir Deutsche, müssen mehr tun für unsere eigene Sicherheit, mehr tun für Frieden und Stabilität in unserer Nachbarschaft und weltweit.“ Für die Jahre 2027 und 2028 kündigte er eine erneute Bewerbung Deutschlands für eine vorübergehende Mitgliedschaft im UN-Sicherheitsrat an. Längerfristig strebt Deutschland einen ständigen Sitz in dem wichtigsten UN-Gremium an. Bisher sind aber alle Bemühungen um eine Erweiterung des Rats ins Leere gelaufen.

Warnung vor Rissen im transatlantischen Bündnis

Mit Blick auf den aktuellen Streit zwischen den USA und Frankreich über einen neuen Indopazifik-Pakt der Amerikaner warnte Steinmeier davor, das transatlantische Bündnis aufs Spiel zu setzen: „Kein kurzfristiger Vorteil ist es wert, dass unsere transatlantische Geschlossenheit Risse bekommt. Darauf sollten wir miteinander achtgeben.“

Gerade mit Blick auf den Klimawandel warnte Steinmeier vor „nationalen Egoismen“ und forderte starke Beschlüsse bei der bevorstehenden Klimakonferenz in Glasgow. „Die Lücke zwischen unseren anspruchsvollen Zielen und unserer konkreten Politik ist noch viel zu groß. Wir sind es, die diese Lücke schließen müssen. Und wir müssen es jetzt tun.“

Gleichgültig keine Option

Steinmeier warb trotz der Erfahrungen in Afghanistan auch dafür, weiter für Freiheit und Demokratie zu kämpfen. „Solange Menschen ihrer Würde beraubt werden, ist Gleichgültigkeit keine Option“, sagte er. „Deshalb bedeutet mehr Realismus in der Außenpolitik eben nicht: weniger Verantwortung und weniger Ehrgeiz, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.“

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Technologie
Technologie Wie kann man ganz einfach Etiketten erstellen?

Brady Workstation bietet praktische Etikettengestaltung (Drucken über Desktop - Laptop) für verschiedenste professionelle Anwendungen....

Michael Fischer

Michael Fischer ist seit 2010 bei dpa, zuletzt war er für die Berichterstattung über Außenpolitik zuständig. Vor seiner Zeit bei dpa war er Kanzlerkorrespondent und stellvertretender Hauptstadtbüroleiter des deutschen Dienstes der Nachrichtenagentur Associated Press.
DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Wirtschaftsfaktor Natur: Warum Unternehmen laut Bericht ohne Artenschutz scheitern
09.02.2026

Laut einem neuen IPBES-Bericht aus Manchester ist das Artensterben eine der größten Gefahren für die Wirtschaftswelt. Die Botschaft ist...

DWN
Politik
Politik EU-Ultimatum für Meta: Zwangsmaßnahmen wegen WhatsApp-KI drohen
09.02.2026

Die Europäische Kommission verschärft den Ton gegenüber Meta: Dem US-Tech-Riesen drohen empfindliche Zwangsmaßnahmen, da die...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Expo 2035 in Berlin-Brandenburg: Ost-Wirtschaft fordert Weltausstellung
09.02.2026

Die ostdeutsche Wirtschaft macht mobil: 15 Industrie- und Handelskammern fordern die Ausrichtung der Expo 2035 in der Hauptstadtregion. Ein...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Markenstreit eskaliert: Ritter Sport kämpft weiter um das Schoko-Quadrat
09.02.2026

Der Schokoladenhersteller Ritter Sport setzt den juristischen Feldzug gegen einen quadratischen Haferriegel aus Mannheim fort und zieht vor...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Mittelstand setzt auf „Made in Germany“: Rückzug vom US-Geschäft:
09.02.2026

Angesichts drohender US-Zölle forcieren deutsche Mittelständler eine Rückbesinnung auf den heimischen Markt und europäische...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Netzpaket 2026: Heftige Kritik an Reiches Ökostrom-Reform
09.02.2026

Wirtschaftsministerin Reiche will den Netzausbau und die Erneuerbaren Energien synchronisieren, um Kosten zu senken. Doch die Pläne...

DWN
Politik
Politik MSC-Sicherheitsreport 2026: Experten warnen vor „Politik mit der Abrissbirne“
09.02.2026

Kurz vor dem Start der 62. Münchner Sicherheitskonferenz (MSC) zeichnet der neue Sicherheitsbericht ein düsteres Bild der Weltlage....

DWN
Unternehmen
Unternehmen Playmobil schließt Werk in Deutschland: Mit Stellenabbau aus der Krise?
09.02.2026

Nach Jahren der Krise sieht Playmobil eine Trendumkehr: Sprechende Figuren, Fußball, Wrestling und Barbie – sollen neue Zielgruppen...