Technologie

Die nächste Bundesregierung wird eine riskante Digital-Offensive starten

DWN-Experte Werner Thiede befasst sich im Nachgang der Bundestagswahlen noch einmal mit den "alternativlosen" Vorstellungen der Parteien in Sachen Digitalisierung.
10.10.2021 10:00
Lesezeit: 5 min
Die nächste Bundesregierung wird eine riskante Digital-Offensive starten
Auf diesem Bildschirm läuft gerade ein Hacker-Werkzeug. (Foto: dpa)

Für die nächste Bundesregierung wird unabhängig von ihrer Zusammensetzung gelten, was ein Wahl-Slogan der FDP bereits vor vier Jahren propagierte: „Digital first. Beden­ken second!“ So will Digital-Staatsministerin Dorothee Bär, im „Team Laschet“ für Digi­talisierung zuständig, ausdrücklich etwas tun gegen „Bedenkenträger“. Eines steht fest: Der Titel eines Buches der Managerin Marie-Luise Wolff, die sich für eine nachhaltige statt überstürzte Digitalpolitik einsetzt, beschreibt die Partei-Programme perfekt: „Die An­betung: Über eine Super-Ideologie ­namens Digitalisierung“.

Wer bei den Bundestagswahlen seine Stimme abgab, hatte in Sachen kultur­verändernde Digitalisierung nicht die Qual der Wahl – höchstens die Qual, das er keine echte Wahl hatte. Alle Parteien nämlich, die Chancen auf ein Überschreiten der Fünf-Prozent-Hürde hatten, taten in ihren Wahlprogrammen so, als gäbe es an der Digitalisierung nichts Wesentli­ches zu kritisieren. Die Notwendigkeit der digi­talen Transformation wurde und wird allenthalben hinge­nom­men, als handle es sich um ein unabwendba­res Naturereignis, ja um eine höchst begrü­ßenswerte Kulturentwicklung. Mit dieser Grund­einstellung aber gehen die Parteien über man­nigfaltige Digitalisierungskritik in unserer Gesellschaft ignorant hinweg. Solche Kritik spie­gelt sich beispielsweise in Dutzen­den von Büchern und zeugt somit, wenn nicht von künst­licher, so doch jedenfalls von menschlicher Intelligenz. Beispielsweise betont der Theologe Ulrich Hemel, Direktor des Weltethos-Insti­tuts in Tübingen, am Ende seines Buches „Kritik der digi­talen Vernunft“: „Die digitale Welt öffnet bislang ungeahnte Möglichkeiten, schafft aber auch neue Abgründe.“ Warum ver­schweigt die Politik diese Abgründe weithin, statt sie ernsthaft zu debattieren und Bedenkenträger am liebsten zu diskriminieren? Im Folgenden wer­den einschlägige Buchtitel und Problempunkte be­nannt, um sie mit den meist so ganz anders gepolten Wahlprogrammen zu konfrontieren.

Digitale Bildung: Segen oder Fluch?

Alle Parteien, auch die meisten Splitterparteien, sprechen sich für eine intensivierte Digitali­sierung der Schulen aus. „Wir geben dem DigitalPakt Schule neuen Schwung“, wirbt bei­spielsweise die CSU; die FDP fordert sogar „einen Digitalpakt 2.0“. Auch die GRÜNEN wol­len „den DigitalPakt zu einem echten gemeinsamen Vorhaben nachhaltig und dauerhaft wei­terent­wickeln“. Riesensummen sind für den „Digitalpakt#D“ vorgesehen. Der Weg zu einer „Lernfabrik 4.0“ steht gerade seit der Pandemie außer Frage. Als wäre zur Problematik digi­taler Bildung nicht bereits auch viel Kritisches gesagt und ge­schrie­ben worden – etwa von Gerald Lembke und Ingo Leipner das Buch „Die Lüge der digi­talen Bildung“ oder von Pro­fessor Ralf Lankau die Broschüre „Kein Mensch lernt digital“. Namentlich der Ulmer Hirn­forscher Professor Manfred Spitzer warnt beharrlich vor den ablen­kenden Seiten der digitalen Me­dien bei Kindern und Jugendlichen. Doch der Allvernetzungs­wahn macht gera­de vor denen nicht halt, die sich am wenig­sten gegen seine Durch­setzung wehren können – eben den Min­derjährigen. Was Industrie und Wirtschaft freut und die Politik immer mehr fördert, hat höchst ambivalenten Charakter. Nicht von ungefähr votiert der Leh­rer Arne Ulbricht in sei­nem Buch „Schule ohne Lehrer? Zurück in die Zukunft“ dafür, Schu­le sollte besser Alterna­tiven zum dauerhaften Internetkonsum aufzeigen. Die Wahl­pro­gramme aber er­weisen sich in dieser Hinsicht auf merkwürdige Art erstaunlich alternativlos. Fazit: Der Tanz ums digitale Kalb hat Zukunft.

Das Dunkle im Netz

Das neue digitale Zeitalter umfasst ein besonders dunkles Kapitel: das sogenannte Darknet. Diese besonders finstere Seite des Internets wird gern für allerlei krimi­nelle Machenschaften und Geschäfte in An­spruch genommen. Ohne passende Software oder eine bestimmte Brow­ser-Konfiguration ent­zieht sich das Darknet dem Zugriff gewöhnlicher Internetnutzer. Des­halb wird es auch als Teil des versteckten, „unsichtbaren“ Netzes be­zeich­net. Dessen Proble­matik ist in den digi­talisierungseuphorischen Wahlprogrammen bezeich­nenderweise kein Thema. James Bridle aber hat ein Buch geschrieben, das sogar unser ganzes digitales Zeitalter als New Dark Age bezeichnet; der Untertitel lautet: „Der Sieg der Technologie und das Ende der Zukunft“. Der ein­fluss­reiche Autor hat über Künstliche Intelligenz seine Doktorarbeit ge­schrieben und weiß: „Unsere Technologien sind an den größten Herausforderungen, vor denen wir heute stehen, beteiligt: einem außer Kontrolle geratenen Wirtschaftssystem, das viele Menschen ins Elend stürzt und die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer werden lässt; dem Zusammen­bruch des politischen und gesellschaftlichen Konsenses überall auf der Welt, was wachsende Nationalismen, gesellschaftliche Spaltungen, ethnische Konflikte und Schattenkriege zur Fol­ge hat; und einem Klimawandel, der uns alle existenziell bedroht.“ Nicht zuletzt warnt Bridle vor der verharmlosend als Wolke bezeichneten Cloud, in der gern alles Mögliche ausgelagert und gespeichert wird: „Die Cloud ist eine Machtbe­zie­hung, und die meisten Menschen sind dabei nicht obenauf.“ Die weltweit spürbaren Aus­wir­kungen der digitalen Technologie haben laut Bridle bereits alle unsere Lebensbereiche erfasst und „sind potentiell katastrophal“. Nicht nur das Darknet, sondern auch das „New Dark Age“ mit all seiner Problematik – kein Thema für digitalisierungsbegeisterte Wahl­programme?

Cyberkriege und analoge Kriegsgefahr

Kürzlich wurden die gern ver­drängten militärischen Aspekte der Digitalisierung von US-Prä­sident Joe Biden ins Licht der Weltpolitik gerückt: Unüberhörbar warnte er vor einem Krieg als Folge eines Cyberangriffs. An großan­gelegten Hackerangriffen auf die USA könne sich ein umfassender Krieg entzünden: „Wenn wir in einem Krieg, einem echten Krieg mit einer Großmacht enden, dann als Folge eines Cyberangriffs von großer Tragweite.“ Dass er dies anlässlich seines ers­ten Amtsbesuches im Büro der US-Geheimdienst-Koordination fest­stell­te, ist kein beru­higen­der Umstand. Die Fähigkeiten für einen solchen Digit-Angriff neh­men nach seiner Überzeu­gung aktuell stark zu. Auch Klaus Schwab warnt als Präsident des Welt­wirtschaftsforums (WEF) vor digitalen Massenvernichtungswaffen. Doch die Wahlpro­gram­me der größeren Parteien gehen entweder gar nicht oder nur relativ vage auf diese bri­sante Thematik ein. Die SPD schreibt ähnlich wie andere Parteien: „Autonome Waffen­syste­me senken die Schwelle für kriegerische Handlungen, Kern­waffen erleben ein Come­back, digita­ler Fortschritt macht uns verwundbar für Cyberangriffe. Dafür werden wir auf par­lamenta­rischer Ebene einen Mechanismus einrichten, durch den neue Programme, Gesetze, Vorhaben daraufhin überprüft werden, ob sie friedenspo­litischen Zielen widersprechen.“ Ob damit aber wirklich Abhilfe geschaffen werden könnte, darf ange­sichts der internationalen Proble­matik bezweifelt werden. Digitale Bedrohungslagen auf militärischer Ebene lassen sich kaum wirksam regulieren oder gar verbieten. Digitalisierungskritische Konsequen­zen zieht aus dem besorgniserregenden Befund keine einzige Partei.

Digitalisierung ohne Ethik?

Statt noch weitere kritische Punkte in Sachen Digitalisierung mit den Wahlpro­gram­men zu vergleichen, sei hier einfach perspektivisch festgestellt: Die problematischen Aspekte der digita­len Transformation werden fast durchweg kleingeredet oder ignoriert – gleichsam zugunsten einer „Anbetung des Digitalen“. Das gilt übrigens großenteils auch in den Kirchen hierzulande. Immerhin hat die EKD „Zehn Gebote“ im Blick auf die Digi­talisierung formuliert, spricht aber im Untertitel ausdrücklich nur von den Chancen statt auch von den Risiken. Hier und da erklingen heutzutage zwar Rufe nach einer Ethik fürs Digitale, aber selbst die muten angesichts der zum Teil parado­xen Viel­stim­migkeit ethi­scher Konzepte und der geringen Überprüfbarkeit etwa von Algorith­men beinahe naiv an. Eine digi­tale Fort­schrittsfalle baut sich auf, ohne dass dies im Wahl­kampf eine Rolle gespielt hätte. Der TV-bekannte Astrophysiker Harald Lesch und der Moraltheologe Thomas Schwartz kriti­sierten bereits voriges Jahr in ihrem Buch „Unberechenbar. Das Leben ist mehr als eine Gleichung“ (2020) mit Recht den „ausufernden Technikwahn(sinn)“: Der Mensch habe mit Forschung und Technik Möglich­keiten geschaffen, derer er nicht mehr Herr werde, und es sei „weit und breit kein alter Hexenmeister zu entdecken, der dem Spuk ein Ende be­reitet.“ Das gilt auch für den hinter uns liegenden Wahlkampf: Der Umgang mit dem Thema Digitalisierung ist im Grunde erschreckend zukunftsblind. Wird der immer wieder zu hörende Spott über die „Apoka­lyptiker des Digitalen“ vielleicht schon im Laufe der kommenden Legislatur­periode ver­stummen?

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Werner Thiede

Dr. theol. habil. Werner Thiede ist außerplanmäßiger Professor für Systematische Theologie an der Universität Er­lan­gen-Nürnberg, Pfarrer i.R. und Publizist (www.werner-thiede.de). Zuletzt erschien von ihm „Unsterblichkeit der Seele? Interdisziplinäre Annäherungen an eine Menschheitsfrage“ (2. Auflage, Berlin 2022); im Druck befindet sich das Büchlein „Himmlisch wohnen. Auferstanden zu neuem Leben“ (Leipzig 2023).

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