Deutschland

Aufträge der deutschen Industrie brechen überraschend ein

Die deutschen Industrieunternehmen verzeichneten im August einen Rückgang ihrer Aufträge um 7,7 Prozent gegenüber dem Vormonat. Die Ökonomen sind überrascht, geben aber Entwarnung.
06.10.2021 08:32
Lesezeit: 2 min
Aufträge der deutschen Industrie brechen überraschend ein
Die deutsche Industrie verzeichnete im August den größten Auftragsrückgang seit April 2020. (Foto: dpa) Foto: Hendrik Schmidt

Die deutsche Industrie hat im August einen unerwartet starken Auftragseinbruch erlitten. Die Unternehmen sammelten 7,7 Prozent weniger Bestellungen ein als im Vormonat, wie das Statistische Bundesamt am Mittwoch mitteilte. Das war der größte Rückgang seit April 2020, als die Corona-Krise für eine Nachfrageflaute sorgte.

Der Einbruch folgt allerdings auf sehr kräftige Anstiege in den Vormonaten Juli (+4,9 Prozent) und Juni (+4,6 Prozent), die mitunter durch Großaufträge im sonstigen Fahrzeugbau - etwa Flugzeuge, Schiffe und Züge - zustande kamen. Auch die Betriebsferien der Autobauer, die in den August fielen, dürften zum Minus beigetragen haben.

"Insgesamt lagen die Bestellungen im Verarbeitenden Gewerbe immer noch auf hohem Niveau", betonte das Bundeswirtschaftsministerium. Gemessen am Februar 2020, dem Monat vor Beginn der Einschränkungen im Zuge der Corona-Pandemie, liegen die Aufträge noch immer um 8,5 Prozent höher. Verglichen mit dem deutlich von der Pandemie beeinträchtigten Vorjahresmonat August 2020 zogen sie sogar um 11,7 Prozent an.

Für das schwache Abschneiden sorgte die geringere Auslandsnachfrage. Sie fiel um 9,5 Prozent schwächer aus als im Vormonat. Dabei nahmen die Aufträge aus der Euro-Zone um 1,6 Prozent zu, während die aus dem restlichen Ausland um 15,2 Prozent schrumpften. Die Bestellungen aus dem Inland ließen um 5,2 Prozent nach.

Führende Institute haben gerade erst ihre Wachstumsprognose für die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr deutlich gesenkt, weil die Industrie zwar auf prallen Auftragsbüchern sitzt, wegen fehlender Vorprodukte wie Mikrochips aber mit der Produktion nicht hinterherkommt. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) schraubte deshalb seine Wachstumsprognose von 3,9 auf 2,6 Prozent nach unten.

Von Reuters befragte Ökonomen hatten für August lediglich mit einem Rückgang bei den Aufträgen der deutschen Industrie um 2,1 Prozent gerechnet. In ersten Reaktionen hieß es dazu:

CARSTEN BRZESKI, ING:

"Die heutige Enttäuschung hat auch eine positive Seite: Sie bringt eine gewisse Erleichterung für die deutschen Hersteller, die zunehmend unter hohen Auftragsbeständen leiden. Angesichts der immer noch gut gefüllten Auftragsbücher und der niedrigen Lagerbestände dürfte die Zukunft der Industrieproduktion äußerst rosig sein. Wenn da nicht die anhaltenden Spannungen in der Lieferkette wären.

Es bleibt zu hoffen, dass die Enttäuschung über die Auftragseingänge im August nur eine einmalige Erscheinung war und nicht der Beginn einer eher strukturellen Abschwächung der industriellen Nachfrage."

ALEXANDER KRÜGER, BANKHAUS LAMPE:

"Das Ergebnis ist auf den ersten Blick ein Schock, schmerzt auf dem höheren Niveau aber weniger als in normalen Zeiten. Immerhin verhindern anhaltende Logistikprobleme nach wie vor, dass Aufträge abgearbeitet werden. Auftragsstornierungen werden daher eher zunehmen. Ohne eine Entspannung bei den Lieferketten wird die Industrie weiter darben. Die Industrie wird auch im vierten Quartal ein Wachstumshemmschuh bleiben."

THOMAS GITZEL, VP BANK:

"Das satte Minus bei den Auftragseingängen zeigt, der Materialmangel bremst auch die Auftragseingänge kräftig ein. Wenn ohnehin klar ist, dass nicht geliefert werden kann, bestellen viele Unternehmen erst gar nicht.

Die deutsche Industrie muss derzeit eine schmerzhafte Durststrecke überwinden. Doch der wirtschaftliche Ausblick bleibt günstig - das ist, was zählt. Es wird zu kräftigen Nachholeffekten kommen. Die Auftragsbücher sind proppenvoll und die Läger leer. Bessere Voraussetzungen für eine gutlaufende Industriekonjunktur gibt es kaum. So sehr die Materialknappheit im laufenden Jahr belastet, so sehr kann das verarbeitende Gewerbe wieder auf bessere Zeiten hoffen."

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Gestiegene Betriebskosten: Wachsender Druck auf Produktionsbetriebe

Die deutsche Wirtschaft steht im Jahr 2026 vor enormen Herausforderungen, welche die Gewinnspannen der Betriebe spürbar verringern. Laut...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen Heizkosten steigen 2026: So teuer wird das Heizen
22.09.2026

Für viele Haushalte wird das Heizen 2026 teurer – besonders bei Öl und Holzpellets. Eine neue Prognose zeigt, welche Heizarten stärker...

DWN
Finanzen
Finanzen Bitcoin-Kurs springt über 85.000 Dollar. Was hat die Erholung ausgelöst?
22.09.2026

Der Bitcoin-Kurs ist wieder deutlich gestiegen und kletterte über 85.000 Dollar. Bemerkenswert ist der Rebound, da kurz zuvor zwei...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Insolvenz: So schützen Unternehmer ihr Privatvermögen
22.09.2026

Gerät die Firma ins Wanken, kann es schnell um mehr gehen als das Unternehmen. Plötzlich stehen auch Haus, Depot und Ersparnisse auf dem...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Mercedes-Benz-Aktie: Arbeitszeit in der Diskussion – Konzern setzt deutsche Werke unter Druck
22.09.2026

Mercedes hält seine deutschen Werke für zu teuer und fordert mehr Arbeit für das gleiche Geld. Um den Druck zu erhöhen, legt der...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Quereinstieg wird zum Karrieremodell: Wo Quereinsteiger gefragt sind
22.09.2026

Ein neuer Job, ein anderer Berufsweg, neue Perspektiven: Für immer mehr Menschen in Deutschland ist der Quereinstieg eine attraktive...

DWN
Finanzen
Finanzen Vonovia-Aktie unter Druck: Enteignungsdebatte kehrt zurück
22.09.2026

Die Vonovia-Aktie gerät nach der Berlin-Wahl erneut unter Druck und fällt auf den niedrigsten Stand seit Sommer 2023. Der Wahlsieg der...

DWN
Technologie
Technologie Datendurst: Rechenzentren verschärfen Deutschlands Wasserproblem
22.09.2026

Deutschlands Rechenzentrumskapazitäten sollen bis 2030 massiv wachsen, sich mindestens verdoppeln – und brauchen dafür nicht nur immer...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft EU und Philippinen einigen sich auf Freihandelsabkommen
22.09.2026

Neue Chancen für Maschinen, Arzneimittel und Schweinefleisch: Die Europäische Union und die Philippinen haben sich auf...