Wirtschaft

Trotz CO2-Politik: Der LNG-Boom hält an, Nachfrage wird weiter steigen

Flüssiggas ist nicht nur aktuell extrem nachgefragt, sondern steht auch vor einer goldenen Zukunft. Dies belegen die weltweiten Investitionen in Milliardenhöhe.
30.10.2021 09:15
Aktualisiert: 31.10.2021 10:45
Lesezeit: 3 min
Trotz CO2-Politik: Der LNG-Boom hält an, Nachfrage wird weiter steigen
Aktivisten demonstrierten am 30. Juli gegen den Bau von LNG-Terminals in Brunsbüttel und Stade. (Foto: dpa) Foto: Ulrich Perrey

Morgan Stanley sagte Anfang der Woche, dass die Nachfrage nach verflüssigtem Erdgas bis zum Jahr 2030 noch um 25 bis 50 Prozent steigen dürfte. Die Spotpreise für LNG könnten in den nächsten zehn Jahren um durchschnittlich 40 Prozent über dem letzten Fünfjahresdurchschnitt liegen. Die Bank hat ihre langfristige Preisprognose für den Rohstoff auf 10 Dollar pro Million British Thermal Units angehoben. Anfang des Monats war der Preis in Asien auf das Rekordhoch von 56 Dollar pro Million British Thermal Units angestiegen, wie Reuters berichtete.

"Eine solche Volatilität hat es in der Geschichte der LNG-Märkte noch nie gegeben", sagte A. K. Singh, der Geschäftsführer der indischen Petronet, auf einer Branchenveranstaltung in der vergangenen Woche. "Wir haben die niedrigsten und die höchsten Preise im letzten Jahr erlebt", zitiert ihn Reuters. Die aktuell hohen Preise würden die Menschen dazu veranlassen, mehr langfristige Verträge abzuschließen als sonst, und das könnte sehr gut für die Gaswirtschaft in der ganzen Welt sein.

Für langfristige Verträge muss jedoch ein ausreichendes Angebot vorhanden sein. Nach Ansicht der Analysten von Morgan Stanley scheint die Welt ein Defizit an verflüssigtem Erdgas zu haben und benötigt bis zum Jahr 2030 neue Lieferungen von mindestens 73 Millionen Tonnen. Dies würde Investitionen in Höhe von etwa 65 Milliarden Dollar erfordern - zusätzlich zu den 200 Milliarden Dollar an LNG-Projekten, die seit 2019 genehmigt wurden.

Der US-Energiekonzern Cheniere Energy hat vor kurzem angekündigt, 7 Milliarden Dollar in die Erweiterung seiner Verflüssigungsanlage Sabine Pass zu investieren, um die steigende Nachfrage nach LNG-Ladungen in China und Japan zu befriedigen, die die Gaspreise auf Rekordhöhen getrieben hat. Laut Anatol Feygin, dem Chief Commercial Officer von Cheniere Energy, erwartet das Unternehmen eine Genehmigung seiner Flüssiggasanlage in Texas im nächsten Jahr.

"Wir sind der Meinung, dass Asien in den kommenden Jahrzehnten der Wachstumsmotor für die LNG-Nachfrage in unserer Branche sein wird, und China ist dabei der größte Einzelposten", zitiert ihn die Financial Times. Die Investition von Cheniere in Texas ist eines von mehreren neuen LNG-Projekten in den USA, die zur Genehmigung anstehen. Die Investitionen in die langfristige LNG-Nachfrage stehen im Gegensatz zum Trend in der Öl- und Gasindustrie, die eigentlich unter Druck steht, Anlagen abzubauen, da die Welt auf sauberere Brennstoffe umsteigt.

Auch der Energiekonzern NextDecade plant, bis Ende des Jahres eine neue Anlage in Texas genehmigt zu bekommen. "Die Marktbedingungen in Europa und auf der ganzen Welt bestätigen, dass die Nachfrage nach LNG das verfügbare Angebot bei weitem übersteigt", zitiert die Financial Times Geschäftsführer Matt Schatzman. Und Mike Sabel, der CEO des Konkurrenten Venture Global sagte, dass US-Flüssigerdgas "entscheidend sein wird, um den wachsenden Bedarf zu decken und die Energiesicherheit in Europa und anderswo zu gewährleisten".

Das Emirat Katar am Persischen Golf ist der weltweit größte Exporteur von verflüssigtem Erdgas, wobei 70 Prozent des LNG nach Asien geliefert werden. Offenbar läuft die Produktion in Katar derzeit auf Hochtouren. Laut offiziellen Angaben übersteigt die Nachfrage weiterhin das Angebot. "Wir sind am Limit, da wir allen unseren Kunden die ihnen zustehenden Mengen geliefert haben", zitiert Al Jazeera Saad al-Kaabi, den Energieminister des Landes an der Ostküste der arabischen Halbinsel. "Ich bin unglücklich über die hohen Gaspreise."

Katar arbeitet derzeit an einer erheblichen Ausweitung seiner LNG-Produktionskapazitäten. Qatar Energy ist eines von wenigen Unternehmen, die in den letzten Jahren stark in Gas investiert haben. Es gibt fast 30 Milliarden Dollar für die Erweiterung des North Field aus, des größten Gasfelds der Welt, um seine jährliche Produktionskapazität von 77 Millionen Tonnen Flüssiggas bis 2025 auf 110 Millionen zu erhöhen. In einer zweiten Phase soll diese Kapazität bis 2027 auf 126 Millionen Tonnen erhöht werden.

Katars Energieminister Saad al-Kaabi sagte, Europa müsse ein "klares Zeichen" geben, ob es mehr Investitionen in Gas und zusätzliche Lieferungen aus Katar wolle oder nicht. Die Europäische Kommission hatte 2018 eine Untersuchung darüber eingeleitet, ob Katars langfristige Verträge gegen die EU-Kartellvorschriften verstoßen. Kaabi zufolge hat der Fall habe keine Grundlage. "Wir müssen verstehen, ob wir in Europa willkommen oder nicht willkommen sind."

Angesichts der für die Jahreszeit niedrigen LNG-Lagerbestände in der ganzen Welt zeigt sich Kaabi besorgt, dass möglicherweise nicht mehr genug Zeit ist, um die Vorräte vor dem Winter wieder aufzufüllen. "Ich mache mir Sorgen um die Lagerung und den Winter - die Versorgung ist das Hauptproblem", zitiert ihn die Financial Times. "Liegt es an schlechter Planung oder steigt die Nachfrage viel schneller als erwartet? Ich denke, das ist es wahrscheinlich, was passiert.

Die LNG-Käufer zeigen zunehmend Interesse daran, ihr Risiko künftiger Preisspitzen zu verringern, indem sie sich mithilfe von langfristigen Verträgen niedrigere Preise sichern. Dies bestätigt auch den langfristigen Wachstumspfad von Flüssigerdgas trotz der Warnungen der Internationalen Energieagentur (IEA), dass die LNG-Nachfrage bald ihren Höhepunkt erreichen muss, wenn die Emissionsziele des Pariser Abkommens erreicht werden wollen.

Der IEA zufolge muss die Gasnachfrage zwischen 2025 und 2030 ihren Höhepunkt erreichen und ab 2030 zurückgehen, wenn die Welt bis 2050 einen Netto-Null-Emissionsstatus erreichen will. Die jüngsten Trends bei LNG und Gas lassen daran jedoch Zweifel aufkommen. Die Tatsache, dass die Unternehmen bereit sind, Vorabinvestitionen in Milliardenhöhe in neue Produktionskapazitäten zu tätigen, deutet darauf hin, dass sie genau das Gegenteil von dem erwarten, was die IEA empfiehlt.

Auch die Prognose von Morgan Stanley stimmt mit diesen Erwartungen überein. "Entgegen den Erwartungen der Investoren wird die Welt in der Anfangsphase der Energiewende mehr LNG benötigen", schreiben die Analysten der Bank. "Konkurrierende Technologien zum Erdgas werden nicht schnell genug entwickelt werden, und es gibt erhebliche Vorteile, den Kohleverbrauch zu reduzieren, während zugleich umweltfreundlichere Brennstoffe auf dem Markt sind."

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