Technologie

Auftragswert 130 Milliarden: Russland überzieht die Welt mit neuen Atomkraftwerken

DWN-Autor Bernd Murawski analysiert die Energie-Politik der Großmächte.
07.11.2021 11:06
Lesezeit: 3 min
Auftragswert 130 Milliarden: Russland überzieht die Welt mit neuen Atomkraftwerken
Usbekistan, Taschkent, im Oktober 2018: Russlands Präsident Wladimir Putin (M) und der usbekische Präsident Schawkat Mirsijojew (r) stehen neben einem Modell des geplanten Kernkraftwerks "Nowoworoneschskaja KKW-2". (Foto: dpa) Foto: Alexei Druzhinin

Der Glasgower Klimagipfel hat gerade erst begonnen, und schon hagelt es Schuldzuweisungen. Die Hauptsündenböcke sind aus westlicher Sicht - wie nicht anders zu erwarten - China und Russland.

Die fehlende physische Präsenz Wladimir Putins und Xi Jinpings sei, so wird suggeriert, Beleg für eine mangelnde Bereitschaft, sich gegen den Klimawandel zu stemmen. Die harsche Kritik Joe Bidens an China und Russland nach dem enttäuschenden G20-Gipfel in Rom wird weitestgehend unkommentiert hingenommen. Dabei haben die USA den mit Abstand größten CO2-Ausstoß zu verantworten. Dieser Befund beruht auf einer Berechnung, die sich auf historisch akkumulierte Werte stützt. Eine faire Betrachtung würde zudem erfordern, neben dem Standort der Produktion auch den Konsum der einzelnen Staaten zu erfassen.

Allein die Berücksichtigung der Bevölkerungsgröße verändert das Bild maßgeblich. Gemessen am Pro-Kopf-Ausstoß an CO2 liegt China unter dem deutschen Niveau und auf der Hälfte des US-amerikanischen. Immerhin: Zuweilen wird die Pekinger Führung in Anbetracht ihrer ökologischen Anstrengungen aus der Schusslinie genommen. Sowohl die Resultate der vergangenen Dekade als auch die Zukunftsvorhaben sind beachtlich, was westliche Medien dann auch allgemein anerkennen. Wie steht es nun aber um Russland?

Noch vor Jahren bestanden - bis in die russische Führung hinein - Erwartungen, dass das Land von einer globalen Erwärmung profitieren könnte. Es wurden Hoffnungen gehegt, die landwirtschaftliche Anbaufläche zu vergrößern und die Nordostpassage für den ganzjährigen Schiffsverkehr zu öffnen. Doch dann gab es Dürreperioden und Rekord-Temperaturen mit Ernteeinbrüchen und vermehrten Waldbränden. Noch dramatischer erwies sich das Auftauen des Permafrostbodens, wodurch Gebäude einstürzten und Trassen unpassierbar wurden.

Es setzte sich in Russland die Einsicht durch, dass die Gesamtbilanz eher negativ ausfallen dürfte. Neben dieser Erkenntnis findet ein weiterer Aspekt Eingang in Putins jüngste Reden: Indem das Land sich für den Klimaerhalt engagiert, wird es als verantwortlicher globaler Akteur wahrgenommen. Trotz dieser neuen Signale besteht im Westen Skepsis an der Bereitschaft Moskaus, konkrete Maßnahmen umzusetzen. Dass dies nicht unberechtigt ist, zeigen polemische Attacken gegen die Klimaschutzbewegung sowie die Streuung von Zweifeln an der CO2-bedingten Erderwärmung, beides durch russische Medien.

Zudem spricht die hohe Abhängigkeit Russlands vom Export fossiler Brennstoffe für ein staatliches Interesse, Schritte in Richtung Klimaneutralität zu bremsen. Zwar wurden im Kontext mit der bevorstehenden Inbetriebnahme von Nord-Stream-2 Überlegungen angestellt, die Gaspipeline künftig für die Durchleitung von Wasserstoff zu nutzen. Wann ein Einsatz von Wasserstoff für Antrieb und Energiespeicherung wirtschaftlich rentabel sein wird, lässt sich derzeit jedoch nur schwer abschätzen.

Der ungebrochene russische Importbedarf an moderner Technologie zwingt das Land zur Sicherung von Exporterlösen. Obwohl Russland seinen Export von Grundnahrungsmitteln erheblich steigern konnte, ist es von einer breiten Diversifikation seiner Ausfuhren nach wie vor weit entfernt. Das heißt, Öl und Gas stehen weiterhin für mehr als die Hälfte der Einnahmen, was sich in naher Zukunft kaum ändern wird. Da die EU-Staaten als deren (noch) Hauptabnehmer einen Ausstieg aus fossilen Energiestoffen anstreben, richtet sich das russische Interesse verstärkt auf China. Dessen Umstellung der Stromerzeugung von Kohle auf umweltverträglicheres Erdgas dürfte eine längere Kundenbeziehung garantieren.

Das wohl größte gemeinsame Projekt der beiden Staaten ist die geplante Verlegung einer Pipeline durch das Altai-Gebirge und die Mongolei ins Reich der Mitte, wofür die Vorbereitung im nächsten Jahr abgeschlossen sein wird. Ausgangspunkt ist das Jamal-Erdgasfeld im Nordwesten Sibiriens, das als eines der ergiebigsten der Welt gilt. Die Europäer, die vor einiger Zeit als ausländische Hauptabnehmer dieser Quelle fest einkalkuliert waren, gelten inzwischen – wie bereits erwähnt - als unsicherer Kunde. Wobei neben ökologische auch politische Motive getreten sind, die auf eine Verminderung der Abhängigkeit von russischen Rohstofflieferungen zielen.

Nicht nur Erdgas, sondern auch Kernkraft wird von Russland als sein Beitrag zur Klimarettung angepriesen. Auch hier steht allerdings eher das kommerzielle Interesse im Vordergrund. Während der Ausbau der Kernenergie in Russland selbst stockt und der Anteil an der Stromerzeugung bei etwa 20 Prozent verharrt, wird der Export massiv gefördert.

Das Auftragsbuch der „Föderalen Agentur für Atomenergie Russlands“ (Rosatom) ist mit dem Bau von 35 Reaktoren zu einem Gesamtpreis von 130 Milliarden US-Dollar gefüllt. Wobei manche Projekte von Umweltschützern als höchst problematisch beurteilt werden, wie etwa das aktuell mit indischer Beteiligung geplante erste Kernkraftwerk Bangladeschs. Nicht nur der Bau auf Schwemmland ist dabei bedenklich, sondern auch die hohe Besiedlungsdichte in unmittelbarer Nachbarschaft.

Der Vorwurf an die russische Seite, wirtschaftliche Interessen zu favorisieren und ökologische Belastungen in Kauf zu nehmen, erscheint berechtigt. Er kann aber gleichsam gegen westliche Staaten erhoben werden. So wurden von Seiten der neuen US-Führung bislang nur Lippenbekenntnisse vernommen, und konkrete Klimaprogramme existieren lediglich in einigen Bundessstaaten. Ebenso muss sich Deutschland im aktuellen „Climate Transparency Report“ der G20 harte Kritik gefallen lassen. Moniert wurde insbesondere der zögerliche Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor und der Kohleverstromung.

Hinter „Klimasündern“ stehen nahezu ausnahmslos Wirtschaftsinteressen. Aber auch deren Kritiker können mittlerweile auf eine einflussreiche Unternehmenslobby verweisen. So wurde der US-Wahlkampf mancherorts als Kräftemessen zwischen Vertretern fossiler und erneuerbarer Energieträger interpretiert. Wie sich Staaten künftig zum Klimawandel positionieren, dürfte letztlich von der wirtschaftlichen Interessenkonstellation im eigenen Machtbereich abhängen.

In den EU-Staaten signalisieren die ehrgeizigen Umweltziele, dass sich das Pendel in Richtung ökologischer Umbau und Klima-Neutralität bewegt. Auch China dürfte angesichts seiner besonderen Betroffenheit und der sich eröffnenden Exportmöglichkeiten mitziehen. Die Vereinigten Staaten werden in der Klimafrage weiterhin gespalten sein. Für Russland ist anzunehmen, dass das Land eher auf die Bremse drücken wird, solange fossile Energieträger einen maßgeblichen Anteil seiner Exporterlöse ausmachen.

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