Finanzen

„Inflation außer Rand und Band“: US-Preise steigen wie seit 1990 nicht mehr

Lieferengpässe und die Preisexplosion bei Energie treiben die US-Inflation auf den höchsten Stand seit mehr als drei Jahrzehnten. Wird es in der kommenden Zeit aufgrund einer weiteren Straffung der US-Geldpolitik zu einem Börsen-Crash kommen?
10.11.2021 18:03
Lesezeit: 2 min
„Inflation außer Rand und Band“: US-Preise steigen wie seit 1990 nicht mehr
Der Vorsitzende der Federal Reserve Jerome Powell erscheint auf einem Fernsehbildschirm auf dem Parkett der New Yorker Börse, Mittwoch, 3. November 2021. (Foto: dpa) Foto: Richard Drew

Lieferengpässe und die Preisexplosion bei Energie treiben die US-Inflation auf den höchsten Stand seit mehr als drei Jahrzehnten. Waren und Dienstleistungen kosteten im Oktober 6,2 Prozent mehr als im Vorjahresmonat, wie das Arbeitsministerium am Mittwoch in Washington mitteilte. Einen derart kräftigen Preisauftrieb hat es in den USA seit November 1990 nicht mehr gegeben. Von Reuters befragte Experten hatten lediglich mit einem Wert von 5,8 Prozent gerechnet, nach einem bereits satten Preisauftrieb im September von 5,4 Prozent. Der an den Zapfsäulen und an der Supermarktkasse abzulesende Preisauftrieb rief nun auch US-Präsident Joe Biden auf den Plan: „Die Inflation trifft die Amerikaner im Geldbeutel und diesen Trend umzukehren hat für mich Top-Priorität.“

Er habe seine wirtschaftspolitischen Berater im National Economic Council (NEC) angewiesen, daran zu arbeiten, die Energiekosten zu drücken. Zugleich betonte er, dass er die Unabhängigkeit der Notenbank Fed bei seinen Bemühungen im Kampf gegen die Inflation respektiere. Die im Zuge der schockierend hoch ausgefallenen Preisdaten wieder aufgeflammte Angst vor Zinserhöhungen der Fed machte der Wall Street zu schaffen. „Auch wenn die Fed glaubt, dass die Inflation vorübergehend ist, gibt es immer mehr Anzeichen dafür, das dies nicht stimmt“, sagte Rick Meckler, Partner beim Vermögensverwalter Cherry Lane“

Auch vor dem Hintergrund der rasant steigenden Preise hatte die US-Zentralbank jüngst die Abkehr von der extrem lockeren Geldpolitik eingeleitet: „Das ist gut so, denn die Zeit für expansive geldpolitische Maßnahmen ist abgelaufen“, sagte VP-Bank Ökonom Thomas Gitzel.

Diese Entwicklung bestätigt eine Analyse des Top-Analysten David Hunter. Hunter zufolge wird die Fed ihre Geldpolitik frühzeitig weiter straffen, was jedoch zu einem Börsen-Crash von 80 Prozent führen könnte. Dieses Szenario wird in den kommenden drei bis sechs Monaten eintreten, meint Hunter.

Die US-Notenbank fährt ihre Anleihenkäufe ab Mitte dieses Monats zurück, so dass die Zukäufe von einem monatlichen Volumen von derzeit noch 120 Milliarden Dollar bis Mitte nächsten Jahres komplett abgeschmolzen sein dürften. Das Ende der Zukäufe gilt zugleich als Voraussetzung für eine Zinserhöhung. „Die Fed dürfte sich spätestens Ende nächsten Jahres gezwungen sehen, ihre zögerliche Haltung aufzugeben und eine Leitzinswende einzuleiten“, meinte Volkswirt Dirk Chlench von der LBBW. Derzeit liegt der Leitzins noch fest zementiert in der Spanne von null bis 0,25 Prozent.

„Die Inflation scheint außer Rand und Band zu sein“, sagte Ökonom Gitzel. Die USA sind dabei nicht allein auf weiter Flur, da die Preise praktisch weltweit auf dem Vormarsch sind. Grund sind aus der Corona-Krise resultierende Lieferengpässe und ein weit verbreiteter Materialmangel bei Halbleitern, Stahl, Holz und Kunststoff, der die Preise treibt. In China stiegen die Erzeugerpreise auf den höchsten Stand seit 26 Jahren. In Deutschland trieben hohe Kosten für Energie die Inflationsrate auf ein 28-Jahres-Hoch von 4,5 Prozent.

Auch in den USA heizen die hohen Energiekosten die Inflation an. Die Spritpreise an den Zapfsäulen sind auf ein Sieben-Jahres-Hoch gestiegen. Der Ölpreis hat dieses Jahr bereits mehr als 60 Prozent zugelegt.

Ökonom Bastian Hepperle vom Bankhaus Lampe verwies darauf, dass Unternehmen gestiegene Kosten zunehmend an ihre Abnehmer weitergeben würden. „Dieser Überwälzungsprozess erfasst mehr und mehr Güter, da vor allem die Probleme auf der Angebotsseite sich nicht rasch auflösen.“ In der Tat haben die US-Produzenten ihre Preise im Oktober erneut kräftig angehoben. Diese stiegen wie schon im September um 8,6 Prozent zum Vorjahresmonat. Einen kräftigeren Zuwachs hat es seit Beginn dieser Statistik im Jahr 2010 noch nicht gegeben.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Technologie
Technologie iFLYTEK AINOTE Air 2 bringt KI-gestützte Notizen in ein noch kompakteres E-Ink-Tablet

Für viele Menschen sind die besten Produktivitätstools diejenigen, die nicht versuchen, den gesamten Arbeitstag zu übernehmen. Sie...

DWN
Panorama
Panorama Sechs tote Mitarbeiter in Stade – Schwiegermutter von SPD-Migrationsbeauftragtem fuhr Fluchtwagen
03.07.2026

In einer Jugendeinrichtung im niedersächsischen Stade sind sechs Mitarbeiter erschossen wurden. Nun werfen sowohl die Recherchen zur...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Varso Tower: Zweite Glasscheibe fällt vom höchsten Gebäude der EU
03.07.2026

Erst fiel Glas auf eine Straße, jetzt beschädigte eine Scheibe ein Auto: Am Varso Tower in Warschau häufen sich Vorfälle an der...

DWN
Finanzen
Finanzen Ethisches Investieren: Der Vatikan predigt Moral und kauft Tech-Aktien
03.07.2026

Der Vatikan will Geld nach moralischen Kriterien anlegen und landet dabei ausgerechnet bei Meta, Nvidia, Apple, Amazon und Alphabet. Was...

DWN
Unternehmensporträt
Unternehmensporträt Vogelhaus mit Kamera: Wie Bird Buddy an Amerikaner vier Mal so teuer verkauft wie an Chinesen
03.07.2026

Wer ein Vogelhaus mit Kamera sucht, um Meise, Spatz und andere heimische Singvögel zu beobachten, kommt an Bird Buddy kaum vorbei. Das...

DWN
Finanzen
Finanzen KI-Blase: Warum Anleger wieder an die nächste Wunderwelt glauben
03.07.2026

Erst kaufen Kleinanleger Chipaktien auf Kredit, dann sammelt SpaceX Milliarden ein, obwohl das Unternehmen weiter Verluste schreibt. Was...

DWN
Finanzen
Finanzen Goldpreis startet gut in den Juli: Erholung oder nur eine Atempause vor neuen Kursverlusten?
03.07.2026

Ist der diesjährige Ausverkauf lediglich eine starke Korrektur nach einem außergewöhnlichen Anstieg oder der Beginn einer längeren...

DWN
Immobilien
Immobilien Explosionsartige Mietsteigerungen: Wie Sie sich gegen den Mietenwahnsinn wehren können
03.07.2026

Die Wohnkosten in Deutschlands Großstädten kennen seit Jahren nur eine Richtung: steil nach oben. Eine aktuelle Auswertung des Deutschen...

DWN
Panorama
Panorama DWN-Podcast Folge 32: Die Woche im Rückblick – KW 27
03.07.2026

Unser neuer Podcast ist da: Die ganze Woche in sieben Minuten. Der DWN-Wochenrückblick bringt die Themen, die zählen – eingeordnet,...