Deutschland

Sehnsucht nach der alten Normalität: Weihnachtsgerichte in Zeiten der dunklen Corona-Pandemie

An Weihnachten geht es traditionell zu. Das gilt auch beziehungsweise gerade fürs Essen. Auf jeden Fall soll es etwas Besonderes sein - zum Fest der Feste. Die Pandemie macht sich aber auch an der Weihnachtstafel bemerkbar.
18.12.2021 13:00
Aktualisiert: 18.12.2021 13:00
Lesezeit: 3 min

Weihnachten ist eine Art Zeitmaschine: ein Familienfest, an dem man die Familienchronik noch einmal aufschlägt - auch kulinarisch. „Bei uns gibt es jedes Jahr dasselbe an Weihnachten - nämlich Schäufele mit Kartoffelsalat, ganz einfach2, sagt Landwirtin Monika Schnaiter aus Oberhamersbach im Schwarzwald. „Aber am ersten Weihnachtsfeiertag geht's in die Vollen, dann wird richtig festlich gekocht: Fleischbrühe mit Klößchen als Vorspeise und danach Reh mit Rotkraut und Prinzesskartoffeln.“

So wie Monika Schnaiter im Schwarzwald halten es viele zu Weihnachten. Sie setzen beim Essen auf Traditionen. Es werden Gerichte gekocht, die an frühere Zeiten erinnern. So kommen einer Umfrage aus dem vergangenen Jahr zufolge am 24. Dezember bei knapp einem Fünftel Würstchen mit Kartoffelsalat (19 Prozent) auf den Tisch, knapp gefolgt von Fondue und Raclette (17 Prozent). Bei etwa jedem Zehnten gibt es Braten (Rind oder Schwein, 9 Prozent), bei jeweils 8 Prozent wird Fisch oder Geflügel serviert, bei 4 Prozent Wild. Experimente in der Küche – zum Beispiel mit veganen (2 Prozent) oder vegetarischen (5 Prozent) Gerichten - sind an Heiligabend selten, wie die Forsa-Umfrage im Auftrag des Deutschen Lebensmittelverbands ergab.

Häufig werden die Rezepte von Generation zu Generation innerhalb der Familie weitergegeben. So auch in der Familie von Schnaiter, die seit 1995 Mitglied des Landfrauenverbands Südbaden ist. „Die Rezepte geben bei uns die Mütter an die Töchter weiter. Auch ich habe Wildkochen von meiner Mutter gelernt und gebe das an meine drei Kinder weiter, diese überlieferten Dinge2, sagt die 54-Jährige.

Traditionen an der Weihnachtstafel haben eine lange Geschichte, sie gehen vor allem auf christliche Riten zurück, haben aber auch eine Funktion inne, sagt der Kulturwissenschaftler und Kulinarik-Experte Peter Peter aus München. „Es findet ja in den wenigsten Familien im Alltag noch eine traditionelle deutsche Küche statt – anders an Weihnachten. Die Food-Blogs sind voll mit klassischen Gerichten in dieser Zeit. Man zoomt sich zu Weihnachten künstlich in altmodische Zeiten zurück“, erklärt Peter. So sei Weihnachten „eine kulinarische Zeitmaschine, denn gerade an diesen Tagen gibt es oft den Wunsch, Gerichte der Kindheit zu wiederholen.“ Man schaue sich alte Fotos an, schwelge zusammen in Erinnerungen.

Aber es gibt noch mehr Gründe, warum das Essen an Weihnachten eine so große Bedeutung hat. „Essen ist das große Leitnarrativ unserer Gesellschaft geworden, es stiftet Identität in einer Welt, die sich immer schwieriger erklären lässt“, erklärt der Kulturantrophologe Prof. Gunther Hirschfelder von der Universität Regensburg. Das sei ein Grund, darüber hinaus solle es auch immer was Besonderes sein. „Wir befinden uns an Weihnachten in einer Sondersituation, in einer Ventilsituation. Viele essen in diesen Tagen Dinge, die sie sonst nicht essen, aber an Weihnachten werden dann die großen Ausnahmen gemacht, man gönnt sich was.“

Die Pandemie habe diese Entwicklung gefördert, sagt Hirschfelder. „Wir sind eine Erlebnisgesellschaft mit wenig Erlebnissen. Durch die coronabedingt wegfallenden Möglichkeiten, Geld auszugeben, wird die Bereitschaft, mehr fürs Essen zu bezahlen, geboostert“, glaubt er. Exotik sei dabei jedoch nicht gefragt, sondern eben die Klassiker auf dem Teller. „Traditionelle Gerichte an Weihnachten sind emotionale Ankerwürfe – man sucht vermeintlich Vertrautes. Wir suchen Sicherheit in der Vergangenheit, in der alles Alte zum Wertvollen gerät. ,Alle Jahre wieder‘ ist heute ein Versprechen, dass es wieder zurück zur guten alten Normalität kommt. Wir haben eine Sehnsucht nach dem Früher – und diese traditionellen Gerichte markieren das“, führt der Wissenschaftler weiter aus.

Aber warum essen wir eigentlich das, was wir essen? Was ist die Geschichte der Gerichte an Weihnachten? „Würstchen mit Kartoffelsalat ist ein Gericht, das ursprünglich aus dem katholischen Fastenverständnis kommt. Es ist ein einfaches und günstiges Essen, das nicht viel Arbeit macht und leichter ist als der Gänsebraten, wenn man zu später Stunde aus der Christmette kommt“, so Peter. Gleiches gelte für den Karpfen auf dem Teller an Heiligabend. Denn schließlich ende die Fastenzeit erst in der letzten Stunde des 24. Dezembers und die Fastenzeit lasse Fisch zu, aber kein Fleisch.

Fondue und Raclette seien hingegen „ein Kind der 68er-Generation“, so der Experte für Kulinarik. „Es geht zurück auf die Entwicklung des Skitourismus. Bis in die frühen 60er-Jahre kam man in schicken Grand Hotels unter. Dann tauchten die urigen Skihütten auf, die Chalets, wo das kernige Fondue aufgetischt wurde. Es ist ein praktisches Essen, das nicht großartig vorbereitet werden muss und die Hausfrau entlastet.“ Jeder bereite sein Essen praktisch selbst zu, es fördere Tischgespräche. Durch die Tatsache, dass alle aus einem Topf essen, ist es in den Augen des Kulturwissenschaftlers Peter ein geradezu demokratisches Gericht, das den Geist der Sixties widerspiegele.

Aber Weihnachtsküche ist auch immer Jahreszeitenküche - auch das zeigt sich in den traditionellen Gerichten. Das weiß auch Landfrau Monika Schnaiter. „Wir haben hier im Schwarzwald noch lange selbst geschlachtet und daher auch die Brühe aus den Knochen gekocht. Früher hat es ja keinen Salat im Winter gegeben, aber dafür Kohl - in allen Variationen.“ Und Kohl wird bei der Familie jedes Jahr an Weihnachten zum Wild gereicht.

Aber wenn eine der Töchter zu Weihnachten kommt, die sich vegetarisch ernährt, zeigt sich Familie Schnaiter - zumindest an Heiligabend - kulinarisch flexibel. Da gibt es statt dem Schäufele mit Kartoffelsalat auch mal einen Gemüsebratling. „Das essen dann auch alle mit“, sagt Monika Schnaiter. Doch am ersten Weihnachtsfeiertag kommt dann doch wieder der Rehbraten auf den Tisch. Da bleiben die Schnaiters der Weihnachtstradition treu.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Panorama
Panorama Ozempic und Mounjaro: Die gefährliche Wahrheit über den schnellen Gewichtsverlust
10.08.2026

Ozempic und Mounjaro lassen die Kilos purzeln und bringen selbst quälende Gedanken ans Essen zum Schweigen. Doch der schnelle Erfolg kann...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Marktbericht: Wall Street gibt angesichts anhaltender Hormus-Unsicherheit leicht nach
10.08.2026

Erfahren Sie, welche geopolitischen Entwicklungen und Marktschwergewichte die Wall Street heute bewegen.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Yen-Intervention erschüttert die EZB und stellt Europas Vertrauen auf die Probe
10.08.2026

Washington stützt den Yen und greift dafür ausgerechnet auf Euro zurück. Dass die EZB erst nach der Intervention informiert wurde,...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Europa erhitzt sich: Wegen sinkender Flüsse werden Kraftwerke gestoppt
10.08.2026

Über Europa zieht bereits die vierte Hitzewelle dieses Jahres hinweg. Die Hitze wird nicht nur mit Tausenden zusätzlichen Todesfällen in...

DWN
Politik
Politik Rente, Haushalt, Wahlen - welche Probleme auf Merz warten 
10.08.2026

Das Regierungsviertel in Berlin döst noch vor sich hin. Doch ein stürmischer Herbst kündigt sich an: Auf den Kanzler warten nicht nur...

DWN
Finanzen
Finanzen Bankenkrise Europa: Krieg wird zur größten Gefahr für das Finanzsystem
10.08.2026

Europas größte Banken halten militärische Konflikte inzwischen für die gefährlichste Bedrohung ihrer Bilanzen. Eine neue Untersuchung...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Unternehmer Stihl vor Tarifrunde: 35-Stunden-Woche nicht mehr zeitgemäß
10.08.2026

Rückkehr zur 40-Stunden-Woche – für dasselbe Gehalt? Nikolas Stihl sieht die 35-Stunden-Woche als Luxus vergangener Tage. Wie seine...

DWN
Immobilien
Immobilien Wohnungsmangel treibt Preise: Mieten in Deutschland steigen deutlich
10.08.2026

Für Mieter gibt es weiter kaum eine Atempause: Ihre Wohnkosten ziehen kräftig an. Auch bei den Immobilienpreisen geht es bergauf. Die...