Deutschland

Verordneter Restaurant-Lockdown landet vor dem BGH

Der Streit um Entschädigungen für die staatlich verordnete Schließung von Restaurants und Cafés in der Corona-Pandemie hat den Bundesgerichtshof erreicht.
22.01.2022 10:36
Aktualisiert: 22.01.2022 10:36
Lesezeit: 2 min
Verordneter Restaurant-Lockdown landet vor dem BGH
Der Mitarbeiter einer Gaststätte rollt einen Stapel Stühle auf den Marktplatz. (Foto: dpa) Foto: Uwe Anspach

Der Streit um Entschädigungen für die staatlich verordnete Schließung von Restaurants und Cafés in der Corona-Pandemie hat den Bundesgerichtshof (BGH) erreicht. Am Mittwoch (26. Januar) wird die Klage eines Gastwirts aus Schleswig-Holstein gegen den Kölner Versicherer AXA verhandelt, bei dem er eine Betriebsschließungsversicherung abgeschlossen hatte. Von der AXA will er den Umsatzausfall für 30 Tage ersetzt bekommen, nachdem er sein Gasthaus nach dem Virus-Ausbruch im März 2020 zeitweise schließen musste und nur einen Lieferdienst anbieten durfte. Es ist das erste von rund 160 Verfahren, die laut BGH in Karlsruhe anhängig sind. Vor dem Landgericht Lübeck und vor dem Schleswig-Holsteinischen Oberlandesgericht war der Gastronom abgeblitzt.

Für die Versicherer drohte sich ein Nischenprodukt in der Pandemie plötzlich zum riesigen Verlustbringer zu entwickeln. Gedacht war die Betriebsschließungsversicherung für Fälle, in denen ein Haus auf Anordnung des Gesundheitsamts vorübergehend schließen muss, etwa weil in der Küche Salmonellen festgestellt wurden oder der Koch an einer ansteckenden Krankheit leidet. An eine Pandemie mit flächendeckenden Schließungen dachte bei den Versicherern dabei niemand - und auch die meisten Wirte nicht. Einige Versicherungsmakler hatten allerdings noch Policen mit dem Verweis auf die Pandemie verkauft, als diese schon von Asien nach Europa herüberschwappte, wie zahlreiche Kunden berichteten.

Nur gut zwei Prozent der 3,5 Millionen Betriebe in Deutschland hatten eine solche Police abgeschlossen, für Prämien von wenigen hundert Euro im Jahr. Bei Einnahmen von 26 Millionen Euro aus diesem Produkt zahlten die Versicherer 2020 mehr als 900 Millionen Euro an die Kunden - einige freiwillig, wie der HDI (Talanx), andere nach teilweise kostspieligen Vergleichen, ohne die es aber noch teurer für sie geworden wäre. Schlagzeilen machte der Wirt des Biergartens am Nockherberg in München, der sich mit der Allianz auf eine Millionensumme einigte, als dem Versicherer eine Niederlage vor Gericht drohte.

470 Betriebe zogen nach Daten des Branchenverbandes GDV vor Gericht. Auch wenn die Versicherer dort in erster Instanz in 90 Prozent, in zweiter Instanz sogar in 95 Prozent der Fälle Recht bekamen: In den Verfahren zeigte sich, dass die Klauseln in den Verträgen nicht eindeutig formuliert waren. Einige zählten die meldepflichtigen Krankheiten auf, bei denen gezahlt würde, andere verwiesen pauschal auf das Infektionsschutzgesetz, in den das Covid-19-Virus erst nach dem Ausbruch aufgenommen wurde.

Insofern ist der Fall aus Schleswig-Holstein typisch: In den Versicherungsbedingungen der AXA sind die Krankheiten einzeln aufgezählt. Doch die Anwälte des Gastronomen argumentieren, dass es sich dabei nicht um eine abschließende Liste handeln könne. Das OLG Schleswig ließ sich auf diese Debatte gar nicht ein: Die Versicherung müsse nur zahlen, wenn „eine konkrete, einzelfallbezogene Maßnahme zur Bekämpfung einer gerade aus dem konkreten Betrieb erwachsenden Infektionsgefahr erfolgt“, hieß es in dem Urteil. (Az.: 156 U 25/21) Allgemeinverfügungen zur Eindämmung der Pandemie fielen nicht darunter.

Ob der BGH der Argumentation folgt, wird sich am Mittwoch zeigen. Auch die AXA wartet gespannt darauf: „Wir begrüßen, dass sich der Bundesgerichtshof in einem konkreten Fall mit der Frage des Geltungsbereichs der Betriebsschließungsversicherung auseinandersetzt und damit - unabhängig davon, wie das Verfahren ausgeht - in identischen Fällen Rechtssicherheit für unsere Versicherten und auch uns schafft.“ Ob das Urteil Pilotcharakter hat, hängt von der Begründung ab. Für die Versicherer hält sich das Risiko so oder so in Grenzen. In den neuen Musterbedingungen für die Betriebschließungsversicherung, die der GDV entworfen hat, sind Pandemien ausdrücklich ausgeschlossen.

Die Corona-Folgen für die Gastronomie beschäftigen den BGH aber weiter: Am 3. März wird über die Klage eines Hoteliers und Wirts aus Brandenburg verhandelt. Er will Schadenersatz für die Ausfälle - vom Land.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Panorama
Panorama Neom: Saudi-Arabien bremst seinen Billionen-Traum
03.09.2026

Saudi-Arabien wollte mit Neom zeigen, wie die Stadt der Zukunft aussieht. Doch nun stockt ausgerechnet das spektakulärste Prestigeprojekt...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Märkte im Überblick: US-Aktien erholen sich, während der Dow Jones die 53.000er-Marke hält
02.09.2026

Erfahren Sie, welche treibenden Kräfte und überraschenden Entwicklungen die jüngste Bewegung an der Wall Street bestimmen.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Staatsdefizit und Schuldenquote wachsen rasant: Deutschland reißt die Maastricht-Grenze
02.09.2026

Der deutsche Staat lebt deutlich über seine Verhältnisse: Während die Einnahmen im ersten Halbjahr um 2,8 Prozent zulegten, erhöhten...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Europäische Autoindustrie: Warum der große Stellenabbau erst beginnt
02.09.2026

Europas Autobauer verdienen noch Milliarden und streichen trotzdem Tausende Stellen. Hohe Löhne, teure Energie, schwach ausgelastete Werke...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Halberstädter Würstchen sind Geschichte: Ostdeutsches Unternehmen schließt Fabrik
02.09.2026

Hohe Kosten haben das traditionsreiche Unternehmen Halberstädter aus Sachsen-Anhalt in die Insolvenz getrieben. Ein neuer Investor ließ...

DWN
Politik
Politik Trump, China und Europas Industrie: EU-Klimachef schlägt Alarm
02.09.2026

Donald Trump steigt aus der internationalen Klimapolitik aus, China überschwemmt Europa mit staatlich gestützter grüner Technologie und...

DWN
Politik
Politik CO2-Emissionen: TU München wirft EU falsche Klimavorgaben für Autos vor
02.09.2026

Wissenschaftler der TU München werfen der EU "Fehlsteuerung" bei den Klimazielen für Autos vor. Die Kritik zielt darauf, dass in den...

DWN
Politik
Politik Kabinett beschließt Einkommensteuerreform
02.09.2026

Das Bundeskabinett hat die umstrittene Reform der Einkommensteuer beschlossen. Das Paket startet nun in die konkrete Gesetzgebung. Zur...