Wirtschaft

Institut erwartet jahrelange „Stagflation“ in Europa

Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW Köln) warnt vor einer langen Phase wirtschaftlicher Stagnation in Europa. Es riecht nach Rezession.
24.01.2022 09:41
Aktualisiert: 24.01.2022 09:41
Lesezeit: 3 min

Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW Köln) warnt vor einer langen Phase wirtschaftlicher Stagnation bei gleichzeitiger hoher Inflation. "Europa droht eine Stagflation, wenn die Politik nicht aufpasst", sagte IW-Direktor Michael Hüther der Welt. "Ich rede hier nicht über dieses oder kommendes Jahr, sondern weit in das Jahrzehnt hinein, das vor uns liegt." Eine längere Phase der Stagflation sei eine reale Gefahr.

Klima-Politik verstärkt Entwertung des Geldes

Die ambitionierten Klimapolitiken von EU und Bundesregierung, die auf permanent steigende CO2-Sondersteuern setzten, könne die Inflation in den kommenden Jahren treiben. "Unsere Klimapolitik kann eine Stagflation auslösen", sagte Hüther. Wenn die Politik die deutschen Klimaziele und die der EU ernst nehme, dann müsse die CO2-Sondersteuer als zentrales Steuerungselement in den nächsten Jahren steigen - und zwar relativ schnell. Hinzu kämen mit dem Fachkräftemangel und steigenden Löhnen weitere Preistreiber. Steigende Löhne und Preise könnten sich dabei immer weiter aufschaukeln. Experten sprechen hier von einer Lohn-Preis-Spirale.

Lesen Sie dazu: Klima-Inflation führt zu „ungewöhnlich starken Reallohnverlusten“ der Deutschen

Gleichzeitig bestehe die Gefahr, dass die Wirtschaft in Europa stagniere. "Das Risiko, dass die EU-Volkswirtschaften kaum noch wachsen, ist real", sagte der Ökonom. "Dann nämlich, wenn wir die Transformation der Wirtschaft nicht hinbekommen und die Unternehmen in der Energiewende überfordern." Dann drohe eine Situation wie in den 70er-Jahren, als Automation und Ölpreisschock für Entlassungen und Pleiten mit dauerhafter Arbeitslosigkeit sorgten. Das könne jetzt wieder passieren, zumal Alterung und Schrumpfung der Erwerbsbevölkerung die Produktivität schwächten. "Wenn die Politik nicht aufpasst und die Unternehmen überfordert, gleiten wir von einem Goldenen Jahrzehnt in ein sehr trübes Jahrzehnt", sagte IW-Direktor Hüther.

Lockdowns verursachen gigantische Schäden

Das IW kommt zum Ergebnis, dass der Wertschöpfungsausfall bei rund 350 Milliarden Euro liegt. Ein Großteil davon gehe auf Ausfälle beim privaten Konsum zurück, unter anderem wegen Lockdown-Maßnahmen.

Selbst wenn zum Jahresende 2022 beim Bruttoinlandsprodukt das Vorkrisenniveau wieder erreicht werden sollte, bestehe auch dann noch eine „markante Lücke“ zur Wirtschaftsleistung im Vergleich dazu, wenn es die Pandemie nicht gegeben hätte, heißt es in einem IW-Kurzbericht. Dieser lag der Deutschen Presse-Agentur vor. „Erst mit einem kräftigen Wirtschaftswachstum in den nächsten Jahren können Stück für Stück die Wertschöpfungs- und Einkommenslücken infolge der Pandemie wieder geschlossen werden.“

Im Krisenjahr 2020 war die Wirtschaftsleistung nach jüngsten Daten um 4,6 Prozent eingebrochen. Vor allem wegen eines flächendeckenden Lockdowns sowie unterbrochener Lieferketten und Produktionsausfälle im Frühjahr 2020 nach dem Ausbruch der Pandemie war die Konjunktur eingebrochen. Die Politik hatte milliardenschwere Hilfsmaßnahmen beschlossen, um die Folgen für Jobs und Firmen abzumildern.

Laut der IW-Modellrechnung dürften über die vergangenen acht Quartale hinweg Ausfälle beim privaten Konsum in Deutschland von insgesamt 270 Milliarden Euro eingetreten sein. Beim privaten Konsum sei es auch zu „Verhaltensänderungen“ gekommen, erläuterte der Autor der Analyse, Michael Grömling. Das bedeute: Auch wenn Kinos, Theater und Restaurants wieder offen waren, hätten sich viele Bürgerinnen und Bürger trotzdem aus Vorsichtsgründen zurückgehalten und auf einen Kino- oder Restaurantbesuch verzichtet.

Während der Pandemie hat sich die Sparquote der privaten Haushalte deutlich erhöht - sprich: die Verbraucher legten Geld auf die hohe Kante. Im Jahresgutachten der „Wirtschaftsweisen“ hieß es, wenn pandemiebedingte Einschränkungen oder länger anhaltende Liefer- und Kapazitätsengpässe schneller überwunden werden, könne die „aufgestaute“ Konsum- und Investitionsnachfrage für einen dynamischeren Aufschwung sorgen.

Denn während der Pandemie wurde auch deutlich weniger investiert. Laut IW-Studie gab es bei den sogenannten Bruttoanlageinvestitionen zum Beispiel in Maschinen „merkliche Ausfälle.“ Hätte es die Pandemie nicht gegeben, wären die gesamten Investitionen in Deutschland in den vergangenen beiden Jahren in preisbereinigter Betrachtung um rund 60 Milliarden Euro höher ausgefallen. Dies wirke langfristig bremsend auf die wirtschaftliche Entwicklung.

Zwar stehen laut IW den Einbußen beim privaten Konsum und bei den Investitionen kräftige Impulse vonseiten des Staatskonsums entgegen - infolge von Konjunkturpaketen und pandemiebedingter Zusatzausgaben. Auch vom Export kamen merklich positive Konjunkturimpulse. Dennoch ergebe sich ein Wertschöpfungsausfall in Höhe von fast 350 Milliarden Euro. Auch in den kommenden Quartalen werde es zu beträchtlichen Einbußen kommen - im Vergleich zu einer pandemiefreien Zeit. Die Einbußen könnten sich allein im ersten Quartal 2022 auf weitere 50 Milliarden Euro belaufen, wenn es infolge der Omikron-Welle zu deutlichen Beeinträchtigungen im Wirtschaftsleben komme.

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