Deutschland

Neue Lage: Volkswirte erwarten Inflationsrisiken auf hohem Niveau

Die Preissteigerungen wurden von Fachleuten lange Zeit als vorübergehend angesehen. Nun erweisen sich die hohen Preise als hartnäckiger als zunächst erwartet.
30.01.2022 17:38
Lesezeit: 1 min
Neue Lage: Volkswirte erwarten Inflationsrisiken auf hohem Niveau
Fleisch, Obst und Gemüse wird noch teurer. (Foto: dpa) Foto: Arne Dedert

Die Gefahr einer anhaltend höheren Inflation in Deutschland ist nach Ansicht von Volkswirten führender Wirtschaftsinstitutionen deutlich gestiegen. „Noch nie waren die Aufwärtsrisiken auf einem so hohen Niveau wie jetzt“, sagte Katharina Utermöhl von der Allianz-Gruppe in einer dpa-Umfrage. Auch Marc Schattenberg von Deutsche Bank Research glaubt: „Die treibenden Faktoren haben an Breite gewonnen.“

Die Wirtschaftsweise Veronika Grimme ergänzt: „Man muss sehr achtsam bleiben, ob eine Lohn-Preis-Spirale einsetzt und in dem Fall konsequent geldpolitisch gegensteuern.“ Preissteigerungen beim Einkauf würden von den Herstellern zum Teil erst noch mit Zeitverzug weitergegeben. Produzenten hatten zuletzt mit erheblichen Preissteigerungen beim von Lieferengpässen betroffenen Material, bei Frachtkosten und bei Energiepreisen zu kämpfen.

Allerdings: Ein struktureller Anstieg der Inflation sei noch nicht zu erkennen, sagte Utermöhl. Sie rechnet damit, dass die Teuerung im Durchschnitt des kommenden Jahres wieder die Zielmarke von zwei Prozent erreicht. Die Europäische Zentralbank werde die Situation in Deutschland genau beobachten. Einen Zinsschritt der Zentralbank sieht sie aber vor der zweiten Hälfte 2023 nicht. Vorher, glaubt auch Veronika Grimm, müssten zunächst die Anleihekäufe zurückgefahren werden. „Wir sind nicht in einer Situation wie in den USA. Dort ist die wirtschaftliche Erholung Europa voraus, bei noch mal höheren Inflationsraten“, sagte sie mit Blick auf bevorstehende Zinserhöhungen der US-Notenbank Federal Reserve.

Die Konjunktur werde durch den rasanten Anstieg der Corona-Zahlen in der Omikron-Welle weiter belastet. „Das Hochschnellen der Infektionszahlen dürfte die wirtschaftliche Aktivität in den nächsten Monaten weiter nach unten drücken“, sagte die Chefvolkswirtin der staatlichen Bankengruppe KfW, Fritzi Köhler-Geib. „Die Pandemie hängt wie ein Damoklesschwert über der Konjunktur“, sagte Katharina Utermöhl.

„Für das Winterhalbjahr erwarte ich mit zwei negativen Quartalswachstumsraten eine technische Rezession“, betonte Köhler-Geib. Auch Marc Schattenberg sagte: „Wir rechnen mit einer leichten technischen Rezession.“ Im Frühjahr erwartet Schattenberg jedoch eine rasche Erholung und für das Gesamtjahr 2022 eine satte Erholung mit einem Wachstum der Wirtschaftsleistung von vier Prozent. Katharina Utermöhl von der Allianz ist mit einer Wachstumserwartung von drei Prozent etwas vorsichtiger.

KfW-Chefvolkswirtin Köhler-Geib wies in diesem Zusammenhang auf den anhaltenden Fachkräftemangel in Deutschland hin. „Der Wettbewerb um knappe Arbeitskräfte hat sich dadurch verschärft“, sagte sie. „Alles in allem stehen die Zeichen am Arbeitsmarkt damit bisher weiter auf Erholung.“ Schattenberg erwartet für Januar zwar einen kräftigen Anstieg der Arbeitlosenzahl, saisonbereinigt aber sogar eine leicht günstigere Entwicklung. „Der Arbeitsmarkt dürfte robust durch den Winter kommen. Fachkräfte werden gesucht und auch eingestellt“, sagte er.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Damit Sie sich auf Ihr Unternehmen konzentrieren können

Ein Unternehmen zu führen, bedeutet, täglich Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig soll möglichst...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Politik
Politik Russlands ehemaliger Ministerpräsident: Putin machte einen Fehler, den er nicht eingestehen kann
13.10.2026

Russlands früherer Ministerpräsident Michail Kasjanow glaubt nicht an ein baldiges Ende des Ukraine-Kriegs. Putin wisse vermutlich, dass...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Märkte: Wall Street uneinheitlich vor Beginn der Berichtssaison
12.10.2026

Spannung an den US-Börsen: Erfahren Sie, welche entscheidenden Faktoren und Quartalszahlen die Märkte aktuell bewegen.

DWN
Politik
Politik Kritische Rohstoffe: EU startet 46 neue Projekte, doch die alten scheitern
12.10.2026

Europa will sich aus Chinas Rohstoffklammer befreien. Dafür bringt Brüssel 46 neue strategische Projekte auf den Weg, die Investitionen...

DWN
Politik
Politik Putin ist erfolgreicher, als uns lieb sein kann: Analyst weist auf großen Fehler der NATO hin
12.10.2026

Sabotage, Drohnen und Angriffe auf Infrastruktur: Nach Einschätzung des Russland-Experten Mason Clark verfolgt der Kreml damit ein...

DWN
Politik
Politik Er verlor den Kampf um die Macht gegen Trump und Vance: Jetzt warnt er seine Partei
12.10.2026

Tim Walz hat die Niederlage von 2024 noch nicht abgehakt. Im Interview erklärt der frühere Vizepräsidentschaftskandidat, warum die...

DWN
Finanzen
Finanzen McDonalds-Aktie: Ausverkauf an der Börse – haben die Anleger die Burger satt?
12.10.2026

Die McDonalds-Aktie ist auf den niedrigsten Stand seit vier Jahren gefallen und hat innerhalb von neun Monaten fast ein Drittel ihres...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft EU-Handelskompromiss mit China: Was der Deal Deutschland bringt
12.10.2026

Nach wochenlangen Spannungen haben sich die Europäische Union und China auf erste konkrete Schritte zur Entschärfung ihres...

DWN
Politik
Politik Trumps überraschende Entscheidung, russischen Kraftstoff in die USA zu importieren, sorgt weltweit für Aufsehen
12.10.2026

Donald Trumps Vereinbarung mit Russland zeigt den wachsenden Druck, die Kraftstoffpreise zu senken, und markiert einen deutlichen...