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„Weckruf für den Westen“: Wird China zum Vorreiter in Nanotechnologie?

Kampf um die Hightech-Hoheit: Auf dem Feld der Nanotechnologie droht die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt die USA in den Schatten zu stellen.
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16.03.2022 17:15
Aktualisiert: 16.03.2022 17:15
Lesezeit: 3 min
„Weckruf für den Westen“: Wird China zum Vorreiter in Nanotechnologie?
Bei der Erforschung und Entwicklung von Nanotechnologie setzt das chinesische Ministerium für Wissenschaft und Technologie auf enge Zusammenarbeit mit privaten Unternehmen. (Foto: dpa)

Ein stetig größer werdender Talentpool und ein aktivierender Staat, der eng mit privaten Unternehmen zusammenarbeitet und diese mit hohen Subventionen unterstützt: Dieses Erfolgsrezept macht China zum Vorreiter in der Nanotechnologie. Anderen Ländern dürfte es schwerfallen, den Vorsprung aufzuholen – vor allem auch, weil China gerade erst auf die Überholspur gewechselt ist und seinen Vorsprung künftig sogar noch weiter ausbauen dürfte.

So jedenfalls das Urteil des US-amerikanischen Wissenschaftlers und Hochschullehrers Mahbube K. Siddiki, der unter anderem auf den Gebieten der Nano- und Quantentechnologie sowie der Robotik und autonomen Systeme forscht – und in der gegenwärtigen Situation einen „Weckruf für den Westen“ sieht. In einem Artikel, den der Forscher im „Small Wars Journal“ veröffentlichte, fordert er, dass der Westen unverzüglich Schritte einleiten müssen, um wieder die Führungsrolle auf dem Gebiet der Nanotechnologie zu übernehmen.

Innovationen und Subventionen locken Forscher zurück nach China

Dass die Nanotechnologie-Industrie in China sich so rasant vorwärtsbewegt, hat sie laut Siddiki erheblichen staatlichen, Subventionen, dem stetig wachsenden Talentpool sowie soliden internationalen Kooperationen zu verdanken. Das starke Engagement des chinesischen Staates sei dabei der Hauptvorteil Chinas im Kräftemessen mit anderen führenden Ländern. Im dreizehnten Fünfjahresplan hätte die Volksrepublik, so Siddiki, Nanotechnologie sogar bereits als strategisch wichtige Industrie eingeordnet.

Die Erforschung und Entwicklung von Nanotechnologie sei eine Schlüsselkomponente der ambitionierten „Made in China 2025“-Initiative, die darauf abziele, China in eine Hochburg der Hightech-Produktion zu verwandeln. Auch die Heimkehr im Ausland ausgebildeter chinesischer Forscher und Wissenschaftler spiele eine Rolle: Die Versprechungen guter Löhne, leicht zugängliche Fördermittel und die heimische Herstellung hochmoderner Forschungsinstrumente würden viele der Forscher zurück nach China locken.

China als Hightech-Vorreiter: Ergebnis jahrzehntelanger Vorbereitungen

Als „leuchtendes Vorbild“ des Erfolgs Chinas in der Nanotechnologie nennt Siddiki „Nanopolis“. Die „weltgrößte nanotechnologische Industriezone“ befindet sich im Osten der Stadt Suzhou (nahe Schanghai) und beherbergt zahlreiche private – sowohl chinesische als auch internationale – Startups aus den Bereichen der Nanotechnologie und Nanowissenschaft. Überhaupt würde die Privatwirtschaft die Speerspitze der Entwicklung von und Forschung an Nanotechnologie bilden - ungewöhnlich für China, wo der Industrialisierungs- und Modernisierungssektor sonst größtenteils vom Staat dominiert wird.

Und das nicht ohne Folge: Ob Klonen, Krebsforschung, Meeres- oder Weltraumerkundung – laut Siddiki erweist sich China zunehmend als bahnbrechender Innovationstreiber auf dem Feld der Nanotechnologie. Dabei sei der Erfolg das Ergebnis beharrlicher Bemühungen, die ihren ersten Ausgangspunkt in einem überaus erfolgreichen staatlichen Forschungsprogramm in den Jahren 1990 bis 1999 gehabt hätten. Seitdem stünden Erforschung und Entwicklung von Nanotechnologie unter direkter Aufsicht des chinesischen Wissenschafts- und Technologieministeriums. Erstmalig hatte die chinesische Regierung 1986 den Entschluss gefasst, die Wettbewerbsfähigkeit des heimischen Hightech-Sektors zu steigern.

Nanopartikel gegen Krebs, Klonversuche und Züchtung künstlichen Gewebes

Laut Siddiki sind die Errungenschaften der chinesischen Nanowissenschaftler beeindrucken. Ein Beispiel: Ein chinesisches Forschungsteam hat eine neue Form synthetischer, biologisch abbaubarer Nanopartikel entwickelt. Die modifizierbaren Lipid-Nanopartikel (bekannt für ihre Nutzung in mRNA-Impfstoffen gegen Covid-19), seien in der Lage, Zellen genetisch zu verändern und wären dementsprechend bei der Behandlung von Erbkrankheiten sowie Hirn, Leber- und Lungenkrebs von Nutzen.

In Shenyang wiederum hätten Robotik-Forscher einen Laser entwickelt, der imstande sei, eine winzige Gasblase zu erschaffen. Diese Blase ließe sich wiederum als eine Art „Roboter“ gebrauchen, der mit mikroskopischer Genauigkeit Materialien auf Nano-Ebene manipulieren und bewegen könne. Der sogenannte "Blasen-Roboter" („Bubble bot“) könnte unter anderem bei der Züchtung künstlichen Gewebes oder sogar bei Klonversuchen eingesetzt werden. Eine weitere bahnbrechende Erfindung könnte laut Siddiki sogar eine „grüne Revolution" in der Druckindustrie auslösen: ein neues Nanomaterial, das in der Lage sein soll, Millionen Tonnen von Schadstoffen, die bei der Nutzung von Druckplatten freigesetzt werden, zu vermeiden.

Mögliche Führungsrolle Chinas birgt Potenzial für Spannungen

Für problematisch erachtet Siddiki, der sich besonders für die geopolitischen Implikationen des technologischen Fortschrittes in der Nanotechnologie interessiert, dass ausgerechnet das autoritär regierte China über eine dermaßen hoch entwickelten Nanotechnologie-Branche verfügt: Viele Nationen des Westens, aber auch Asiens hätten „eine Reihe von Sorgen im Hinblick darauf, wie die autoritäre Führung in Peking ihre frisch gewonnene Macht und Stellung auf der Weltbühne einzusetzen trachtet". Gerade die Verbindung zwischen Chinas wirtschaftlicher Schlagkraft und den dortigen Fortschritten in der Hochtechnologie berge Potenzial für Auseinandersetzungen.

Als solche führt Siddiki Spannungen bezüglich der globalen Lieferketten, Debatten über Normen für die Zugänglichkeit von Forschungsergebnissen sowie Bedenken hinsichtlich des Technologietransfers, der Festlegung internationaler Technologiestandards und der Regulierung großer Technologie-Unternehmen an. Die chinesischen Fortschritte in der Nanotechnologie würden dabei nur den Beginn des chinesischen Hightech-Überholmanövers markieren. Umso mehr müsse der Westen – allen voran die USA – jetzt handeln und sich die Führungsrolle auf den Gebieten der Nanotechnologie und Nanowissenschaft erkämpfen.

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