Weltwirtschaft

Weltberühmter Ökonom: Die Inflation ist nicht mehr aufzuhalten - die Rezession auch nicht

Lesezeit: 6 min
20.03.2022 11:00
Es kommt alles zusammen: Rohstoffkrise, Ukraine-Krieg, kein Ende der Pandemie. Der weltberühmte Ökonom Nouriel Roubini analysiert die Lage - und kommt zu unschönen Ergebnissen.

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Ende Dezember habe ich davor gewarnt, dass 2022 viel schwieriger werden würde als 2021. Im letzten Jahr ging es den weltweiten Märkten und Volkswirtschaften insgesamt gut, und nach der massiven Rezession von 2020 wurde das Wachstumspotenzial übertroffen. Zur Jahreswende 2022 wurde allerdings offensichtlich, dass die Inflation nicht nur vorübergehend steigen würde, dass das ständig mutierende Coronavirus in der ganzen Welt weiter für Unsicherheit sorgt, und dass sich die geopolitischen Risiken verschärfen. Die erste der drei geopolitischen Bedrohungen, die ich damals erwähnt habe, ging vom russischen Präsidenten Wladimir Putin aus, der in Grenznähe zur Ukraine massenhaft Truppen zusammenzog.

Nach zwei Monaten stockender Diplomatie und auf Täuschung beruhender Verhandlungen von Seiten des Kreml hat Russland nun eine vollständige Invasion der Ukraine begonnen, zu der auch das gehört, was amerikanische Politiker den Versuch nennen, die demokratisch gewählte ukrainische Regierung zu „köpfen”. Übrigens: Trotz wiederholter Warnungen der Biden-Regierung, dass Russland mit seinem Krieg ernst machen würde, haben die Bilder von russischen Panzer- und Helikopter-Schwadronen in der Ukraine die Welt in Schock versetzt - offensichtlich glaubte niemand daran, dass Putin wirklich ernst machen würde.

Nun müssen wir die wirtschaftlichen und finanziellen Folgen dieser historischen Entwicklung untersuchen. Beginnen wir mit einer wichtigen geopolitischen Einordnung: Es handelt sich hier um eine massive Eskalation des Zweiten Kalten Krieges, in dem vier revisionistische Mächte – China, Russland, Iran und Nordkorea – die lange globale Dominanz der Vereinigten Staaten und die internationale Nachkriegsordnung unter westlicher Führung herausfordern. In diesem Zusammenhang sind wir in eine geopolitische Depression geraten, die – weit über die Ukraine hinaus – massive wirtschaftliche und finanzielle Folgen haben wird.

Insbesondere wird nun im nächsten Jahrzehnt ein heißer Krieg zwischen Großmächten wahrscheinlicher. Und im Zuge der weiteren Eskalation des neuen Kalten Kriegs zwischen den USA und China wird auch Taiwan immer mehr zu einem möglichen Krisenherd, in dem sich der Westen und das entstehende Bündnis revisionistischer Mächte gegenüberstehen.

Eine stagflationäre Rezession

Eine große Gefahr besteht nun darin, dass die Märkte und die politischen Analysten die Auswirkungen dieses geopolitischen Regimewandels unterschätzen. Zum Marktschluss des 24. Februar, am Tag der Invasion, waren die US-Aktienmärkte gestiegen – in der Hoffnung, dieser Konflikt würde die Bereitschaft der US-Notenbank Federal Reserve und anderer Zentralbanken zu Zinserhöhungen dämpfen. Aber der Ukraine-Krieg ist kein für die Weltwirtschaft und das internationale Finanzsystem unbedeutender Konflikt von der Art, wie wir sie in den letzten Jahrzehnten in anderen Teilen der Welt immer wieder gesehen haben. Das heißt, Analysten und Investoren dürfen nicht denselben Fehler wie vor dem Ersten Weltkrieg machen, als fast niemand einen großen globalen Konflikt kommen sah. Fakt ist: Die heutige Krise ist ein geopolitischer Quantensprung, dessen langfristige Wirkung und Bedeutung kaum überschätzt werden darf.

In wirtschaftlicher Hinsicht ist jetzt eine weltweite stagflationäre Rezession sehr wahrscheinlich. Analysten fragen sich bereits, ob die Fed und die anderen großen Zentralbanken diese Krise und ihre Folgen abfedern können. Verlassen sollten wir uns darauf nicht. Der Krieg in der Ukraine wird einen massiven negativen Angebotsschock auslösen – in einer Weltwirtschaft, die immer noch unter COVID-19 und einem Jahr zunehmenden Inflationsdrucks leidet. Der Schock wird das Wachstum verringern und die Inflation weiter steigern – zu einem Zeitpunkt, in der die Inflationserwartungen sowieso bereits in die Höhe schießen.

Der kurzfristige Effekt des Krieges auf die Finanzmärkte ist bereits klar: Angesichts eines massiven stagflationären Schocks mit entsprechender Risikoflucht werden die weltweiten Aktienmärkte von der momentanen Korrekturphase (minus zehn Prozent) wahrscheinlich in einen Bärenmarkt übergehen (minus 20 Prozent oder mehr). Sichere Staatsanleihen werden eine Weile im Kurs fallen und dann, wenn die Inflation in die Höhe schnellt, wieder steigen. Öl und Erdgas werden – mit weit über 100 Dollar pro Barrel – neue Preisspitzen erreichen, ebenso wie viele andere Rohstoffe, da sowohl Russland als auch die Ukraine große Exporteure von Rohmaterialien und Nahrungsmitteln sind. Der Goldpreis sowie Sichere-Hafen-Währungen wie der Schweizer Franken werden weiter steigen.

Die wirtschaftlichen und finanziellen Folgen des Krieges und des nachfolgenden stagflationären Schocks werden natürlich in Russland und der Ukraine am stärksten sein – gefolgt von der Europäischen Union, die massiv von russischem Gas abhängig ist. Aber sogar die USA werden darunter leiden. Da die weltweiten Energiemärkte so stark integriert sind, werden weltweite Preisspitzen beim Öl – die durch die Brent-Notierung ausgedrückt werden – auch die Preise für US-Rohöl (West Texas Intermediate) erheblich beeinflussen. Ja, die USA sind zwar inzwischen ein kleiner Energie-Nettoexporteur, aber die makroökonomischen Effekte des Schocks werden trotzdem negativ sein. Ein paar Energie-Unternehmen könnten höhere Gewinne machen, aber Haushalte und Unternehmen werden einen massiven Preisschock erleiden und deshalb ihre Ausgaben einschränken (müssen).

Angesichts dieser Dynamik wird sogar die eigentlich starke und gut dastehende US-Wirtschaft einen scharfen Rückgang und eine Wachstumsrezession erleben. Weiter verschärft werden die negativen makroökonomischen Effekte der Invasion durch restriktivere Finanzierungsbedingungen und die daraus entstehenden Folgen für Unternehmen, Verbraucher und das Investorenvertrauen – sowohl in den USA als auch weltweit.

Die bevorstehenden Sanktionen gegen Russland – wie umfangreich sie auch ausfallen und wie nötig sie für zukünftige Abschreckung sein mögen – werden unweigerlich nicht nur Russland weh tun, sondern auch dem Westen und den Entwicklungsländern. Wie US-Präsident Joe Biden in seinen öffentlichen Ansprachen an das amerikanische Volk wiederholt klar gemacht hat: „Die Verteidigung der Freiheit wird auch uns Kosten verursachen, bei uns zu Hause. Dies müssen wir ehrlich sagen.“

Darüber hinaus ist es möglich, dass Russland auf neue westliche Sanktionen mit eigenen Gegenmaßnahmen reagiert: vor allem mit einer stark verringerten Ölförderung, um die weltweiten Ölpreise noch weiter in die Höhe zu treiben. Sind diese Preissteigerungen größer als der Rückgang der Ölexporte, würde dies für Russland einen Nettogewinn bedeuten. Putin weiß, dass er den westlichen Volkswirtschaften und Märkten asymmetrisch schaden kann, da er den größten Teil des letzten Jahrzehnts damit verbracht hat, seine Kriegskasse aufzufüllen und sich finanziell gegen zusätzliche Wirtschaftssanktionen abzuschirmen.

Schadensbegrenzung ist nur eingeschränkt möglich

Ein tiefer stagflationärer Schock ist für die Zentralbanken ein Albtraum, ob sie nun darauf reagieren oder nicht. Wenn sie in erster Linie das Wachstum im Auge haben, sollten sie Zinserhöhungen aufschieben oder verlangsamen. Aber im heutigen Umfeld – in dem die Inflation steigt und die Zentralbanken bereits im Hintertreffen sind – könnte eine langsamere geldpolitische Straffung die Inflationserwartungen noch beschleunigen und die Stagflation noch verschlimmern.

Beißen die Zentralbanken jedoch in den sauren Apfel und erhöhen die Zinsen, wird die drohende Rezession noch schlimmer. Dann wird die Inflation mit höheren nominalen und realen Leitzinsen bekämpft, was die Kreditkosten steigert und so die Wirtschaft insgesamt dämpft. Wir haben dies bereits jeweils bei den Ölpreisschocks von 1973 und 1979 erlebt, und die Wiederholung wird fast so schlimm werden wie damals.

Obwohl die Zentralbanken die Rückkehr der Inflation aggressiv bekämpfen sollten, werden sie wahrscheinlich (wie in den 1970ern) versuchen, sie unter den Tisch zu kehren. Sie werden argumentieren, das Problem sei zeitlich begrenzt und die Geldpolitik könne einen exogenen negativen Angebotsschock nicht beeinflussen oder rückgängig machen. Wenn dann der Moment der Wahrheit kommt, werden sie wahrscheinlich einknicken und sich für eine langsamere geldpolitische Straffung einsetzen, um eine noch schlimmere Rezession zu verhindern. Aber dies wird die Inflationserwartungen noch weiter steigern.

Die Politiker werden unterdessen versuchen, den negativen Angebotsschock zu dämpfen. Die USA werden versuchen, den Benzinpreis unter Kontrolle zu bringen, indem sie ihre strategischen Ölreserven anzapfen und Saudi-Arabien dazu drängen, die dortigen Reservekapazitäten zur Steigerung der Ölförderung zu nutzen. Aber diese Maßnahmen werden nur begrenzt wirksam sein, da aufgrund der Furcht vor weiteren Preisspitzen weltweit Energiereserven gehortet werden.

Unter diesen neuen Umständen wird sich der Druck auf die USA noch verstärken, einen Modus Vivendi mit dem Iran – einem weiteren potenziellen Ölversorger – zu erreichen und das Nuklearabkommen von 2015 zu erneuern. Aber der Iran ist mit China und Russland verbündet, und die Politiker dort wissen, dass jegliche Einigung, die sie heute erzielen, 2025 – falls Donald Trump oder einer seiner Nachahmer in den USA an die Macht kommt – wieder hinfällig sein könnte. Daher ist ein neues Nuklearabkommen unwahrscheinlich. Schlimmer noch, ohne ein solches Abkommen wird der Iran sein Nuklearprogramm weiter vorantreiben, was die Gefahr erhöht, dass Israel die Atomanlagen des Landes unter Beschuss nimmt. Dies würde der globalen Wirtschaft einen weiteren negativen Angebotsschock versetzen. Das Fazit ist, dass die Fähigkeit des Westens, dem durch den Ukraine-Krieg verursachten stagflationären Schock zu begegnen, durch mehrere geopolitische Hemmnisse erheblich eingeschränkt ist.

Ein neues altes Problem

Auch auf die Haushaltspolitik können sich die westlichen Politiker im Kampf gegen die wachstumsdämpfenden Effekte des Ukraine-Schocks nicht verlassen. Erstens geht den USA und vielen anderen Industrienationen die fiskale Munition aus, da sie gegen die Pandemie bereits alle monetären Dämme eingerissen haben. Bereits jetzt sind die Schulden dieser Länder nicht mehr nachhaltig, und sie zu bedienen wird in einem Umfeld höherer Zinsen immer teurer.

Und noch wichtiger ist, dass haushaltspolitische Stimuli die falsche Antwort auf einen stagflationären Angebotsschock sind. Sie können zwar die negativen Wachstumseffekte verringern, tragen aber auch zum Inflationsdruck bei. Und treffen die Politiker gegen den Schock sowohl geldpolitische als auch haushaltspolitische Maßnahmen, werden die stagflationären Folgen – aufgrund noch stärker steigender Inflationserwartungen – noch schlimmer sein.

Nach der weltweiten Finanzkrise von 2008 wirkten die massiven geld- und haushaltspolitischen Stimuli der Regierungen nicht inflationär, weil der Schock auf der Nachfrageseite stattfand und von einer Kreditklemme getrieben wurde – zu einem Zeitpunkt, als die Inflation niedrig war und unterhalb ihres Zielwerts lag. Heute ist die Lage völlig anders. In einer Welt, in der die Inflation bereits steigt und sich deutlich über ihrem Zielwert befindet, findet der Schock auf der Angebotsseite statt.

Es ist verführerisch zu glauben, die wirtschaftlichen und finanziellen Folgen des russisch-ukrainischen Konflikts seien nur gering und kurzfristig. Russland trägt zwar mit nur drei Prozent zur Weltwirtschaft bei (und die Ukraine noch viel weniger), aber die arabischen Staaten mit ihrem Ölembargo von 1973 und das revolutionäre Iran im Jahr 1979 hatten einen noch kleineren Anteil am globalen BIP.

Die weltweiten Folgen von Putins Krieg werden durch Öl und Erdgas ausgelöst, beschränken sich aber nicht darauf. Sie werden dem Vertrauen in die Wirtschaft weltweit einen massiven Schlag versetzen – zu einer Zeit, in der die fragile Erholung von der Pandemie bereits von Unsicherheit und steigendem Inflationsdruck bestimmt wird. Die Folgen der Ukrainekrise – und der von ihr ausgelösten geopolitischen Depression – werden alles andere als vorübergehend sein.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

Copyright: Project Syndicate, 2022.

www.project-syndicate.org

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Über den Autor: 

Nouriel Roubini ist Gründer und Leiter des Wirtschafts- und Kapitalmarkt-Informationsdienstes "Roubini Global Economics". Er lehrte Volkswirtschaft an der "New York University" und war als Berater des US-Finanzministeriums tätig. Sein 2010 erschienenes Buch "Das Ende der Weltwirtschaft und ihre Zukunft" löste weltweit kontroverse Diskussionen aus. Roubinis Arbeit wird von einigen Ökonomen als unwissenschaftlich kritisiert. Andere loben ihn für sein praxisorientiertes Denken sowie die Tatsache, dass sich sehr viele seiner Vorhersagen als korrekt erwiesen haben. 


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