Deutschland

Deutsche Renten steigen um bis zu 6,12 Prozent

Für Rentner in Deutschland gibt es eine positive Aussicht. Ihre Bezüge sollen stärker steigen als bisher gedacht - vor allem in Ostdeutschland.
22.03.2022 11:27
Aktualisiert: 22.03.2022 11:27
Lesezeit: 3 min
Deutsche Renten steigen um bis zu 6,12 Prozent
Ein Rentner füllt seine Steuererklärung aus. (Foto: dpa) Foto: Lino Mirgeler

Die rund 21 Millionen Rentnerinnen und Rentner in Deutschland können sich auf die kräftigste Erhöhung der Bezüge seit Jahrzehnten einstellen. So sollen die Renten am 1. Juli um 5,35 Prozent in Westdeutschland und um 6,12 Prozent in Ostdeutschland steigen, wie das Bundesarbeitsministerium am Dienstag in Berlin mitteilte. «Es wird eine der höchsten Rentenanpassungen in Deutschland seit Einführung der Rentenversicherung geben», sagte die Präsidentin der Deutschen Rentenversicherung Bund, Gundula Roßbach.

Die turnusgemäße Rentenanpassung fällt absehbar deutlich höher aus als zunächst angenommen. Ende November hatte Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) noch 4,4 Prozent genannt. Ein wesentlicher Grund ist die positive Lohnentwicklung in Deutschland. Heil sagte: «Gerade angesichts der aktuellen Herausforderungen - sei es durch steigende Preise oder die internationale Krisenlage - ist es wichtig, zu sehen, dass unser Rentensystem funktioniert.»

Eine monatliche Rente von 1000 Euro, die nur auf West-Beiträgen beruht, erhöht sich der Prognose zufolge im Juli um 53,50 Euro, eine gleich hohe Rente mit Ost-Beiträgen um 61,20 Euro.

Unmittelbar nach der Bekanntgabe der Prognose setzte Streit um von der Regierung bis zum Sommer vorgesehene Neuregelungen ein, ohne die die Erhöhung sogar noch kräftiger ausfallen würde. Dabei geht es um die Wiedereinführung des sogenannten Nachholfaktors. Hintergrund ist, dass es im vergangenen Jahr trotz eines pandemiebedingten Einbruchs der Einnahmen keine Rentenkürzung gab. Eine Rentengarantie sorgte 2021 noch für eine Nullrunde. Der Nachholfaktor soll dies ausgleichen und die nun folgende Erhöhung dämpfen. In der neuen Berechnung ist er bereits berücksichtigt.

Die Arbeitgeber kritisierten, die Rentengarantie habe die Rentner vergangenes Jahr vor Kürzungen bewahrt. «Umso unverständlicher ist es, wenn die Renten dennoch in diesem Jahr sehr viel stärker steigen sollen als die Löhne», sagte der Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands BDA, Steffen Kampeter, der Deutschen Presse-Agentur. Rentensteigerungen über der tatsächlichen Lohnentwicklung müssten jetzt unterbleiben; die Sozialversicherungsausgaben dürften nicht steigen.

Die Gewerkschaften kritisierten die Dämpfung durch den Nachhaltigkeitsfaktor, da derzeit die Preise weiter zu steigen drohten. «Was genau die Bundesregierung in den komplexen Formeln der Rentenanpassung nun verrechnet hat, ist uns derzeit noch nicht bekannt», sagte DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel. «Der DGB wird in jedem Fall genau hinschauen und jeden Angriff abwehren, der darauf abzielt, die Renten weiter von den Löhnen abzukoppeln.»

Heil betonte, die Entwicklung der Renten dürfe nicht von der Entwicklung der Löhne abgekoppelt werden. Die Rentenanpassung wird in einer Verordnung festgelegt.

Auch vor der Nullrunde im vergangenen Jahr waren die Renten gestiegen - aber deutlich weniger stark als nun vorhergesagt. 2020 hatte es ein Rentenplus von 3,45 Prozent im Westen und 4,20 Prozent im Osten gegeben. Eine höhere Rentenerhöhung im Westen wie für dieses Jahr prognostiziert gab es zuletzt 1983 mit damals plus 5,59 Prozent.

Der Rentenwert im Westen steigt laut der der aktuellen Prognose von 34,19 auf 36,02 Euro, im Osten von 33,47 auf 35,52 Euro. Dieser Wert gibt an, wie viel ein Entgeltpunkt in der Rentenversicherung wert ist; ein solcher Punkt ist maßgeblich für die Höhe der Rente.

Kritik kam von der Opposition. Unionsfraktionsvize Sepp Müller (CDU) sagte, die Erhöhung auch der ostdeutschen Renten schmelze unter der aktuellen Inflationsrate von 5,1 Prozent wie Butter in der Sonne dahin. «Die Bundesregierung steht in der Pflicht, die Bürgerinnen und Bürger bei ihren Lebenshaltungskosten erheblich zu entlasten», sagte Müller der Deutschen Presse-Agentur. Das gelte für die Sprit-, die Energie- und weitere Lebenshaltungskosten. Der Fraktionschef der Linken im Bundestag, Dietmar Bartsch, sagte dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND), das Problem der hohen Preise bleibe. «Deshalb ist diese Rentenerhöhung eben nur ein Inflationsausgleich.»

Rentenpräsidentin Roßbach stellte fest: «Rückblickend hat es für die Rentnerinnen und Rentner seit 2010 ein deutliches Plus bei der Rente gegeben.» Bis 2020 seien die Standardrenten im Westen um über 25 und im Osten über 37 Prozent gestiegen. «Der Anstieg lag damit deutlich über der Entwicklung der Inflation in diesem Zeitraum.»

Für die Rentenberechnung maßgeblich ist die vom Statistischen Bundesamt erfasste Lohnentwicklung. Die für die Anpassung relevante Lohnsteigerung beträgt laut Ministerium 5,8 Prozent in den alten und rund 5,3 Prozent in den neuen Ländern. Bei den Entgelten der Versicherten schlug sich trotz Corona der massive Einsatz von Kurzarbeit positiv bei der Rente zu Buche. Denn auch hierfür fließen Beiträge, wie das Arbeitsressort erläuterte.

Das Rentenniveau beträgt nach der berechneten Rentenanpassung 48,14 Prozent. Erwartet wird, dass die Bundesregierung demnächst auch Pläne für eine Besserstellung von Menschen vorlegt, die wegen Krankheit nicht mehr arbeiten können. Dabei sollen Personen mit Erwerbsminderungsrenten bessergestellt werden, wie es in Koalitionskreisen hieß.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Italiens Ex-Ministerpräsident Letta im Interview: Einmalige Chance für Europa zur Reform des Binnenmarkts
10.05.2026

Europas Wettbewerbsfähigkeit gerät unter Druck, während sich das politische Kräfteverhältnis in der EU verschiebt. Kann der Kontinent...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Quantencomputing an der Börse: Was Anleger jetzt wissen sollten
10.05.2026

Quantencomputing wird für Anleger zunehmend greifbar, da technische Fortschritte und neue Börsengänge den Markt in eine neue Phase...

DWN
Immobilien
Immobilien Mieten 101: Wie Sie Ihre Traumwohnung kriegen - trotz eines angespannten Immobilienmarktes
10.05.2026

Jeder kennt Horrorgeschichten von Wohnungsbesichtigungen mit 50 Bewerbern auf ebenso vielen Quadratmetern. Wie Sie als Bewerber aus der...

DWN
Panorama
Panorama Futuristische Kabinen auf alten Gleisen: Neues öffentliches Verkehrssystem mit autonomen Fahrzeugen?
10.05.2026

Stillgelegte Bahnstrecken könnten für den öffentlichen Nahverkehr im ländlichen Raum wieder an Bedeutung gewinnen. Kann Monocab OWL...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Die Box, die Distanzen schrumpfen ließ: 60 Jahre Logistik-Wunder
10.05.2026

Sie sehen aus wie bunte Bauklötze aus Stahl und passen nahtlos auf Schiffe, Züge sowie Lastwagen: Container. Als am 5. Mai 1966 das erste...

DWN
Panorama
Panorama Klimafreundlicher Straßenbau: Kälterer Asphalt soll CO2-Ausstoß senken
10.05.2026

Klimafreundlicher Asphalt wird für die Baubranche zunehmend zum Prüfstein zwischen Kosten, CO2-Reduktion und technischer...

DWN
Technologie
Technologie Antropic: Gefürchtetes KI-Modell erschüttert Banken und Regierungen
10.05.2026

Anthropic will den Zugang zu Mythos ausweiten, obwohl das Weiße Haus Sicherheitsbedenken anmeldet. Das KI-Modell soll unbekannte...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Kurzarbeit in Deutschland: 133 Millionen Stunden verloren – ein Warnsignal
09.05.2026

Die Zahl ausgefallener Arbeitsstunden durch Kurzarbeit steigt weiter an und signalisiert eine wachsende Belastung für die deutsche...