Politik

DWN-RECHERCHE: In Russland wachsen die Zweifel am Sinn des Krieges

Lesezeit: 4 min
10.04.2022 09:29
DWN-Autor Mathias v. Hofen ist regelmäßig in Russland unterwegs. Er hat Bekannte kontaktiert, um zu erfahren, wie diese die Stimmung in der Bevölkerung einschätzen.
DWN-RECHERCHE: In Russland wachsen die Zweifel am Sinn des Krieges
Der russische Präsident Wladimir Putin (M) hört sich bei seinem jährlichen TV-Auftritt in der Sendung "Direkter Draht" Fragen von Zuschauern an. Der Kreml-Chef wird in der mehrstündigen Fernsehsendung vor allem mit Problemen aus allen Teilen des Landes konfrontiert. (Foto: dpa / Juni 2019)
Foto: Alexei Nikolsky

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Offensichtlich verunsichert der Krieg in der Ukraine einen wachsenden Anteil der russischen Bevölkerung. Gerade bei der jüngeren Generation, die sich in hohem Maße über das Internet informiert, scheint die Skepsis gegenüber dem Krieg zu wachsen.

Es ist relativ schwer, aktuell etwas über die Stimmung in Russland zu erfahren. Meinungsumfragen, nach denen über siebzig Prozent der Russen weiter Vertrauen zu Putin haben, sind mit Vorsicht zu genießen. Es erscheint zweifelhaft, ob Umfragen in einer Zeit, in der der russische Staat deutlich repressiver als früher gegen Kritiker und vermeintliche Gegner vorgeht, glaubwürdig sind. Und als Gegner gelten jetzt auch schon Menschen, die nur ein Ende der Kämpfe fordern.

Ich habe daher versucht, mir über verschiedene Bekannte in Russland einen Überblick über die Stimmung im Land zu verschaffen. Natürlich ist ein solches Stimmungsbild nicht repräsentativ, doch verschiedene Aussagen stehen im Widerspruch zu dem, was die russische Regierung verkünden lässt.

Natalia W. (die Nachnamen meiner Gesprächspartner habe ich aus Gründen ihrer Sicherheit hier und im Folgenden abgekürzt) arbeitet als Journalistin für eine überregionale russische Zeitung. Sie kommt ursprünglich aus Petersburg. Ihrer Einschätzung nach sind in der Stadt mindestens die Hälfte der Menschen gegen den Krieg. Wiederholt schon gab es Demonstrationen, wobei Polizei und Miliz die meisten der Demonstrierenden festnahmen. Einige wurden nach ein oder zwei Tagen wieder freigelassen, doch anderen drohen Haftstrafen bis zu sechs Jahren. Natalia W.: „Wer zu einer Demonstration gegen den Krieg im Internet aufruft, dem drohen sogar bis zu 15 Jahre Haft. Das gilt generell für die Verbreitung von ´Fake News´. Und Fake News ist eigentlich alles, was der offiziellen Meinung widerspricht.“

In Petersburg, das traditionell als Russlands Fenster nach Europa gilt, haben sich viele Bürger auf stillschweigenden Protest zurückgezogen. Frau W.: „In der ersten Kriegswoche hat man häufig Menschen mit Blumensträußen in blau und gelb auf der Straße gesehen. Andere trugen demonstrativ blau-gelbe Kleidung.“ Blau und Gelb sind die Nationalfarben der Ukraine. Angeblich sollen seitdem einige Textilgeschäfte Kleidung in diesen beiden Farben nicht mehr verkaufen, da sie Repressionen des Staates befürchten.

Die staatlich gelenkte Berichterstattung in Russland blendet die hohen Opferzahlen auf beiden Seiten gerne aus. Auf russischer Seite dienen viele Rekruten. Ein westlicher Journalist, der in Russland arbeitet, bestätigt im Interview, dass viele der Soldaten bereits seit November fast ununterbrochen im Manöver waren. Vom Manöver aus wurden sie direkt in den Kampfeinsatz geschickt. „Man hat ihnen erzählt, dass sie in der Ukraine mit Blumen empfangen würden und bald wieder nach Hause zurückkehren könnten.“ Verschiedene Reaktionen zeigen, dass viele Russen darüber erschrocken sind, wie die Regierung ihre eigenen Soldaten so unvorbereitet in den Kampf schicken konnte und den Tod oder schwere Verwundungen von bereits jetzt wahrscheinlich über Zehntausend Soldaten in Kauf genommen hat.

Offensichtlich ist, dass die Kritik an Putins Krieg in den großen Städten stärker ausgeprägt ist als in eher ländlichen Regionen. Während in den Städten das Internet seit Langem von sehr vielen Menschen aktiv genutzt wird, ist die Quote in Kleinstädten und Dörfern deutlich geringer - dort informieren sich viele Bürger vor allem über das Fernsehen. Allerdings gibt es nur noch staatliche oder staatsnahe Sender. Der letzte regierungskritische Sender „Doschd“ (dt: Regen) wurde am 1. März wegen seiner Berichterstattung über den Krieg geschlossen, wobei er seit 2014 sowie nur noch über das Internet empfangbar gewesen war. Auch beim Rundfunk gibt es mittlerweile nur noch staatliche Sender. Der letzte unabhängige überregionale Sender „Echo Moskvy“ (dt: Echo Moskaus) musste ebenfalls am 1. März seinen Betrieb wegen kritischer Berichterstattung über die Kämpfe in der Ukraine einstellen. Die Unabhängigkeit von „Echo Moskvy“ zeigte sich übrigens auch an dem Umstand, dass hier regierungsnahe Akteure ebenso wie Vertreter der Opposition zu Gehör kamen.

Wer nur Informationen über das Fernsehen bezieht, schenkt oftmals der Sprachregelung der Regierung Glauben, dass es sich um eine begrenzte Militäroperation handelt. So berichtet die Moskauerin Julia B. über ein Gespräch mit ihrer Mutter, die in einer kleinen Ortschaft im Ural lebt. Ihre Mutter hasst den Krieg, da sie ihn in ihrer Kindheit selbst erleben musste: „Doch jetzt glaubt sie, dass der Krieg kein Krieg ist, sondern ein Spezialeinsatz. Sie ist unendlich verwirrt und sorgt sich um die Ukrainer. Und denkt, Russland tut das Ganze für sie. Rettet sie vor den schrecklichen Nazis.“ Vermutlich findet sich diese Haltung bei vielen älteren Mensch, die den Zweiten Weltkrieg selbst erlebt haben oder in der Nachkriegszeit aufgewachsen sind.

Im staatlichen Fernsehen werden Bewohner der Ostukraine gezeigt, wie sie russischen Soldaten für ihre „Rettung“ danken. Julia B. verurteilt dagegen den Angriff auf die Ukraine und fragt ihre Mutter: „Weißt du, dass gerade russische Soldaten selbst sterben oder Zivilisten in der Ukraine töten?“

Wenig beachtet wird in den deutschen Medien die Lage in der russischen Exklave Kaliningrad (das frühere Königsberg). Aufgrund der Sanktionen gibt es keine Flugverbindungen mehr in das übrige Russland, da automatisch litauisches Gebiet überflogen werden müsste. Warenlieferungen erfolgen nun vor allem aus Petersburg über den Seeweg, da auch der Zugverkehr eingeschränkt ist. Die Unternehmensberaterin Vera T., die in der Region lebt, sagt: „In Kaliningrad gibt es ein Gefühl der Bedrohung, das es sonst in Russland so nicht gibt, denn das Gebiet Kaliningrad ist auf allen Seiten von NATO-Staaten umgeben. Die Angst vor einer militärischen Eskalation mit der NATO in der Ukraine ist hier besonders groß. Und die meisten trauen der NATO nicht Gutes zu.“ Die massiven Waffenlieferungen und die Hochrüstung der Ukraine durch den Westen scheinen auch bei manchen Russen, die Putin wenig unterstützen, das Feindbild NATO zu verstärken.

Offensichtlich ist das Gefühl, durch den Krieg nur Nachteile zu haben, in Kaliningrad besonders stark ausgeprägt. Vera T: „Natürlich machen sich die Menschen auch Sorgen um ihre Versorgung und die Verbindungen zu Verwandten in Russland oder der EU.“

In Sibirien ist man dagegen sehr weit vom Geschehen in der Ukraine entfernt. So berichtet Pawel S. aus der Stadt Tomsk im südlichen Sibirien: „Hier ist alles ruhig. Die Versorgung ist noch relativ gut. Und falls sich die Lage doch verschlechtern sollte, so haben wir weiter unsere Datscha mit dem großen Garten. Gemüse und Obst bauen wir alles selbst an und kaufen wenig im Supermarkt. Im Prinzip machen das fast alle unserer Bekannten so.“ Nach wie vor haben sehr viele russische Stadtbewohner eine Datscha mit Garten. Hier werden vor allem Obst und Gemüse angebaut. Was in normalen Zeiten eher Hobby ist, kann in Krisenzeiten zu einem wichtigen Bestandteil der Versorgung der Bevölkerung werden.

Fazit: Letztendlich hängt die Stimmung in der russischen Bevölkerung vor allem davon ab, wie lange der Krieg geht und wie stark die eigenen Verluste sein werden. Begeisterung für den Krieg gibt es wenig, offener Widerstand ist bisher aber auch eher selten. Sollte sich die Versorgung deutlich verschlechtern und die Verluste der Armee hoch bleiben, könnte die Stimmung schnell umschlagen. Eine begrenzte militärische Operation zur Unterstützung der Separatisten in der Ostukraine hätte sicher weit weniger Opfer gefordert und wäre in der russischen Bevölkerung sehr wahrscheinlich auf deutlich mehr Zustimmung gestoßen. Doch mit seinem Angriff auf die gesamte Ukraine ist Putin ein hohes, kaum kalkulierbares Risiko eingegangen.


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